Ich muß zugeben, ich stand unter Schockstarre die letzten Jahre. Deswegen gab es hier auch relativ wenig zu lesen. Dabei hat die Pflicht heftiger als je zuvor gerufen. Aber ich war nicht in der Lage irgendetwas zu unternehmen. Ich habe mich immer mehr zurückgezogen und mich der Sorge, dem Schock und der unfassbaren Überforderung hingegeben. Das gebe ich zu.
Ich fühle mich entwürdigt, meiner Menschlichkeit beraubt. Ich habe das Gefühl, mein Gewissen ist beschmutzt, ohne dass ich etwas dazu beigetragen hätte. Das geht mir schon seit Corona so. Als Mensch mit einem Gewissensanspruch hat man immer mit der Angst zu kämpfen, sich zu entmenschlichen, oder entmenschlicht zu werden. Diese Sorge fordert seinen Tribut, in einem Ausmaß, dass im Verhältnis zu der Zeitspanne steht, in der man nicht in der Lage ist, zu sprechen, sich zu äußern.
Erhebt man jedoch seine Stimme, dann kommt wiederum die Angst vor der Resonanz, vor der Stigmatisierung und Markierung. Das hin und her zwischen diesen beiden Polen sorgt für eine Niedergeschlagenheit, die einem alles zu nehmen scheint: die Lebenslust, die Energie, die man braucht, um eine würdige Existenz zu wahren.
So geht es mir gerade. Ich kann nur einen Bruchteil meiner Lebensenergie nutzen. Jeden Tag quält mich die Frage: wozu das alles?
Die Beweise für das unfassbare Ausmaß der real existierenden menschlichen Unmenschlichkeit ergießen sich über einen. Es sind sehr schlimme Bilder: brennende, verstümmelte, schreiende Kinder, tote Kinder, Säuglinge, die entstellt sind von der Gewalt, die man ihnen angetan hat. Menschen, die vor laufender Kamera umgebracht werden. Hinzu gesellen sich monströse Aussagen von erwachsenen Menschen, die ohne mit der Wimper zu zucken Völkermord legitimieren, sich über die Opfer auf die unwürdigste Art und Weise lustig machen, Politiker*innen, die mit ihren Worten über Leichen gehen. Ihr wisst alle, wovon ich spreche.
Parallel dazu geht unser Leben weiter – unser scheinbar so unbeschwertes Leben hier in der sogenannten „Freien Welt“. Es zeigt, dass die digitale Verfügbarkeit von tagesaktuellem Wissen und den dazugehörigen Bildern nicht wirklich viel verändert. Wir können anscheinend durchaus Ungerechtigkeiten ignorieren und einfach unser Leben weiterleben. Unsere Empathie greift nur selektiv. Das Leid der einen ist uns scheinbar egal, während das Leid der anderen uns zutiefst berührt. Wir können Völkerrechtsbruch und Vergehen an der Menschlichkeit anscheinend je nach Opportunität legitimieren – je millionenfach die Opfer, desto leichter fällt es uns sogar. Denn emotionale Bezüge zu einzelnen Menschen gehen in der Masse unter.
Und wenn uns überhaupt keine Argumente mehr bleiben, dann ist da immer noch diese latente Übereinkunft, dass es schon seinen Grund hat, dass es uns hier gut geht, während der Rest der Welt brennt und wenn es die Überzeugung von unserer Überlegenheit ist. Was die Mehrheit unter einem oberflächlichen demonstrativen Gutmenschentum zu verbergen vermögen, äußern andere ganz offen. Dazu muss man sich nur die Rede des US-amerikanischen Aussenministers bei der letzten Münchner Sicherheitskonferenz vergegenwärtigen. Er beschwört die Rückkehr der westlichen Welt ins Kolonialzeitalter und die gesamte Riege der europäischen Politelite applaudiert ihm stehend.
Es ist eben genau dieselbe politische Elite, die ihre Nase rümpft, wenn Vertreter*innen der aktuell aufstrebenden rechtsextremen Parteien in Europa genau das selbe von sich geben, wie der amerikanische Außenminister. Ihr Verhalten zeigt also, dass sie für eben diese Gedanken durchaus zu haben sind. Es kommt nur darauf an, in welchem Format diese daherkommen. Ich kann mir vorstellen, dass die besagte Rede aufstrebenden Rechtsradikalen Hoffnung gemacht hat. Eine Hoffnung, die sie anscheinend mit den Vertreter*innen der sogenannten „Bürgerlichen Mitte“ teilen. Das ist der berüchtigte Vorhof des Faschismus und er heisst „entfesselte neoliberale Marktwirtschaft“.
Misstrauen macht sich breit. Man denkt sich: wenn so viele schlimme Dinge passieren und diese Gesellschaft kaum berührt davon scheint, dann kann der hiesige Wertekodex nicht besonders tief im gesellschaftlichen Selbstbild verankert sein, oder? All diese öffentlichen Aussagen, all die Polarisierung, all die Gehässigkeit, die ihre Plätze finden auf prominenten Plattformen und Bühnen – vor allem aber in der Politik. Schlimmer als all das ist jedoch das Schweigen, die Ignoranz…das Geheuchele…das Versteckspiel und die Selbstlüge…dieses „tun, als ob alles seinen geregelten Weg gehen würde“ – dieses „so tun, als ob die Resillienz unserer freiheitlich demokratischen Grundlage nach wie vor durch nichts zu erschüttern sei“. Oder, wie der Dioskur der bürgerlichen Konservatismus in Deutschland – Markus Lanz -es letztens so treffend formuliert hat: „Ich will deutlich sagen: Wir wandern nicht aus. Wir stehen da. Fürchtet euch nicht! Und das, was jetzt gerade kaputtgeht, bauen wir irgendwann ganz lässig einfach wieder auf.“
„Wir wandern nicht aus!“ – ist das eine Ansage, ein Auftrag? Wem macht das Hoffnung?
Nun – die Pflicht ruft und ich werde ihr nunmehr nachgehen, denn ich habe begriffen, dass vor der kämpferischen Zuversicht noch eine viel wichtigere Haltung einzunehmen ist: nämlich die auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen! Und das ist IMMER eine Entscheidungsfrage. Es ist so, als würde man auf ein Pferd nicht deswegen setzen, weil es die besten Gewinnchancen hat, sondern weil es den entscheidenden Pfad nimmt, der nicht nur dem siegessüchtigen Ego den Gewinn bringen könnte, sondern einer kollektiven Würde, nicht nur einer menschlichen Würde, sondern der Würde des Lebens. Wenn ich Abrahamit wäre, würde ich jetzt sagen: die Würde der Schöpfung. Aber ich bin kein Abrahamit und glaube nicht an einen Gott, der unsere Geschicke leitet.
Ich glaube ganz fest an folgendes: wir selbst sind die Herr*innen über unsere Abgründe – niemand sonst – kein höheres geniales Wesen, dessen Herkunft ein Mysterium ist. Denn seien wir mal ehrlich: wir Menschen sind so selbstsüchtig, dass wir bewusst, oder unbewusst, oder eben insgeheim keine Entität über uns akzeptieren, die unsere Geschicke kontrollieren könnte. Deswegen haben wir uns unsere Götter und Göttinnen schon immer selber geschaffen, denn die Wesen der eigenen Fantasie kann man besser kontrollieren. Die Angst vor der unergründlichen Natur haben wir umgewandelt in leicht auffaßbare Mythen. In sie kann man alles Projezieren, was Verantwortung mit sich bringen könnte. Gott dient uns lediglich zur Flucht vor unserer Verantwortung.
But don’t get me wrong: das ist lediglich meine Sicht der Dinge. Möge jeder*e seine*ihre Religion pflegen. Solange man sich auf eine gemeinsame Grundlage der Menschlichkeit einigen kann, ist das OK für alle. Das dies zu schaffen sei, predigen wir seit einigen Jahrzehnten rauf und runter in salbungsvollen Ansprachen. Es scheint aber noch ein langer Weg dorthin.
Kommen wir zur Sache: wir sind uns wohl alle bewußt, dass wir seit einigen Jahren händeringend versuchen, eine Normalität zu wahren, von der wir uns eigentlich vollkommen im klaren sind, dass sie nicht mehr existiert. Wir befinden uns mit all unserem sorgfältig aufgebauten westlich-weißen Unbewußtsein im freien Fall. Bis dahin stimme ich mit Marco Rubio überein! Lange genug haben wir uns in einem Status befunden, in welchem alles machbar schien. Wir waren stolz auf unsere Freiheiten, von denen wir glaubten, dass sie für alle Menschen in der Welt erreichbar wären, solange man nur hartnäckig daran glaubt und den Kopf nicht hängen lässt. Zumindest dachten und denken das die Naiven unter uns. Alle waren ihre eigenen Helden und wer dazu nicht in der Lage war, ging entweder zur Yoga-Stunde, zur Selbsthilfegruppe oder eben zur Arbeitsagentur, bzw. zum Jobcenter. Für alles gab es eine Lösung. Wir waren Herr*innen unseres eigenen Schicksals.
Unser weißes, westliches Selbstbild war geprägt durch die Errungenschaften, die wir uns auf dem Weg von der französischen Revolution bis in die Moderne teilweise erarbeitet oder zusammengeklaut hatten. Wir haben 2 Weltkriege hinter uns gebracht, uns gegenseitig niedergemetzelt und dann wieder zusammengerauft, um uns über Jahrzehnte als der gute, weise, wohlhabende Teil der Menschheit zu feiern. Schon bald jedoch wägten wir uns wieder über jeden Zweifel erhaben. Wir waren wieder die integersten Wesen, die das Universum je erlebt hatte. Anstatt mal endlich die Fresse zu halten, nach allem, was wir alleine in den letzten 150 Jahren angestellt hatten, waren wir felsenfest davon überzeugt, das wir, die wir einst die Menschheit in die dunkelsten Abgründe entführt hatten, sie nun wieder ins Licht zu führen vermögen würden. Welch privilegierter weißer Mindfuck!
Geheuchelte Demut führt zu Megalomanie.
Die furchtbaren Zeiten schienen lange vorüber und hatten ihre drohende Präsenz sofort wieder verloren. Wir waren auf dem Weg in ein ganz neues verheißungsvolles Zeitalter: die Postmoderne, das Informationszeitalter – es konnte doch nichts mehr schiefgehen, denn wir hatten die Aussicht auf den unendlichen Zugriff auf das gesammelte universelle Wissen in Echtzeit!
Dies alles ist das Empfinden der Dinge im Westen wohlgemerkt! Zur selben Zeit zwingen die Konsequenzen unserer Rücksichtslosigkeit auf globaler Ebene Milliarden von Menschen ins Elend. Uns ist das egal. Wir machen im Elend Urlaub und bieten unsere barmherzige Hilfe an, solange sie uns nicht Augenhöhe und Chancengleichheit kostet.
Wir hatten lange Anlauf genommen und letztlich zum euphorischen Sprung über die Schwelle der größten aller Zeitenwenden angesetzt. Am höchten Punkt unseres epochalen Sprungs haben wir uns jedoch – akkurat Murphy’s Gesetz folgend – in der Luft eine Sehnenzerrung zugezogen. Das Problem ist: wir waren schon sehr weit oben – der Fall reicht deshalb tief. Das erkennt man daran, dass der Aufprall immer noch nicht stattgefunden hat – also zumindest wirkt es so, als würde er überall anders stattfinden, außer bei uns hier in Europa. Ein paar Schrammen haben wir uns schon geholt: Corona, Russlands Einfall in der Ukraine, der Rechtsruck, amerikanische Wirtschaftszölle, Chinas grosse Konkurrenz auf dem Weltmarkt, Wirtschaftskrise. Ja es ist schon merklich stressiger geworden, aber ansonsten ist ja noch alles da, wo mans braucht: Hollywood, New York, London, Paris, Munich – everybody’s talkin‘ ‚bout: Pop Music – zumindest kann man dieses Bild halten, solange die Wirtschaft einigermaßen zu laufen scheint.
Kurz vor dem Aufprall schwerelos schwebend und die eigenen Gliedmassen und Organe kontrollierend, ob auch alles noch dran ist – genau das ist das Gefühl, dass ich gerade habe. Ich möchte niemandem die Zukunftsvisionen verderben, aber ich kann mir dieses Gemisch aus Rassismus, Faschismus, Neokolonialismus, abgrundtiefer Unmenschlichkeit und Ignoranz, das jeden Tag in panischen massenhysterischen Eruptionen um uns explodiert nicht schönreden.
– Die gruseligen Straßenszenen in den USA, wo Menschen von vermummten, bis über die Zähne bewaffneten anonymen Gestalten nach rassistischen Merkmalen von der Straße weg in riesige Jeeps gezerrt, auf offener Straße ermordet, oder in eigens dafür entwickelte Sammelhaftanstalten gesteckt werden.
– Die Ignoranz der weißen Welt gegenüber der flächendeckenden Bombardierung des Gazastreifens, den zehntausenden zivilen Opfern, den Massen an toten Kindern, vor allem den Verletzten und für immer entstellten, verkrüppelten, traumatisierten Menschen, den unzähligen vermissten (die Schätzung der Gesamtzahl der Todesopfer inklusive der vermissten liegt bei Hunderttausenden).
– Die feine weiße Welt, die sich selektiv über Völkerrechtswidrigkeiten empört und ldieseneidend aufheult – wie erstaunlich gleichmütig sie sich plötzlich gegenüber den Machenschaften einer rechtsradikalen, faschistischen israelischen Regierung gibt, deren Premier ein international gesuchter Kriegsverbrecher ist, deren Mitglieder und ihr Umfeld offen und ungeschminkt herausposaunen, dass sie eine ethnische Säuberung begehen, dass sie alles und jeden mit palästinensischem Hintergrund als Feinde sehen und vor allem die Kinder ins Visier nehmen, die ganz klar die völkerrechtswidrige Okkupation des Westjordanlandes durch die Knesset legalisieren und in Form einer „legalen“ Annexion umsetzen werden.
Und es wird auch nicht helfen, Kritik an Israel und die Ablehnung der zionistischen Idee als Antisemitismus zu bezeichnen. Das wird das Elend nicht mindern und auch den real existierenden Antisemitismus auf der Welt im geringsten mindern.
Und während wir tagtäglich immer wieder und wieder ein gemeinschaftliches „nie wieder!“ heraufbeschwören, geschieht es eben trotzdem immer wieder – überall auf der Welt.
Militärische Massenvergeltung hat Terror noch nie beendet, das wird auch mit diesem Gegenschlag nicht gelingen und ist mit großer Wahrscheinlichkeit auch nicht beabsichtigt. Wenn man wirklich ein Ende der Gewalt will, dann führt kein Weg daran vorbei, sich endlich mit historischen Zusammenhängen zu beschäftigen und diese anzuerkennen.
Die Erde brennt!
Wir befinden uns in einer Phase der Menschheitsgeschichte, in der mehr Zerstörung und Krieg passiert als jemals zuvor. Und wir wissen und sehen alles! Wir wissen genau, was in Syrien, im Nordirak, im Sudan, im Kongo, im sogenannten Nahen, im sogenannten Mittleren Osten, im Iran, in Afghanistan, in Südamerika, in den USA, ja sogar in Grönland passiert!
Wir wissen ganz genau, was unsere Vorfahren verbrochen haben und wir wissen sehr genau, wie wir von alledem profitiert haben und immer noch profitieren! Und wir wissen sehr genau, dass wir überhaupt nicht in der Lage sind, zu den Konsequenzen zu stehen, die aus alledem erwachsen sind.
Wir bewerten die Welt aus unserer bequemen weißen ich-zentrierten Perspektive heraus und glauben vieles über sie zu wissen. Wissen tun wir tatsächlich einiges, aber begriffen haben wir leider wenig!
Es ist ein Irrglaube, dass wir es uns leisten könnten, uns jetzt in eine wohlbehütete weiße kulturidentitäre Blase zurück zu ziehen, indem wir mit der extremen Rechten um die Deutungshoheit über eben diese Blase um die Wette kegeln.
Der neoliberale Haifischkapitalismus hat nicht nur gesiegt. Er übertreibt gerade richtiggehend seine Rolle. Wir alle sehen zu und warten darauf, dass der Wahnsinn irgendwann aufhört, aber die Geschichte hat uns gelehrt, dass die Kathastrophe nicht einfach abebbt, wenn sie ein bestimmtes Stadium erreicht hat. Sie fordert erst einmal ihren Tribut und leider befürchte ich, dass auch wir einen Tribut zahlen werden. In welchem Ausmass? In dem selben Ausmass, wie wir es für den Rest der Welt zulassen.
All diese Geschichten sind bestens bekannt, Man darf nur nicht darüber reden und schreiben. Wir tun es trotzdem, denn das ist unsere Schuld an die Menschlichkeit. Entscheidend ist, wie man in solche Prozesse hinein geht. Duckt man sich und hofft, dass der Tsunami über einen hinwegfegt, oder bezieht man Haltung ? Das war schon immer die entscheidende Frage.
Es ist wieder soweit. Alles, was wir tun muß politisch sein. Seid auf der richtigen Seite der Geschichte!
Free all supressed People!
Die unerschöpfliche Quelle der Obsession des Westens: der Osten.
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