Die Rache des Meeresfrüchtebuffets

Neulich habe ich einen äußerst interessanten National-Geographic-Artikel gelesen, in dem es um vom Pazifik angespülte abgetrennte menschliche Füße an den Stränden von British Columbia ging. Sie befanden sich noch in den Schuhen und vom restlichen Körper der Verunglückten fehlte jegliche Spur. In fast allen Fällen handelte es sich um Turnschuhe. Es ist ein ellenlanger Artikel, in dem erklärt wird, wie sich der Anfangsverdacht von Serienmorden in der Region durch wissenschaftliche Untersuchungen komplett auflöste und herauskam, dass es sich um die Leichenteile von vermissten handelte, die wohl beim Wandern mit explizitem Schuhwerk an den rauen Klippenlandschaften verunglückt waren. Die Wissenschaftler*innen unternahmen Versuche mit Schweinekadawern, um den verwesungsprozeß im Meer zu untersuchen und stellten fest, dass die Kadawer relativ schnell herabsanken und relativ schnell von Aaasfressern im Meer skeletiert wurden. Diese konzentrierten sich vorwiegend auf die Weichteile am Körper.
Nun kann man sich vorstellen, dass Füße, die festgeschnürt in Kunststoffgefütterten Schuhen steckten, nicht unbedingt zu den bevorzugten Mahlzeiten solchen Getiers gehörten, die verbindenden Bänder und Sehnen um das Knöchelgelenk allerdings schon. Im weiteren Verlauf sorgten dann die gasgefüllten Taschen, wie sie seit ca. einem Jahrzehnt in den Sohlen von Turnschuhen üblich sind dazu, dass der losgetrennte Fuß, samt dem Schuh, in dem er steckte nach einiger Zeit wieder auftrieb und mit der Strömung an die Küste getrieben wurde. Innerhalb von 12 Jahren wurden somit über 20 Füße in besagter Region an die Küste gespült.
Ein Satz beschäftigte mich in diesem Artikel nachhaltig. Da schreibt die Autorin Erika Engelhaupt: „Es war, als hätte sich ein Meeresfrüchte-Buffet zum Aufstand erhoben, um sich zu rächen“. Als ein Mensch, der mit Vorspeisen, Fischgerichten und Raki sozialisiert ist, bin ich dann doch beruhigt, dass nicht nur wir diese ganzen Tiere, sondern auch sie uns ab und an munter verspeisen.
https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2021/03/wieso-werden-an-der-pazifischen-nordwestkueste-so-viele-lose-fuesse.
(P.S.: Ich bin kein Fleischverfechter – ganz im Gegenteil. Ich esse sehr selten Fleisch. Wenn, dann nur zu besonderen Anlässen und auch dann besehe ich mir sehr genau, wo das Fleisch herstammt. Fisch liebe ich. Deswegen esse ich ihn etwas öfter, aber immer noch relativ selten und wenn, dann nur lokalen Fisch, der keine langen Transportwege hinter sich hat und nicht industriell gefangen wurde. Lachs esse ich zum Beispiel gar nicht mehr und Kalamari auch nicht).

Dann lief mir ein Artikel des unsäglichen Maxim Biller vor die Linse, in welchem er ein erstaunliches Werk des jüdischstämmigen Autors Victor Klemperer in die Erinnerung der Öffentlichkeit ruft. Dieser hatte es tatsächlich geschafft, die gesamt Zeit des 3. Reichs, dank der Ehe zu seiner – wohl außergewöhlich Durchsetzungsfähigen – „arischen“ Frau in Dresden zu überleben.
Das Buch ist mit „LTI“ betitelt. Ein Kürzel, dass sich sarkastisch auf die vielen Abkürzungen der Nazis bezieht und mit „Lingua Tertii Imperii“ aufgeschlüsselt wird (die Sprache des Dritten Reichs). In diesem Werk erläutert Klemperer im Deutschen etablierte Sprachbestandteile, die aber entweder direkt von den Nazis entwickelt, oder von diesen stark geprägt wurden: https://de.wikipedia.org/wiki/LTI_%E2%80%93_Notizbuch_eines_Philologen. Maxim Biller lässt es sich natürlich nicht nehmen in seiner pseudoprovokaten Art, die Sprache der bürgerlichen Opposition und der feministischen und der LGBTI-Bewegung in karikierender Form dem Vokabular der Nazis gegenüber zu stellen, was ich abgründig finde.
Dankbar bin ich ihm aber für den unfreiwilligen Pass, den ich hier gerne aufnehmen will, um wieder einmal das Thema Sprache in den Fokus zu bringen: Denn oft wird in der Diskussion um eben diese bemerkt, dass sie „sich von sicher heraus verändere“ und man es sich nicht anmassen dürfe, sie durch einen restriktiven Eingriff von außen zu korrigieren“.
Ich denke, dass diese Leute – zu denen auch die unapetitliche Wortmasturbandin Lisa Eckhard gehört – schlicht und einfach die Unwahrheit sagen. Sprache wurde von den Menschen kreiert und schon immer durch permanente Regelungen an die Herausforderungen der Zeit und auch an dominante politische Ausrichtungen angepasst. Nicht umsonst gibt es in Deutschland einen Duden und etliche Sprachwissenschaftler*innen, die sich tagein-tagaus mit der Sprache und vor allem mit der Tragfähigkeit von Begrifflichkeiten beschäftigen. Das war auch bisher nie ein Problem. Man akzeptierte im allgemein, dass bestimmte Floskeln und Begriffe „nicht mehr zeitgemäß“ sind.
Bei den neuesten Änderungsforderungen, wie z.B. beim N-Wort, dem Z-Wort, dem Gendering etc. ist das Problem nicht – so denke ich -, dass diese Änderungen in den aktuellen Diskurs aufgenommen werden. Vielmehr geht es wohl eher darum, „wer“ diese Änderungen fordert. Es könnte nämlich durchaus sein, dass aktuell die lauten Stimmen in der Gesellschaftspolitik die der Feminist*innen, der LGBTI-Szene, der Klimaaktivist*innen und der Verfechter*innen einer gleichberechtigen Diversität sind. Das könnte vielen gerade etwas unkomod erscheinen. Aber da muß man durch, liebe Schnurzipiepels. Statt sich ständig zu echauffieren und zu jammern, sollte man sich mal ein wenig solidarisch zeigen. Und – um auf das Einstiegsthema zurück zu kommen: es gibt nach wie vor noch einige Begriffe in der aktuellen Sprache, die sehr durch die Nazis geprägt sind. Es geht vor allem darum, sich nun von dieser Sprache zu verabschieden und neue Begrifflichkeiten zu finden. So habe ich mir sagen lassen, dass der für mich bevorzugt angewandte Berufsbezeichnungs des „Kulturschaffenden“ auch auf diese Liste gehört: https://www.tagesspiegel.de/politik/matthies-meint-ist-kulturschaffende-ein-nazi-wort/23108802.html.
Hier übrigens Infos zu dem Werk von Klemperer: https://de.wikipedia.org/wiki/LTI_%E2%80%93_Notizbuch_eines_Philologen. Es gibt zu dem Thema auch eine Arte-Doku:
https://www.youtube.com/watch?v=dd9Rnu3snEk.

Als letztes habe ich (man merkt, ich habe gerade viel Zeit) noch einen Talk meines Lieblings Kurt Krömer mit dem Youtuber Torsten Sträter gesehen, in der sich beide zu ihren Depressionen bekennen. Das fand ich sehr interessant. Mir geht es genau so. Aber da gehöre ich wohl gerade nicht zur Minderheit. Vielleicht gehe ich deswegen auch bald zu meinem Hausarzt David Papo aka David 58 P und lasse mir einen guten Psychiater empfehlen. Aber da sind mir Kurt Krömer und Torsten Sträter definitiv um Meilen voraus.
https://www.youtube.com/watch?v=ZxL1lJnHJNQ.

Wolfgang Thierse, bei dir läuft?

Wolfgang Thierse und seine „normalen“ Freunde.

In regelmäßigen Abständen kocht die Identitätsdebatte auf und dann wird wieder heftig diskutiert: über kriminelle Clans, Kopftücher, Gleichberechtigungsansprüche von Frauen, Minderheiten und gesellschaftlichen Gruppen, über Klo’s für das dritte Geschlecht, Feminismus, aber auch über Sprache: über genderspezifische Richtlinien, über diskriminierende Alltagssprache, Saucennamen etc..

Vor allem für konservative Sozialdemokrat*innen ist es eine anstrengende Zeit. Das Sternchen hier habe ich extra für diejenigen in der besagten politischen Gruppierung gesetzt, die das richtig ärgerlich finden. Sie verlieren an Boden und an Legitimation. Es wurde auch endlich Zeit, denn die Entwicklung bahnt sich schon seit Jahrzehnten an. Im Grunde stank es schon von Anfang an zum Himmel und die Geschichte hat recht behalten: die Sozialdemokratie ist mitlerweile im Hafen der identitären Wirtschaftsliberalität angelangt, den sie am Beginn ihrer Reise vor über einem Jahrhundert angepeilt hatte. Und wie nicht anders zu erwarten, hat sie unterwegs das einst so prächtige Enteckungsschiff beim politischen Glücksspiel verzockt. Jetzt haben sie kein Schiff mehr, mit dem sie nach neuen Ufern aufbrechen können, sitzen besoffen in der Hafenkneipe und schwadronieren altersmüde herum, während andere mit einer frischen Flotte fahrt aufnehmen.

Als Paradebeispiel eines solchen Verlierers sehe ich Wolfgang Thierse, der sich jetzt kurz vor der wohlverdienten Genossenhimmelfahrt noch ein Denkmal setzen will, in dem er gönnerisch das Land auf gemeinsame identitäre Werte einschwört und verstohlen die Arschbacken vor den Herausforderungen der Zeit zusammenkneift, indem er ein Recht auf eine toxische Mehrheitsnormalität fordert und sich besorgt über Forderungen aus benachteiligten Gesellschaftsgruppen äußert, die Augenhöhe in der Anwendung der deutschen Sprache fordern.
Ich erwarte von keinem gestandenen Genossen oder Genossin, dass er/sie todesmutig das Heft in die Hand nimmt und revolutionäre gesellschaftliche Veränderungen einfordert, das unbewährte Alte mal beiseite legt und Neues wagt, ohne ein kleinkariertes, krächzendes, halblautes „aber“ hinzuzufügen und sich wieder genau so eloquent aus der Verantwortung herauszureden, wie er oder sie hineingerutscht ist. Aber ich könnte mir schon erwarten, dass Wolfgang Thierse, als ein Vertreter des etablierten weißen Männerstandes, einfach mal still ist. Genau. Ich weiß, wir leben in einer Demokratie und er fordert offensiv und mutig das Existenzrecht der Mehrheitsgesellschaft – was einen durchaus originell bis realsatirischen Ansatz beinhaltet-, aber es zählen in einer sachlichen Auseinandersetzung die dringlichen und substantiellen Argumente – besonders in einer Demokratie. Auch wenn er einen privilegierten Pimmel hat, Bundestags- und Bundespräsident war, sollte er wissen, dass man in Dingen, die die eigene Kompetenz übersteigen durchaus mal nichts sagen und damit weit mehr für die Demokratie tun kann, als ständig irgendeinen Furz rauszulassen, nur weil man Angst vor dem Tod und dem vergessen werden hat.

Für alle Wolfgang Thierses dieser Welt gibt es eh genug Grund zur Sorge: Die Frau ist im Vormarsch und so ist es auch die Genderthematik, die globale Gleichberechtigung, Kapitalismuskritik, Kritik an Identitätspolitik, Dekolonialisierung, Klimadebatte und alle anderen Makro- und Mikrothemen, die mit alledem verbunden sind. Das wird sich sehr wohl auch in der Entwicklung der Sprache deutlich bemerkbar machen und zwar so, wie das schon immer gewesen ist. Solle er sich mal die Entwicklung der deutschen Sprache im letzten Jahrhundert mal vor Augen halten, der gute Wolfgang, dann wird er das mit Sicherheit auch selber zu bestätigen wissen.
Sprache ist nie statisch und wird immer neu ausgehandelt. Genau das passiert jetzt: wir werden knallhart debattieren und uns auch über Details und Lapalien streiten – genau so, wie seine Generation es Jahrzehnte lang getan hat und wir gelangweilt zusehen mussten. Daran ist die Welt nicht zugrunde gegangen und das wird sie auch jetzt nicht tun.
Wichtig ist nur, was unter dem Strich rauskommt und die Debatten der Gegenwart auch als relevante Debatten anerkannt werden.
Wenn Wolfgang keine Zuversicht besitzt, dass die Debatte ein Ergebnis bringen wird, dann liegt das eventuell an seiner Politikverdrossenheit und daran, dass er als ein Vertreter der weißen Mehrheitskultur einfach keine Expertise in bestimmten Themenbereichen besitzt und nie zu besitzen in der Lage sein wird. Er sollte sich sich damit abfinden. Dafür kann er nix, ich weiß – aber wir noch viel weniger! Mit großer Wahrscheinlichkeit liegt sein Problem aber auch darin, dass er den Debatten der Gegenwart nicht mehr gewachsen ist. Aber dann sollte er es einfach sein lassen. Alles beim Alten zu lassen, war noch nie eine realpolitische Option in der Weltgeschichte.
Wenn er zu müde ist für eine neue Denkprotuberanz, dann soll er sich doch in die Hängematte legen und seinen Lebensabend mit der Familie in seinem patriarchalen Idyll genießen, solange es das noch gibt.

Sorry…

P.S.: hier ein von einem Alman eloquent verfasster Artikel zu diesem Thema, für alle, die meine Auslassungen zu wütend und unangebracht finden könnten:
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/die-identitaetspolitik-des-wolfgang-thierse-normalitaet-ist-die-cancel-culture-des-alten-weissen-mannes/26996920.html

Hier der besagte Gastbeitrag in der FAZ:
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/wolfgang-thierse-wie-viel-identitaet-vertraegt-die-gesellschaft-17209407.html

RealiTVies

Biz senin gerçekleriniz
Gidersen eğer yine bekleriz
dönmek istemezsen hosçakal deriz
Ama unutma seni severiz ve çok özleriz
Sensiz ne yaparız biz
sanki

Danke danke
Aber ich habe viel zu tun
Muss ab in die Kiste um morgen lang im Bett zu ruhen
Denn ich flüchte
Vor den realen Banalitäten
Vor der großen Show
Im globalen klo

We just want to remember you, that our civilization
is in a very difficult situation
and we have a certain responsibility
to save it’s power and it’s dignity

Seninle işimiz daha bitmedi
böyle şey olmaz
hiç de hoşumuza gitmedi
kalemini al ve yaz
sorumluluklarından arındın
yanımızda olmadın
ve bizi çok ucuz sattın

Na seid doch mal realistisch.
Es geht nicht nur ums Geld,
sondern auch um die Macht
und um die ist’s gut bestellt.

Now you know how we felt
when the cathastrophy happened
now we expect from the world
that they go for the weapons.

Tabii tabii,
sorun degil ki abi.
Bizim çevremiz geniş
yoluna koyarız illaki.

Wir sind verschiedene Realitäten.
Wir sind nicht hier zum schmeicheln.
Es steht schlecht um dich,
wenn wir dich nicht mehr erreichen.

We are your realities!
We are your realities!
We are your realities!
Never say please please please!

We are your realities!
We are your realities!
We are your realities!
And we’re not here to tease!

We’ve got the media in our hands.
The whole world waits for our commands.
Hope you’re in position.
We know your brains condition
and got the dope that you need.
We’re here to feed your brain, heart and soul.
Greed keeps you deep in a big black hole.
We need more than you know,
We need more than you know,
We need more than you know,
More than you’ve ever known brother, mother, madam and mister.

Ich hab dich vermisst, entdeckt und registriert.
Du bist ein schön verziertes, auffälliges Element
in einer vehement fremden Welt
Die sich immer weiter dreht
und immer kleiner und kleiner wird.
Du bist neugeboren und schaust verklärt und verwirrt.
Wir sind die Sippschaft, die dich nun umwirbt.
Dein Konsumverhalten wird ausspioniert
und du fängst an zu kaufen,
noch vor dem Laufen.

Aman ha!
Bize sakın derdini yanma!
Dediğimi anlamadıysan
bize de kanma
çünkü kalbinde ve dilinde düşünceler tutsak olmaz.
Öyle degilmi?
Öyleyse konuş!
Ama çoğu konuşulanlar hoş ve boş.
Kanatlanmış çirkin bir kuş olmuş, ucmuş,
medya yoluyla top gibi patlamış,
Seni de bizden almış götürmüş.

We are your papa,
your mama,
your everything.
We know you till the end and from the beginning.
We tell you what to do
and we tell it all again,
keep our eyes on you baby
when you’re sparkling.

We are your realities!
We are your realities!
We are your realities!
Never say please please please!

We are your realities!
We are your realities!
We are your realities!
And we’re not here to tease!

Nicht du

Mir scheint die Sonne aus dem Arsch.
Was sucht sie dort?
Vielleicht die Macht der Sprache,
An die wir nie glauben wollen?
Auch nicht, wenn sie unsere Eingeweide schon längst fest umschlungen hält?

Wir beherrschen unser Handwerk.
Wir formulieren unser Glück.

Vorbei sind die Zeiten, als wir noch
Alte Ethnologen
Aufschlugen, um weiße Zähne in einem Dokumentationsfoto zu suchen
Und dabei fanden sie immer uns zuerst.

Doch das passte nicht
In unser Selbstbild.

Wir finden alles,
Sogar die Sonne,
Wenn es sein muß
Sogar
In unserem Arsch.

Auch nachdem wir vergaßen,
Dass wir sie einst dort verwahrten,
Weil es so sein mußte wohl…

Ich unterstehe mich,
Irgendetwas ordnen zu wollen.
So etwas würde ich nie tun.
Aber selbstredend wäre ich
Eine sehr erfolgreiche Ordnungsmacht.

Kurz zusammengefasst:
Mir geht es gut.
Ich sehe alles.
Ich habe alles zu sehen.
Ich weiss alles.
Ich habe alles zu wissen.

Sagt ja keiner was.

Aber ich habe alles zu sagen.

Und?

Verweis, Pfiff, Tumult, Knie, Blut, Fahnen, Sonderbehandlung.
Alles schreit. Sie schreien alle.
Die Welt schreit.

Ich habe zu schreien.

Nein, nicht du!

Schmachtfetzen #14: Geberiyorum – Ich krepiere

Hierbei handelt es sich um ein Gedicht von „Nazım Hikmet Ran“.

Wie so oft geht es in diesem Gedicht um Wehmut. Aber keine Wehmut aus fatalismus, sondern genau das Gegenteil: Nazım Hikmet ist als guter Sozialist felsenfest davon überzeugt, dass die Menschheit alle Schrecken und alles Elend überwinden und zu einem besseren Miteinander finden wird. Seine tiefe Wehmut gründet in dem Bewusstsein, dass er diese Zeit nicht mehr erleben wird.

Der Text wurde in den 80’ern von dem Komponisten Ali Kocatepe in ein musikalisches Werk gefaßt und von Sadun Ersönmez arrangiert, der auch die Synthesizer auf dieser Aufnahme bedient. Levent Yüksel spielt die Cümbüs und gesungen hat Nükhet Duru. Die Besetzung des Hintergrundchores liest sich aber ebenfalls wie ein Gedicht: Sezen Aksu, Sertap Erener, Levent Yüksel u. v. m.

Die Umsetzung fand leider in den 80ern statt, was man auch an den poschen Synthiesounds und dem pathetischen Arrangement von Ersönmez hört. Mir gefällt daher der Remake des Ausnahmemusikers Ahmet Aslan besser, denn er fügt sich in die ursprüngliche Stimmung des Gedichtes besser ein – eine Wonne in melancholischen Zeiten.

s. unten beide Versionen auf Youtube.

Der Originaltitel des Gedichtes, das hier vertont wurde, lautet übrigens „Günler“ („Tage“).

Geçip gitmiş günler gelin
rakı için sarhoş olun
ıslıkla bir şeyler çalın
geberiyorum kederden.İlerdeki güzel günler
beni görmeyecek onlar
bari selam yollasınlar
geberiyorum kederden.

Başladığım bugünkü gün
yarıda kalabilirsin,
geceye varmadan yahut
çok büyük olabilirsin

Verblichene Tage, kommt
Trinkt Raki, besauft euch
Pfeift mir ein Lied
Ich krepiere an Wehmut.Die nahenden schönen Tage
Sie werden mich nicht sehen
Grüßen könnten sie zumindest noch.

Ich krepiere an Wehmut.
Tag, den ich heute frisch begann
Du kannst angebrochen bleiben
oder vielleicht auch noch sehr groß werden,
bis zum Eintritt der Nacht

Vorbei sind die Zeiten

Ein Archäologe und Möchtegernkommunist
Um die 50 rum
Kauft sich ein Haus in Pullach bei München
Ohne Fenster
Mitten im Winter
Es war grad so günstig
Ich frage ihn: wie hast du denn das ganze Geld verdient, um dir ein Haus in Pullach zu kaufen?
Er antwortet: mit der Archäologie
Und mit der Reperatur und dem Verkauf von historischen Motorrädern

Ich kenne den Archäologen und Möchtegernkommunisten noch aus Studienzeiten
Wir haben gemeinsam Archäologie studiert
Haben viel getrunken und Rembetiko gehört
Er hat mir immer die Texte übersetzt
Wir haben auch The Ramones und The Cramps gehört
Und Violent Femmes
Man sieht sich alle paar Jahre

Der Archäologe und Möchtegernkommunist streitet sich mit seinem Nachbarn
Den er als reiches, spiessiges Arschloch bezeichnet
Der Nachbar hat jüdischen Hintergrund
Um ihn zu reizen,
Macht er  extra viel Lärm beim Schneeschippen
Man diskriminiert sich gegenseitig
Womöglich tut es beiden gut
Es ist ein schöner Winter
Seit ein paar Jahren das erste mal wieder Schnee

Der Archäologe und Möchtegernkommunist ist ein Narzist
Hat Facebook entdeckt
Und veröffentlicht ständig Selfies
Willkürlich geschossen
Bilder von der Nacht, dem Schnee
Und von seinem Haus, ohne Fenster
Aber mit leuchtenden Weihnachtssternen stattdessen

Ich mochte den Archäologen und narzistischen Möchtegernkommunisten gut leiden
Er ist ein netter Kerl eigentlich
Ein wenig eigen
Immer aufgeblasen und rabaukig
Und immer im Konflikt mit irgendwem
Aus Prinzip
Er ist Irgendwie auch immer dem Tode nahe
Ich würde mich nicht wundern, wenn er bald aus mysteriösen Gründen stirbt

Aber ich rede mit ihm nicht mehr,
Denn er macht zynische antisemitische Witze über seinen Nachbarn
Und wenn man ihn darauf hinweist,
Dann sagt er, dass das eben sein zynischer Humor sei
Sein Art
Und dass er kein Antisemit wäre

Ich sage: sorry mein Freund. Ich habe einen Grundsatz:
Mit Leuten, die solche Witze machen, rede ich nicht
Das ist meine Haltung

Daraufhin sagt er, dass er auf seine Art von Humor nicht verzichten mag
Daraufhin sage ich: gut dann wars das
Tschüss

Der Archäologe und narzistische Möchtegernkommunist war mal ein Freund von mir

Jetzt ist er es nicht mehr

Und eigentlich ist es auch wurscht, dass er Archäologe ist

Das gespaltene Volk

Also jetzt muß ich das schon mal bemerken: wie ich das mitkriege, sehnen sich viele momentan nach einer gewissen Einheit in der Bevölkerung. Das folgere ich daraus, dass ich oft das Bedauern zu hören kriege, „das Volk sei so gespalten“. Dies ist natürlich vor allem den heftigen Kontroversen im Zuge der aktuellen Sicherheits- und Abstands-Maßnahmen rund um die Pandemie geschuldet. Die Gemüter kochen hoch und die Frage nach dem richtigen Umgang mit dem Virus führt zu ungewohnten politischen Debatten auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, an denen sich nun auch Menschen beteiligen, die sich bisher bei politischen Debatten meist in nobler Zurückhaltung geübt haben. „Das bringt ja eh nix“ war beispielsweise ein oft angebrachtes Argument, wenn es um politische Initiative ging. Das hat sich nun drastisch geändert. Eine breite Bevölkerungsschicht ist jetzt – wohl angeheizt durch die persönliche Betroffenheit – mitten im politischen Diskurs angekommen. So viele Antikapitalist*innen und Globalisierungsgegner*innen wie jetzt, waren bisher selten im Alltag anzufinden, wenn auch leider mit ziemlich unklaren politischen Hintergründen. Kein Wunder: woher soll die politische Bildung auch kommen, wenn man sich bisher nie mit komplexen Sachverhalten beschäftigt hat? Vielen kommt daher die politische Empörung in der Nußschale á la Querdenker und Verschwörer sehr gelegen. Denn die machen es einem endlich mal leicht und bedienen das niedrige Niveau-Bedürfnis mit Mundgerechten Mythen.

Die ersten male, als ich dieses Bedauern einer fehlenden Volkseinheit wahrnahm, legte es sich tatsächlich auch ganz subtil und automatisch auf mein Gemüt, obwohl ich noch nie viel mit dem Begriff der „nationalen Einheit“ anfangen konnte. Ich glaube, es geschah aus reiner Empathie und emotionaler Anfälligkeit. Aber die Tatsache, dass auch ich einige Freund*innen an halbgare Verschwörungsideologien verloren habe, hat wohl ebenfalls mein emotionales Zentrum im Gehirn getriggert.

Nach ein paar Wochen der Irritation, des Unveständnisses hat sich jedoch ein Sicherheitsventil eingeschaltet, auf das ich mich in solchen Situation immer verlassen kann: Wut und Trotz. Jetzt werden sich einige Vertreter*innen der altbewährten deutschen Sachlichkeit, beim Lesen dieser Zeile denken: „Mmmjoaaah…weiß ja nicht, ob Wut und Trotz so gute Berater sind? Mimimi…“. Aber ich kann euch versichern: Ja! Für mich sind sie es tatsächlich! Wenn wir hier schon von Emotionen reden und es auch um eine emotionale Sache geht, dann kann man sich auf die belebende Wirkung von Wut und Trotz schon verlassen, denn sie holen einen aus der Lethargie und ermöglichen Tatkraft und Initiative. Aber einen wichtigen Nachsatz muß ich dazu anfügen – und der ist entscheidend: „solange man sich ihnen nicht ergibt!“, denn das kann gerne mal ins Desaster führen!

Das ist eine sehr wichtige Relativierung. Denn man kann den Impuls des Wutes und des Trotzes wunderbar als eine Art Zündkerze nutzen, um sich selber zu empowern, zu motivieren, die Sinne zu schärfen und innerlich zu wappnen. In der Ausführung jedoch, regiert natürlich nicht die Rasierklinge, sondern immer noch die Merkel’sche Raute! Das ist klar!

Bevor man sich also von eine*m Schwurbler-Freund, oder -Freundin trennt, muß das nüchterne Argument auf Basis einer menschlichen Empathie abgefragt werden. Und genau so bin ich auch im Rahmen meiner Gedanken zu oben genanntem Thema zu einem Resultat mit mir selbst gekommen:

„Wir leben hier in einer verfassungsrechtlich verankerten Demokratie und in einer Demokratie darf es meiner Meinung nach keinen umfassenden und einheitlichen Konsens in politischen Fragen geben. Mit so einigen Gesinnungsträgern und Spiessgesellen in diesem Land werde ich mich  bis an mein Lebensende nicht einigen!. Das steht fest! Ich glaube auch nicht an eine völkische, kulturelle, nationale, oder auch sonstwie geartete Einheit, in die sich eine ganze Bevölkerung begibt.

Es wird hoffentlich nie eine einheitliche Gesinnung geben und wir werden uns hoffentlich immer gründlich streiten. Denn der Sinn und Zweck einer Demokratie ist es nicht, eine einheitlich gesinnte Gesellschaft zu schaffen. So etwas ist eher der Wunsch von Menschen, die einer Diktatur zugeneigt sind, denn so eine Einheit muß im Gegenschluß bedeuten, dass nur eine Gesinnung akzeptiert wird und alle anderen in der Tonne landen. In einer Demokratie hingegen muß es so viele unterschiedliche Meinungen geben, wie auch nur irgend möglich.

Nur ein Konsens ist grundsätzlich unverzichtbar und auch essentiell wichtig. Es ist vielleicht sogar der einzige Konsens, dem wirklich jeder Mensch, oder zumindest eine überdimensionale Mehrheit in einer demokratischen Gesellschaftsordnung zustimmen muß: das ist die Treue zu einer demokratischen Verfassung und Grundordnung. Da müssen wir uns alle treffen, auch wenn wir uns spinnefeind sind! Denn nur die garantiert uns die verfassungsrechtlich Verankerte Menschenwürde und Freiheit.

Die demokratische Verfassung steht außer Diskussion. Insofern ist das ganze Geheule von einer „fehlenden Einheit im Volke“ einer subtil indoktrinierten, völkisch tendierten, romantischen, pseudohistorischen Vorstellung geschuldet. Auch die deutsche Einheit hat es nie gegeben und es wird sie auch hoffentlich nie geben. Die Sehnsucht nach ihr führte dieses Land und die ganze Welt schon 2 mal in die größte nationale und globale Katastrophe.

Also: immer schön streiten und dabei konstruktiv bleiben. Die völkische Einheit ist ein emotionaler Trigger, mit dem populistische Demagogen auf Bauernfang gehen. Es ist kein gesellschaftliches Ideal, das uns als Menschheit wirklich weiterbringt. So seh ich das. Weiss nicht, was Ihr dazu meint?

Während ich das alles schreibe, höre ich übrigens Count Basie in Montreux 1977. Auf Vinyl versteht sich. Welch Luxus!

Was ist schon wieder alles passiert?

Das ist passiert:

Alle sind daueraufgeregt. Das Abendland geht schon wieder unter. Ist ja auch kein Wunder: so oft wie das schon beschworen wurde!
Wirtschaft, Kultur, Existenz, Demokratie – alles im Arsch. Die Chinesen kommen. Unsere Kinder kriegen keine Bildung mehr und Angela Merkel trinkt ihr Blut im Keller des Pergamon Museums. Atilla Hildmann ist still geworden und der amerikanische Präsident wurde um die Wiederwahl betrogen. Dabei wollte er ja nur die Corporation aufheben. Ja: die amerikanische Verfassung ist nicht die der Vereinigten Staaten, sondern die einer Corporation, die Londoner Geschäftsleuten gehört. Von unserer Verfassung ganz zu schweigen, denn die ist auch nur eine Nachkriegskapitulationsvereinbarung und unsere persönliche Verfassung ist auch schon am Limit: Freundschaften entzweien sich. Die Gesellschaft ist gespalten wie noch nie. Deutsche Einheit? Keine Spur!
Die Arbeitslosigkeit steigt. Die Systemmedien sagen, das liege an der Jahreszeit. Alles Lüge! Friedrich Merz meint, alle beneiden ihn und wollen ihn deswegen zur Strafe hoch besteuern. Um das zu verhindern will er Kanzler werden. Ich kann ihn gut verstehen. Würde ich genauso machen.
Die Impfstofflieferung stockt! Was ist da los? Spahn hat’s verkackt. Von der Leyen ist „The Queen of Schadensbegrenzung“ – jetzt auf Europaniveau. Womit haben wir das verdient? Die FFP2-Masken sind zu teuer und die wenigen staatlich geförderten werden an Unbedürftige ausgeliefert. Söders Frau verdient sich daran dumm und dämlich und der Gates kommt seinem Ziel immer näher: Rekordprofite durch seine Impfstoffpatente und die Aussicht auf all die Infos, die er von uns abzapft, wenn der Chip mal in unseren Organismen sitzt.
Der eine Virologe wird geliebt und gehasst, der andere sitzt in Griechenland und meckert vor sich hin. Ein anderer hat sich vor Frust nach Thailand abgesetzt (mal schauen, ob er da mehr spass haben wird, als hier!).
Skifahren werden wir dieses Jahr wohl vergessen können. Mal sehen, wie es mit dem Familienurlaub im Sommer aussieht. Aber es gibt zumindest überall Klopapier, Fleisch, Kaffee, fossilbasierenden Treibstoff und Tote. Das sind aber nicht unbedingt mehr Tote als es sonst auch wären – im Gegensatz zu den Aussagen der Systemmedien! Ja, vielleicht ein paar mehr, aber irgendwann müssen wir Menschen uns ja mal wieder besinnen und auch den Tod in unserem Alltag akzeptieren, uns mit ihm auseinandersetzen, statt ihn immer nur zu verdrängen, oder? Ja, klar ist Tod kein richtig tolles Konzept. Keiner will sterben, aber leider sind wir Menschen sterblich. Nur weil Menschen sterben, können wir doch nicht unsere heilige Freiheit aufs Spiel setzen! Hallo – es geht um unsere „gottgegebene Freiheit“.
Wir brauchen sofort eine neue Verfassung! Gleich heute berufen wir eine verfassungsgebende Volksversammlung ein, führen einen Haka-Tanz für den Weltfrieden auf und schaffen erstmal die alte ab. Und dann sehen wir schon, was passiert. Schlimmer als jetzt kanns ja nicht mehr werden.

– Wir sind friedlich. Und das ist das wichtigste. Siehst du irgendweche Gewalttätigen?

– Von wegen- wir sind friedlicher!

– Nein, wir sind friedlicher!
Schau alles friedlich. Sogar die paar Nazis. Alle friedlich. Die sind so friedlich, dass man gleich Lust kriegt, sich mit ihnen zu unterhalten. Natürlich müssen wir uns mit denen unterhalten. Die sind auch ein Teil dieser Gesellschaft. Wenn man sie immer nur ignoriert, dann wirds nur schlimmer. Das deutsche Volk wird an den gesellschaftlichen Rand getrieben!
Dabei geht es uns nur um Frieden: Wir wollen endlich wieder Frieden mit Putin. Frieden mit Trump wäre auch schön gewesen, aber der Zug ist ja leider abgefahren. Bei Biden gilt es zu hoffen, dass er den Kriegskurs von Obama nicht wieder aufnimmt. Wenn man sich die Aussenpolitik unter Trump mal genauer besieht: Wieviele Kriege hat Trump angezettelt? Gar keine! Im Gegensatz zu Obama. Er hat Truppen abgezogen. Obama hat den Syrienkonflikt zu verantworten. Das will aber wiederum keiner wahrhaben.
Globale Konzerne verarschen uns. Sie zahlen keine Steuern und beherrschen die nationalen Budgets. Alles arbeitet nur für sie. Und was wird dagegen getan? Nichts. Und wir dürfen schuften jeden Tag. Die Kliniken werden privatisiert seit Jahren und jetzt reichen uns die Kapazitäten nicht mehr mitten in der Pandemie. Die Fachkräfte in der Bildung, im sozialen Bereich, in der Pflege, im Gesundheitswesen und wir – das Volk – wir zahlen die Rechnung!

Und das was alle nie wahrhaben wollten, wird jetzt ganz klar ersichtlich: Wie leben in einer Diktatur!

Und was kann man da jetzt dagegen tun?

Einfach mal googlen!

Zum Beispiel nach Menschen, die reelle Probleme haben:
https://wir-packens-an.info/grenzen-toeten-abschied-von-bosnien-2/https://www.mdr.de/nachrichten/osteuropa/politik/bosnien-lipa-lager-fluechtlinge-102.html

Wagner in Kufstein

Wir fahren über Kufstein nach Deutschland ein.
Nach ein paar Tagen in Venedig – 2 Wochen  in der Toskana, das Salz noch auf der Haut, die Augen brennen leicht.

Es ist Abend. Wir haben an der Tankstelle Gurken, Tomaten und Parmesan gegessen – ohne Salz – danach Österreich passiert.

Sonniges Wetter allenthalben. An den bisherigen Grenzen schaut die Polizei zwar recht streng und trägt kugelsichere Westen. Aber sonst hat man nicht den Eindruck von einer scharf gesicherten Grenze.

Aber in Kufstein wird alles anders. Der Himmel verdüstert sich. Es fängt an zu regnen.
Wir nähern uns im Schrittempo an die deutsche Grenzabsperrung.

Seit neuestem sieht es dort aus, wie am Filmset: Umgekehrte Reflektorschirme auf hohen Stativen streuen das intensive Licht der Leuchtstrahler, die in ihrem Zentrum angebracht sind.

Zwei Polizistinnen werden von ihnen angeschienen – in Kombi mit dem Unwetterhimmel und der Wolkenstimmung im Hintergrund, ein Traum an Lichtqualität. Die beiden Frauen tragen Ganzkörperuniformen, Maschinengewehre und lange, glatte blonde Haare… offen! Eine leichte Brise bringt diese grazil zum Flattern. Fast glaubt man, es wären Bühnenventilatoren aufgestellt.
Das Licht strahlt indirekt, elfengleich die Gesichter, martialisch die Körper, bis an die Zähne bewaffnet.

Ihre Blicke reichen walkürengleich heroisch in die Ferne. Sie strahlen Sorge und Zuversicht aus.
Eigentlich möchte Ich ihnen zuklatschen, so bewegend finde ich die Szene, aber dann denke ich mir: vergiss es. Das gibt nur unnötige Mißverständnisse.

Dann versinkt das Land um uns herum in tiefer Dunkelheit und der Regen setzt in all seiner Vehemenz ein.

Der Urlaub ist vorbei.
Wir sind in Deutschland.
Wir sind besorgt, jedoch zuversichtlich.

Schmachtfetzen #13: Allı Durnam Bizim Ele Varırsan

Dies ist ein türkisches Volkslied, das ursprünglich vom Volksbarden Hacı Taşan stammt und von Muzaffer Sarısözen in das türkische Volksliedarchiv übernommen wurde. Sarısözen war einer dieser unermüdlichen Musikarchivare, die in der ersten Hälfte des 20. Jhd.’s auf den Spuren der großen Volksbarden und der seit Generationen überlieferten Volkslieder durch Anatolien gepilgert sind. Sie haben Aufnahmen gemacht, haben Text- und Melodieversionen verglichen, Noten analysiert, Texte archiviert und Standardwerke zusammengestellt. Dieses unermeßliche reiche Repertoire an Liedern wurde dann vor allem im türkischen Staatssender TRT rauf und runtergespielt und und diente somit in den Siebzigern auch als Grundlage für die Entwicklung des modernen türkischen Pop – dankbar angenommen von Interpreten wie Barış Manço, Selda Bağcan, Cem Karaca, Moğollar, Ersen ve Dadaşlar, Erkin Koray etc..

Hier zwei Versionen dieses Liedes: Die erste ist von Ruhi Su. Su war Vertreter einer neuen Riege von hochtalentierten Musikern, die im Gegensatz zu den psychedelic Rockern der Siebziger, nicht mit Wawa-Pedal und Synthesizern rumexperimentiert, sondern sich der vielstimmigen Chorarbeit zugewandt und alte Volkslieder für den Chor aufgearbeitet haben. Su hat aber auch viele Alben solo – mit der traditionellen Bağlama und klarer Stimme – aufgenommen. Seine Absicht war es, die Volksmusik als gesellschaftlichen Wert in eine neue Ära zu tragen und auch sein Stil ist eher politisch geprägt: Ruhi Su war ein linker Aktivist mit aufrichtiger oppositioneller Haltung. Noch dazu war er armenischstämmig: seine Eltern wurden zur Zeit der Progrome gegen sein Volk 1915 umgebracht. Er landete in einem Waisenheim. Musik war seine einzige Zuflucht und wurde zu seinem expressiven Äusserungmittel:

Allı durnam bizim ele varırsan
Şeker söyle kaymak söyle bal söyle.
Gülüm gülüm
Kırıldı kolum
Tutmuyor elim durnalar hey
Ah gülüm gülüm
Yar gülüm gülüm
Kız gülüm gülüm durnalar hey
Eğer bizi sual eden olursa
Boynu bükük benzi soluk yar söyle
Mein roter Kranich
Wenn du in unsere Heimat kommen solltest,
Dann bestell Zucker, Sahne und HonigAch meine Rose,
Meine Hand greift nicht mehr,
Mein Arm ist gebrochen,
Ach mein rosiges Mädchen,
Ach ihr Kraniche.Mein roter Kranich,
Falls jemand nach uns fragen sollte,
Berichte von einem blassen Geliebten,
In Trauer geneigt.

Dieser Song begleitet mich seit meiner Kindheit. Eine seiner Platten, die mein Vater damals noch gekauft hat steht immer noch in meinem Regal und gehört zu den wertvollsten Dingen, die ich besitze.

Die zweite Version dieses Liedes, die Ich ebenfalls sehr gerne mag ist instrumental. Es ist eine – für seine Zeit – recht gut gelungene Jazz-Soul-Version vom Erol Pekcan Orchester. Das Saxophon wird von einem gewissen Öner Ünal gespielt: