münchen spezial: postmigräne und dialog mit biodeutschland

hello

liebe vertreterInnen des/r kulturreferats, freien theaterszene, kammerspiele, residenztheaters, volkstheaters, presse und meine lieben kulturschaffenden mit postmigräne etc.

ich bitte sie darum, diese mail weiterzuleiten an „whomever it may concern“:

ich glaube, dass man – wenn man wirklich aufrichtig interessiert ist an besagter thematik (s. u. einladung zur gesprächsrunde am 2. november in den kammerspielen) – diese loslösen muss vom projekt niemandsland. im grunde hat mein aufruf nicht konkret mit dem inhalt dieses stückes zu tun, sondern mit einer gewissen haltung, einer perspektive, mit der ich und meinesgleichen schon lange konfrontiert sind und die mir jetzt allmählich zu indifferenziert und zu dominant erscheint. früher fand ich’s noch erduldbar, aber mir macht sie jetzt gar keinen spass mehr.

ich bedanke mich für die einladung zum diskurs zu besagtem stück und dem anschliessenden gespräch zu postmigrantik am 2. november in den kammerspielen, aber selber werde ich ganz bewusst nicht teilnehmen. auch habe ich schon einen flug nach istanbul gebucht, den ich nicht mehr rückgängig machen kann. wer mir desinteresse vorwerfen will, der sollte sich bitte die mühe machen und diese mail bis zum ende durchlesen.

1. zur einladung: ich bin so ziemlich einer der wenigen menschen mit migrationshintergrund, die direkt eine einladung per mail erhalten haben. ziemlich unpersönlich und mit der bitte, diese mail „an mein umfeld“ weiterzuleiten. auch die einladung von christoph schwarz offenbart nur deutschstämmige namen mit „förderhintergrund“.

2. zu niemandsland:
ich habe mir die online-dokumentation, die videos angesehen und kenne mitlerweile auch das vorgängerprojekt von adelheid roosen. für mich persönlich ist die rangehensweise nicht interessant. das soll die künstlerische legitimation des stückes jedoch in keiner weise in frage stellen. es ist nur nicht meins.

ausserdem muss ich gestehen, dass sowohl die einblicke ins konzept, als auch mein kurzes, aber knackiges gespräch mit dem dramaturgen des stückes im zündfunk vor ein paar tagen, mich in meiner annahme bestätigt haben, dass die gängige perspektive bedient wird und die hat in diesem falle etwas postkolonialistisches. bitte nicht böse sein – ich klage nicht an. ich sage lediglich, dass ich diese perspektive gewohnt bin und sie für mich nicht interessant ist.

nun kommt es mir jedoch auch so vor, dass man ob der harschen reaktionen eigentlich nur irritiert ist, im dunklen tappt und nun hastig nach einer möglichkeit sucht, den erfolg des stückes zu gewährleisten und gleichzeitig im anschluss einen „postmigrantischen diskurs“ anzufachen. man macht also nun die not zur tugend und würde auch noch gerne zwei fliegen mit einer klappe schlagen und das im eigenen haus – schön hermetisch auf sicherem terrain.

aber warum denn jetzt hudeln, meine lieben…?

das treffen am 2. november wird sicher gemütlich und ich habe auch nichts dagegen, wenn man hingeht, aber ich würde mich gerne auf einen etwas breiter gefassten rahmen vorbereiten. dazu werde ich weiter unten noch terminvorschläge zu einer veranstaltung auf neutralem boden machen.

zunächst sollten wir uns aber mal etwas mehr zeit nehmen. es geht schliesslich um dinge, die eigentlich einer wesentlich grösseren öffentlichkeit bedürfen:

die kulturelite dieser gesellschaft ist nicht in der lage, ihre – von einer einseitigen perspektive geprägte – haltung abzuschütteln und braucht einen objektiven blick auf sich selbst. den können ihr aber nur menschen bieten, die nicht in ihrem wahrnehmungsfeld sind und dadurch in der lage sind, ihnen das offene feedback des betrachters zu bieten. wer könnte das besser, als diejenigen, die vermeintlich im kulturellen off leben, die in der distanz stehen, die seit jahrzehnten fern weg zu sein scheinen, obwohl sie ja so nahe sind?

im kern der selbstauffassung eines jeden leitkulturwesens liegt stets der hohe anspruch verborgen, immer in der lage zu sein, mit einem nüchternen blick auf sich selbst, die situation objektiv durchleuchten zu können, seine perspektive auf die dinge allseits hinterfragen zu können – dank seiner intelligenz und nüchternheit.

hinter dieser haltung verbirgt sich das gespenst der hybris.
auch wenn er oder sie noch so aufgeklärt, noch so gebildet, so kulturaffin, offen und tolerant zu sein scheinen…den tiefen glauben an die eigene kulturelle überlegenheit sind leitkulturgeprägte menschen schwerlich in der lage abzulegen. dies führt dazu, dass sie sich immer um ihre eigene achse drehen.

dies ist übrigens – entgegen des hierzulande vielerseits bemühten prägenden bildes – nicht nur eine eigenheit der deutschen im speziellen, oder der „vertreter der westlichen kulturen“ im generellen. stattdessen ist es ein fakt, dass diese form der selbstüberzeichnung jeder menschlichen selbstbetrachtung anlastet, die sich zu sehr im spiegel seiner selbstgefälligen überkultur in sicherheit wägt.

diese haltung wird hierzulande im allgemeinen hochkultur genannt, aber ich kann ihnen sagen, dass es nichts besonderes ist. man findet diese in allen engen kulturellen gefässen, überall auf der welt: türkei, israel, amerika, russland, malaysia, griechenland, und und und…

überall gibt es diese grundhaltung und sie bewohnt insbesondere das unterbewusstsein derjeniger, die am aufdringlichsten vorgeben, diese hinterfragen und kritisch betrachten zu wollen.

doch die laufrichtung dieser perspektive ist immer dieselbe. sie ist fast zwanghaft auf sich selbst gerichtet, auch wenn sie vorgibt, das vermeintlich andere begreifen zu wollen. das andere wird zunächst als solches klar bezeichnet, ohne gefragt zu werden, ob es sich so empfinden will. es wird betrachtet und analysiert, aber im grunde dient es als attribut der eigenen selbstbetrachtung und dieser prozess wird dann als offener blick verkauft. so wurde ich zum beispiel als vertreter der migrantischen kulturszene münchens bezeichnet – ich habe bisher nicht einmal ansatzweise an eine solche funktion meiner person gedacht. mein ganzes leben lang noch nicht (unglaublich oder? – wär doch mal ein cooler job – so ne art ehrenkonsul der migranten). ich bin also konfrontiert mit einer einordnung von aussen, wie so oft in meinem leben geschehen. jetzt kann ich mich mal wieder zurücklehnen und mir diesen begriff auf der zunge zergehen lassen.

ich betone dies, weil ich diesen prozess nur allzugut kenne – mindestens von zwei kulturellen gefässen, in denen ich mich aufhalte (türkei und deutschland).

ich formuliere es einmal so: man gönnt sich als vertreter der „weissen“ hochkultur (was in diesem kontext nichts mit hautfarbe zu tun hat) ständig diesen luxus, sich mit seinen psychosen, seinen inneren perspektiven, seinem blick auf die dinge zu beschäftigen und kommt sich auch grossartig vor dabei, denn man unternimmt ja grosse schritte in der selbstwahrnehmung und -hinterfragung.

nur bin ich der meinung, dass „ich“ genau „diesen“ luxus „auch“ mal geniessen dürfen muss, als ein vertreter „anderer“ gruppen in dieser heterogenen gesellschaft. auch ich muss in einem grossen stadt- oder staatstheater meinen blick auf vermeintlich andere richten können, oder mich diesem blick offen verweigern können – je nachdem. auch ich muss in der lage sein dürfen, zu transformieren, zu betrachten, zu analysieren und zu inszenieren, zumal ich und meinesgleichen diese kultur-kiste schliesslich seit jahrzehnten mit unseren steuergeldern nicht unerheblich mitfinanzieren. jedoch: wir finden uns dort (zumindest hier in bayern) einfach nicht wieder!

das heisst im klartext: die biodeutschen psychosen interessieren mich sehr wohl! mit denen habe ich mich schon lange auseinandergesetzt, mit der geschichte, nazideutschland, weimarer republik, karl dem grossen, mit der kultur, mallorca, mit der musik, tony marschall, gitte, wetten dass…?, weihnachten, tatort, ostern, jesus christus, eurovision, ethik, evangelen, katholiken, latein, altgriechisch, klassisches altertum, arbeitslosenzahlen, wirtschaftsprognosen, regierungskoalitionen, philosophie, griechische mythologie, schiller, goethe, german angst, raf, 68’er, freie liebe, techno, krautrock, anne will, wettervorhersage, fasching, wiesn trallallaaa. damit habe ich mich beschäftigt.


ich habe meine hausaufgaben gemacht und ich bin bei weitem nicht der einzige. es ist jetzt nur die frage, wie weit die deutsche hochkultur ist mit ihren hausaufgaben?

ich interessiere mich für all dies, aber ich bin vor allem egoist. deswegen interessiere ich mich in diesem zuge auch für „meine“ blickrichtung, für „meine“ art(en) all dies zu sehen, für meinen blick auf meine „identität(en)“. ich interessiere mich also auch – genauso wie alle – für meinen blick auf mich selbst, für den ich auch einen resonanzkörper brauche. sprich: ich brauche platz, leute! tuuut tuuuut! und geld brauch ich auch. baaaaap baaaaaap!

all das ist auch mein recht, nicht nur eures.

darum geht es mir. und ich wiederhole: „ich bin bei weitem nicht der einzige“. ich hoffe, man versteht meine formulierung?

insofern würden meine zwitteridentitätigen multi-kulti freundInnen und ich uns freuen, mit kompetenten und interessierten Menschen über solche dinge reden zu können. völlig losgelöst von der diskussion um das stück von dries verhoeven – dieses ist in diesem kontext nämlich zweitrangig – es geht nicht um den erfolg oder den misserfolg dieses stückes. es hat auch keine kontroversen hervorgerufen. es war lediglich ein willkommener aufhänger für eine kulturstrategische massnahme meinerseits. „diese“ hat wiederum durchaus kontorversen hervorgerufen und hohe wellen geschlagen – zumindest bei den münchner kammerspielen. und das ist auch genau richtig so.

aber es geht hier um wichtigeres: nämlich unsere „gemeinsame“ kulturelle zukunft.

verstehen sie mich nicht falsch ladies and gentlemen – wer will, der kann ja zu diesem gespräch am 2. nov. gehen (s. einladung unten), das wird sicher auch interessant, aber ich glaube, dass der rahmen zu eng ist, ehrlich gesagt.

deswegen schlage ich vor, wir führen den hier hoffentlich beginnenden dialog, anfang dezember an einem unabhängigen ort fort – zum beispiel im milla in der holzstrasse – und laden vertreterInnen des residenztheaters, des volkstheaters und der freien theater (pathos, monopol, schwere reiter, i-camp, etc.) gleich mit ein, damit’s kuscheliger wird.

ich habe schon im milla angefragt – dies sind die möglichen termine:

1.12. / 9.12. / 10.12

meine lieben kulturliebhabenden deutsch-multi-kulti-freundInnen und ich würden uns freuen, wenn das klappt.
am 2. nov. bin ich wie gesagt nicht dabei. mit 10 leuten und einem häuflein presse kann man das thema nur anteasen, finde ich. zumal befinde ich mich – wie gesagt – zu dem zeitpunkt auf einem wohlverdienten 2-wöchigen aufenthalt in istanbul.

gruss

triptonious coltrane

p.s.: bitte sehen sie diesen beitrag nicht als angriff, sondern eher als eine berechtigte und notwendige reflexion.


hier der aufruf zur gesprächsrunde vom kulturreferat der landeshauptstadt münchen und den kammerspielen:

> Betreff: Stadtraumprojekt 2014 „Niemandsland“ der Münchner Kammerspiele – Einladung zu einer Gesprächsrunde am Samstag, 02.11.2013, 11.00 Uhr
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Theaterschaffende,

auf seinem Blog triptown. de und im Münchner Merkur hat Tuncay Acar vor Kurzem eine Diskussion angestoßen zum Umgang mit Interkulturalität im Theater: http://www.merkur-online.de/lokales/muenchen/stadt-muenchen/genervt-migranten-safari-3154095.html

Die Münchner Kammerspiele möchten gerne ins Gespräch kommen über das geplante Stück „Niemandsland“, das der Auslöser hierfür war. Am Samstag soll – zunächst in einer kleineren Runde – über das Projekt informiert werden. Ziel wäre auch, gemeinsam geeignete (öffentliche) Veranstaltungsformate zu finden, um einen echten Austausch zum Thema „Interkulturalität & Theater“ zu ermöglichen.

Sie sind ganz herzlich eingeladen, sich am kommenden Samstag an den Vorüberlegungen zu beteiligen. Gerne können Sie diese Einladung auch weitergeben. Nachfolgend finden Sie alle weiteren Infos der Kammerspiele und die Bitte des Produktionsleiters Philip Decker um Anmeldung:

„Die Münchner Kammerspiele möchten alle interessierten Münchner Kulturschaffenden zu einem Treffen mit Dries Verhoeven, dem Regisseur des Stadtraumprojekts 2014 „NIEMANDSLAND“, einladen. Das Anschreiben zur Suche nach Performern für das Projekt hat vor allem in der migrantischen Kulturszene hohe Wellen geschlagen und dieser wichtigen Diskussion möchten sich die Kammerspiele in direkter Kommunikation stellen. So wird es im Anschluß an die Präsentation des Projekts NIEMANDSLAND eine Gesprächsrunde mit Dries Verhoeven, dem Kammerspiele-Dramaturgen Koen Tachelet, dem Produktionsleiter Philip Decker und der Chefdramaturgin Julia Lochte geben. Ziel des Gesprächs soll sein, die Themen & Möglichkeiten eines, von beiden Seiten gewünschten, öffentlichen Diskurses zu besprechen. Der Treffpunkt für das Gespräch ist am Samstag, 02.11. um 11 Uhr an der Bühnenpforte der Münchner Kammerspiele, Falckenbergstraße 2, 80539 München. Über eine kurze Rück- bzw. Anmeldung an philip.decker@gmx.de würde ich mich freuen, damit wir genügend Stühle und Verpflegung bereitstellen können“.

Mit besten Grüßen

Letztens meinte einer doch tatsächlich…

Ist der Tuncay wieder Türke geworden?

Anscheinend fühlte sich da einer provoziert durch meine Anti-Pseudo-Hochkultur-Kampagne, in der ich zu einem Perspektivwechsel in den bayerischen Theateranstalten hinsichtlich dem Umgang mit der „Migrationsthematik“ aufrief. Ich bekannte mich zu meinem Migränevordergrund und positionierte mich ganz bewußt mit einer meiner kulturellen Identitäten – nämlich der deutschländer-migränischen – und stellte Forderungen auf.

Viele verstanden, was ich meinte, einige jedoch nicht. Bisweilen gab es sogar welche, die meinem Standpunkt einen rassistischen Hintergrund unterstellten. Mich haben diese Resonanzen sehr gefreut, denn ich habe gemerkt, dass da etwas in der deutschen Volksseele schlummert, das geneckt werden will. Und das will ich hiermit gerne weiterführen:

Denn mit deutscher Volksseele meine ich nicht nur die derjenigen, die sich sofort angesprochen fühlen, sondern auch die, die sich nicht angesprochen fühlen: die Moslems, Araber, Jugos, Griechen, Afghanen, Pakistanis etc. (ich wähle hier ganz bewußt politisch inkorrekte stereotype Identitätsbezeichnungen). Denn jeder, der hier sozialisiert ist, gehört meiner Meinung nach zum hiesigen Volk. Und um die Frage des jungen Herrn oben zu beantworten: Ich bin Schwarzmeermensch, Pontiko, Georgier, Kurde, Armenier, Mediteraner, ich bin aber auch Münchner, Bayer, Yoruba, Sioux, Katalane, Indio, etc. . Ich bin Teil einer jeden regionalen Kultur, der ich mich in irgendeiner Form intensiv genähert habe. Ich glaube nicht, dass ich ein Identitätsproblem habe, sondern eher diejenigen, die ihre kulturelle Zugehörigkeit an eine Religion oder eine Nation koppeln. Denn das begrenzt ihre mentale Freiheit und ich bin der Meinung das gewisse Machtpole genau das von uns wollen.
Im Gegensatz dazu finde ich, man sollte sich in erster Linie als Mensch identifizieren und dann kann man loslegen mit regionalen kulturellen Zugehörigkeiten. In der Dringlichkeitsabfolge liegen die nationale und die religiöse Zugehörigkeit für mich gaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaanz weit unten und interessieren mich auch sehr wenig, bis gar nicht. Ich bin auch kein Moslem, kein Monotheist, kein Atheist – eher Polytheist, der jeden Tag neue Gottheiten erkennt und zu seiner Glaubensphilosophie hinzufügt, wie’s ihm grade passt.

Für alle, die meinen, ich mache es mir aber ganz schön einfach, hier meine Antwort: „Nein, eher noch viel schwerer“. Ihr wollt, dass ich es euch einfacher mache, mich einzuordnen – so schaut’s aus. Aber dazu muss ich sagen: so einfach ist der Mensch eben nicht einzuordnen. Also lasst es sein! Es gibt keine Integration und keine Migration. Das sind rassistische und unsinnige Begriffe, die viel zu leicht mit gefährlichen Bildern der Leitkulturpolitik unterlegt werden können und deswegen nur der politischen Polemik dienen. Es gibt nur den Wandel und den muß man mitgestalten, wenn man nicht in der Schublade verstauben will.

Bussi Bussi Trallallaaa!

Die Lösung: Geld verbrennen im Theater?

Wem gehört die Stadt?
Wem gehört das Theater?
Wer verhindert den guten Geschmack postmoderner Architekten?
Wer gebietet über den schlechten Geschmack von Intendanten der öffenlich-rechtlichen Sender?
Warum muß ich für beides teuer bezahlen?
Wem gehört das wahre Gut auf Erden?
Wer muss sich stattdessen mit Nullen und Einsen auf seinem digitalen Girokonto begnügen?
Wem gehört die Kultur?
Wer hat das Recht sie zu erfahren?
Wer muss draussen bleiben und jämmerlich vor den Toren der hochsituierten Zivilisation ersaufen?
Welche Rolle spielst du?
Wer hat das Recht, sich über eine neue Form der Jugendkultur in den Armenvierteln Südafrikas zu empören, in der sich die Kids, die gar nichts haben über sündhaft Teure Klamotten definieren, für die sie fast Ihr Leben geben?
Welches Geld hat materiellen Gegenwert?
Kann Geld auch ideellen Gegenwert besitzen?
Wer kann eines von beiden belegen?
Hast du schon mal daran gedacht, Geld zu verbrennen?
Siehe hier: http://www.indiepedia.de/index.php?title=The_KLF_verbrennen_eine_Million_Pfund

Offener Brief an das bayerischen Hochkultur

guten tag

mein name ist triptonious coltrane

meines zeichens musiker, künstler, kulturschaffender in münchen.

ich habe gerade diesen wirklich spannenden artikel gelesen:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/intendant-kusej-fuer-mehr-migranten-im-theater-leiden-und-lernen-1.1315414

dieser berührt ein thema, dass mir schon seit langem auf der seele brennt (vor allem als münchner), deswegen schreibe ich diese email. ich hoffe sie erreicht auch herrn kusej!

ich selber bin zwar kein theatermensch, aber ich kenne sehr viele – vor allem mit migrationsvordergrund

letztens habe ich mich zu einer anfrage für ein stadtprojekt der münchner kammerspiele öffentlich auf meinem blog (www.triptown.de) und über meinen newsletter geäussert, der immerhin knapp 700 leute fasst und auch meine über die jahre gesammelten pressekontakte beinhaltet

ich habe mich sehr impulsiv und auch rücksichtslos geäussert und damit auch sicher einige menschen verärgert, aber ich denke, es ist an der zeit, da mal was zu unternehmen. der ignoranz, der ich mich bisher besonders im deutschen kulturbetrieb ausgesetzt gefühlt habe, entgegne ich nun nach jahren der bescheidenen zurückhaltung auch einmal mit harschen worten. aber glauben sie mir: es ist nur gut gemeint. gut für uns alle. denn wenn keiner keinem weh tut, dann passiert nix und ich sags ganz ehrlich: mir machts gerade richtig spass!

ich kann mir nicht mehr mit ansehen, wie „bioeuropäische“ theatermacher ein stadtprojekt nach dem anderen im münchner bahnhofsviertel durchführen, sich ein stück nach dem anderen vom grossen förderkuchen im namen der integration und der brisanz der migrationsthematik abholen und diese projekte immer nur in zirkeln der hermetischen hochkultur kursieren und auch dort entwickelt werden. der fokus bleibt auf die perspektive dieser kreise gerichtet und dreht sich dort im kreis. die sicht aus der perspektive der „anderen“ kulturellen segmente der gesellschaft, die das stück ja eigentlich thematisiert, bleibt notgedrungen im hintertreffen.

auch empfinde ich immer dieses ungute gefühl des ewig fremden beobachters, wenn ich in münchen im theater sitze. ich habe nie das gefühl, ich bin ein teil dieser wundervollen kultur. genauso regt es mich auf, wenn biodeutsche mit der verhaltenheit des fremden durch das bahnhofsviertel laufen und eine gastfreundliche anleitung erwarten – so als ob sie hier nicht in ihrem eigenen land wären.

dieses gefühl des fremdseins kann man nur überwinden, wenn vertreter der jeweils „anderen“ kulturwelt platz im vermeintlich „unseren“ findet: als deutscher/e im bahnhofsviertel, oder als migrantischstämmiger im theater, in positionen von regisseurInnen, schauspielerInnen, dramatourgInnen und auch intendantInnen.

mir ist klar, dass man das nicht einfach so erwarten kann. ich will auch keine quote. ich und meinesgleichen wollen und müssen sich diese positionen erkämpfen, für all die talentierten menschen, die jetzt nur darauf warten, dass sie endlich mal auf grossen bühnen und mit odentlichem budget loslegen können, ohne ihre nachnamen elegant dem generellen kulturellen hochwohlempfinden anpassen zu müssen. diese diskussion wird auf uns alle zukommen und ist wichtiger denn je!

wir fordern deswegen wiederholt eine reihe von öffentlichen veranstaltungen, podiumsdiskussionen, theaterprojekten etc., in denen die vorhandenen kommunikationsmauern mal gesprengt werden und wir uns endlich frei von überheblichkeitsbarrieren und auf augenhöhe miteinander auseinandersetzen.

hier die links zu meinem blog, die dieses thema behandeln (bitte auch die kommentare lesen) :

https://triptown.de/?p=566
https://triptown.de/?p=582

den worten müssen nun taten folgen

wir – eine gruppe von münchner künstlern, regisseuren, schauspielern, philosophen etc. – arbeiten gerade an einem stadtprojekt.

mit dabei sind (nach dem aktuellen stand der dinge):
karnik gregorian
bülent kullukcu
emre akal
berivan kaya
tunay önder
sebahat ünal
kuros yalpani
simone egger
tuncay acar
federico sanchez

wir wollen eine öffentliche podiumsdiskussion zu der thematik, an der vertreter der grossen theaterhäuser in münchen teilnehmen und wir unser projekt vorstellen können, für das wir noch eine förderung suchen.

wir hoffen diese message erreicht diejenigen, die sie erreichen soll! deswegen: gerne weiterreichen!

gruss

triptonious

Die Suche nach dem Taqwacore

Es melden sich ja so einige Menschen bei mir tagtäglich mit betimmten Anliegen. Entweder fragen sie nach Tips für ihren nächsten Istanbulurlaub, nach einem Interview zum Thema urbane Freiräume und Zwischennutzungen, oder nach türkei- und islamspezifischen Fragen.

Dabei habe ich von Islam keine Ahnung. Der Islam interessiert mich im Grunde genausowenig, wie alle anderen monotheistischen Religionen. Ich bin eher polytheistisch veranlagt. Das rührt wohl von meinem Archäologiestudium her und meiner Begeisterung für die griechische Mythologie. Spiritualistische Naturreligionen haben es mir eher angetan.

Zu den anderen genannten Themen weiss ich dann schon eher was. Zum Beispiel habe ich eine Vorliebe für türkische Musik aller Arten. Arabesk mag ich gerne, türkische Klassik, türkische Kunstmusik, Volksmusik und natürlich türkischen Pop, Punk, Rock, etc. auch.

Die witzigste Anfrage hatte ich auch zu diesem Thema. Da rief mal eine Jounalistin von ARTE an, die die Empfehlung wohl von irgendwem erhalten hat. Sie fragte mich, ob ich ihr von einem musikalischen Phänomen aus Istanbul namens „Taqwacore“ erzählen könne. Ich war verwundert. Diesen Begriff hatte ich noch nie gehört und fragte zurück, ob sie sich sicher wäre, dass es sowas in der Türkei überhaupt gibt? Sie war sich ziemlich sicher, weil sie sich nicht vorstellen konnte, dass das woanders entstehen hätte können.

Daraufhin wollte ich wissen, was das überhaupt sei und sie antwortete, dass das eine Art radikalislamistischer Straight Edge Hardcore wäre.

Ich war baff! Konnte es möglich sein ,dass so eine Szene in Istanbul existiert und ich nichts darüber weiss? Für einen kleinen Moment war ich verunsichert, aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass so etwas in der Türkei existiert. Die konservativ sunnitische Gesinnung sieht unter Punk und Hardcore eher eine satanistische Grundlage verborgen. Unter diesen Umständen konnte ich mir so eine Musikform in der Istanbuler Islamistenszene nicht vorstellen. Aber ich hatte da einen Verdacht: die einzigen, die so bescheuert sein können, sind die Konvertiten. Und mein Instinkt sollte recht behalten. Also hier die Aufklärung. Taqwacore kommt aus dem Westen. Die angelsächsische Kultur ist anscheinend ein idealer Nährboden für kreativen Fundamentalismus:

http://www.taqwacore.com/
http://www.taz.de/!106360/

Antwort von Philip Decker…

Der Fairness halber poste ich hier mal die Antwort von Philip Decker auf meine fordernde Attacke. Er hat mit diesem Text meinen Post kommentiert. Damit der Kommentar nicht untergeht poste ich ihn hier noch einmal:

Philip Decker sagte am :

Hallo Tuncay!

Ich kann Deinen Ärger über den Umgang der deutschen Kulturpolitik mit dem Thema Migration absolut nachvollziehen und hoffe meinen Teil dazu beitragen zu können, dass es zu dieser Deiner geforderten Diskussion und Auseinandersetzung kommt.

Klar fühle ich mich gerade etwas zu prominent in dieser Angelegenheit angesprochen, denn ich habe in dem Moment in dem ich meinen Aufruf geschrieben habe, zu aller erst an meinen Auftrag und nicht an die kulturpolitische Tragweite des sogenannten “Migrationstheaters” gedacht.

Da könnte man gleich noch eine weitere Diskussion über Lebens- und Arbeitsbedingungen im sogenannten Kulturprekariat dranhängen, aber dafür bin ich wohl zu jung oder dumm, habe zu viel Lust für und im Theater zu arbeiten und davon zu leben und bin somit noch nicht an meiner Frustrationsgrenze angelangt. Die ist bei Dir und vielen anderen offensichtlich erreicht.

Morgen leite ich Deinen Aufruf an die Münchner Kammerspiele weiter und ich hoffe, dass sich daraus ein wirklicher Diskurs zu diesem Thema ergibt, der dann auch seine Konsequenzen in der Kulturpolitik findet.

Trotzdem möchte ich das Projekt “Niemandsland” an dieser Stelle noch kurz verteidigen, denn es geht darin tatsächlich vielmehr um die Hinterfragung der Perspektive des Zuschauers auf das Thema Migration als um eine Zurschaustellung der Migranten. Damit zielt das Stück genau auf das ab, was sich ändern muss, damit diese Diskussion die Du führen willst fruchtbar ist: Unsere Sicht auf uns selbst und nicht die Sicht auf andere.

Freundschaftliche Grüße,

Philip

Neues Stadtprojekt der Kammerspiele in München: Osteuropäische Schwarzarbeiter besuchen neureiche Versicherungsmanager in Bogenhausen

Liebe FreundInnen, die meinen Blog und meine Emails schätzen. Liebe interessierte LeserInnen, die nicht wissen, was sie davon halten sollen, aber auch nicht mutig genug sind, ihn abzubestellen. Liebe stummen Zaungäste.

Ich wende mich an euch alle, denn so allmählich geht es mir ordentlich auf den Keks, dass….

…der deutsche Kulturbetrieb (und damit meine ich auch den, der sich gerne mal auf der Gegenseite des Establishments sieht, wie zum Beispiel die Münchner Kammerspiele), immer noch nicht in der Lage ist, von seiner dämlichen Überheblichkeit herunterzukommen.
Wie ich darauf komme? Weil ich gerade eine Rundmail erhalten habe von meinem Freund Philip Decker, der gerade als Produktionsleiter ein Theaterprojekt des niederländischen Regisseurs Dries Verhoeven namens „Niemandsland“ betreut, wofür migrantische Mitspieler gesucht werden. Alles schön und gut, nur wird der/die MigrantIn wieder einmal dazu aufgefordert, einigen „bio-europäischen“ Gästen sein migrantisches Leben in seinem „migrantisch geprägten“ Viertel zu erklären.

Ich bin mir sicher, das ist ein toll durchdachtes Konzept von dem Dries Verhoeven, aber dieserlei Projekte gab es doch schon zu Hauf. Hört doch auf damit, verdammt! Der Stoff ist durch Leute! Ausserdem finde ich es so dermassen peinlich, immer nur aus der bequemen Rolle des neugierigen Voyeurs auf das vermeintlich „Fremdartige“ zu blicken. Begreift es endlich Schnuckis: „IHR SEID DIE MIGRANTEN, IHR SEID DIE ALIENS“ und nicht umgekehrt. Ihr begreift nicht, dass ihr schon längst eingetürkt seid, genauso sehr wie ich eingedeutscht bin!

Ihr wollt es nicht wahrhaben, aber bin ich derjenige, der lecker Döner frisst bei jeder Gelegenheit und der Branche zu reissendem Umsatz verhilft? Nein! ICH MAG NÄMLICH KEINEN DÖNER.

GUTEN APPETIT – ICH HABE DAMIT NIX ZU TUN UND ICH WERDE EINEN TEUFEL TUN UND EUCH ZUM DREITAUSENFÜNFHUNDERTSTEN MAL „MEIN MIGRANTISCHES BAHNHOFSVIERTEL“ ERKLÄREN! BIN ICH KASPERLE ODER WAS? DAS IST AUCH EUER VIERTEL VERDAMMT. GUCKT ES EUCH HALT AN. IST DOCH AUCH EUER LAND, EURE STADT, EURE GESCHICHTE, ODER NICHT?

Lasst uns doch lieber mal den Spiess umdrehen und einen neureichen Versicherungsmakler, Banker, oder Immobilienhai eine Stadtführung durch das Bogenhausener Villenviertel durchführen, der bulgarischen Schwarzarbeitern sein Leben und sein Viertel zeigt.

Das macht in der jetzigen Situation, in der wir uns alle befinden, wesentlich mehr Sinn!

Ich fordere von den Kammerspielen München eine Aussprache, über dieses Thema und zwar öffentlich!
Daran können sich dann Vertreter des Volkstheaters und des Residenztheaters auch beteiligen!

Und da können wir uns gerne auch mal über das Thema unterhalten, warum sich fast 99,9 Prozent der migrantisch-stämmigen Kulturschaffenden, KulturarbeiterInnen, Regisseure, Intendanten, SchauspielerInnen einen wohlklingenden „weissen“ nachnamen aneignen müssen, wenn sie in diesem Land Karriere machen wollen?

wie z.B.

Shermin Langhoff
Tim Seyfi
Ersan Mondtag

und und und…

Glaubt es mir, mir hängts zum Halse raus.

Bitte liebe Freunde und Freundinnen von der deutschen „Leidkultur“. Versteht mich nicht falsch. Ich habe euch echt gerne und ich weiss, ihr meint es nur gut mit uns. Aber ihr müsst eines endlich begreifen:

WIR MEINEN ES AUCH GUT MIT EUCH!

Unten die besagte Email. Ich fordere alle migrantischstämmigen Menschen auf, dieses Projekt zu boykottieren!

Gruss

Tuncay
Anhang:

Aquisitionsmail der Kammerspiele auf der Suche nach Mitspielern bei dem Stadtprojekt Niemandsland von Dries Verhoeven:

Sehr geehrte Damen und Herren, mein Name ist Philip Decker, ich bin seit der Spielzeit 13/14 künstlerischer Produktionsleiter der Münchner Kammerspiele, einem der renommiertesten deutschen Stadttheater und Gewinner der Auszeichnung „Theater des Jahres 2013“. Ich wende mich mit folgendem Anliegen an Sie: Im Sommer 2014 werden wir die Theaterproduktion „Niemandsland“ des niederländischen Regisseurs Dries Verhoeven zu Gast in München haben. Es handelt sich hierbei um einen Stadtspaziergang, bei dem jeweils ein Mensch mit Migrationshintergrund einen Theaterzuschauer durch ein migrantisch geprägtes Viertel (in München das südliche Bahnhofsviertel) führt, wobei dieser per Kopfhörer viele mögliche Geschichten der „Migration“ hört. Ziel ist es die Perspektive des Zuschauers auf ihren Wegweiser und das Thema Migration insgesamt zu thematisieren. Hierfür sind wir auf der Suche nach insgesamt 12 Spielern, die Lust haben Ihre Perspektive auf das Thema Migration in München mitzuteilen und darzustellen. Anbei schicke ich Ihnen unsere Suchanzeige, es wäre sehr freundlich von Ihnen, wenn Sie diese an Interessierte weiterleiten und vielleicht sogar aushängen könnten. Ich danke Ihnen für die Mithilfe und stehe Ihnen bei Fragen selbstverständlich zur Verfügung,

Mit freundlichen Grüßen, Philip Decker

Baumrecht statt Baurecht (Rede vom 10.07.13)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, liebe Münchnerinnen und Münchner,

So ein paar Bäume…

sind schnell mal abgerissen
Ja klar!

Jahrtausendelang waren Bäume, Blumen, Felder, Obst, Gemüse, Natur, Landschaft, Flora, Fauna für den Menschen als ein selbstverständlicher Bestandteil seines Lebensraumes in Hülle und Fülle vorhanden. Die Natur war eine schier endlose Ressource, die nur der Allmächtige allein zu zerstören in der Lage zu sein schien.

Die Betonung muss nun jedoch leider auf das Wörtchen „war“ gelegt werden. Denn wir befinden uns in einer Phase der Erdgeschichte, in der diese besagte Selbstverständlichkeit nicht mehr gegeben ist. Der Mensch selber befindet sich jedoch scheinbar immer noch in der Euphorie des beginnenden Industriezeitalters und kann sich davon nicht lösen.
Wie sollte er auch? Diese paradiesische Epoche, in der der Mensch gottgleich über das Universum zu herrschen scheint und sämtliche Ressourcen der Erde ihm grenzenlos zur Verfügung zu stehen scheinen dauert ja nun gerade mal ein wenig länger als ein Jahrhundert an. Was ist das schon, gemessen an den Jahrmillionen, in denen er unter den widrigsten Bedingungen ohne Fastfood, mobile Kommunikation, Datenclouds, Zweitfahrzeug- und Drittfahrzeug, 3-D-Drucker, Luxusimmobilien, Clubbing-Kreuzfahrten und ähnlichem dahinvegetieren musste. Wieso sollte man sich jetzt freiwillig von all dem Luxus lösen wollen, solange man nicht dazu unter Todesdrohungen genötigt wird? Welcher gesunde Mensch macht das denn?

Diese Frage bringt uns jedoch sogleich zur nächsten: was verstehen wir unter einem gesunden Menschen? Meine zweite Heimat ist die Türkei und im Türkischen gibt es eine Sprichwort, das sich ungefähr so übersetzen liesse:
ES GÄBE KEINEN STAAT AUF ERDEN, VERGLEICHBAR MIT DEM WERT EINES HAUCHES  REINER GESUNDHEIT.

Doch was braucht der Mensch, um gesund zu sein?

– Gesunde Ernährung ohne Schadstoffe
– Gesundes, frisches, lebendiges und vor allem frei verfügbares Wasser
– Frische, reine Luft zum Atmen
– Einen intakten Körper
– Medizinische Verpflegung
– Regelmässige Aufenthalte in der Natur
– Sportmöglichkeiten

Doch da gibt es eine Komponente, die bei solchen Fragen meist erst zu allerletzt auf die Liste kommt:

Der gesunde Geist und das Seelenleben. Der Mensch ist ein Herdentier. Er braucht eine intakte Gemeinschaft, in der er sich wohl fühlt und als deren Teil er sich begreift. Sie spendet ihm Identität, gibt ihm ein Zugehörigkeitsgefühl, sie edelt ihn und mach ihn erst zum wahren Menschen .

Zum gesunden Menschen gehört eine gesunde Gesellschaft und es gibt keine gesunde Gesellschaft, ohne gesunde, zufriedene, erfüllte Menschen, die sich als ein Teil eben dieser begreifen. Menschen, die sich offen entgegenstehen, die sich gegenseitig akzeptieren, neues zulassen, altes bewahren, Menschen die teilen können. All dies gehört zur menschlichen Kultur und im Großen und Ganzen funktioniert dies – mit einigen kleinen Detailunterschieden – überall auf der Welt gleich.

Nun bringt es jedoch die menschliche Kultur mit sich, dass sie eben wie jede andere Kultur im Universum auch (nehmen wir z.B. Bakterienkulturen, Pflanzenkulturen, Insektenkulturen, etc.) immer besser gedeiht, wenn sie langfristig, über Generationen hinweg einen fruchtbaren Ort findet an dem durchgehend ideale Voraussetzungen für ihre Entwicklung bestehen.

Erst dann verselbständigen Sich einzelne Elemente, gedeihen weiter und entwickeln auch neue Triebe– im Falle der Menschen wären das:
– Das Verständnis unter den MitbürberInnenn
– Der Bildungsstandard
– Die Kunst- Kultur- und die Musikszene
– Die gesellschaftliche Gleichberechtigung (von einzelnen Bevölkerungsgruppen, zwischen den Geschlechtern, zwischen den Schichten und Gruppierungen der Gesellschaft, den Generationen…).
– Das gleichberechtigte Leben von Menschen, Pflanzen und Tieren
– Der Wohlstand (der leider in seiner Grundbedeutung im jetzigen Stadium der menschlichen Entwicklung auf unendlichem Wachstum und somit auf Unersättlichkeit angelegt ist – ich meine Wohlstand jedoch eher im Sinne einer privaten Zufriedenheit, die auf einer allgemeinen Zufriedenheit basiert).

etc. etc. etc.

Es gäbe einige Faktoren, die man so aufzählen könnte.

Was wir jedoch dafür benötigen, sind gewachsene Strukturen, deren Wert unschätzbar hoch ist, nicht nur für die lokale Stadtgesellschaft in München, sondern auch für die globale Gesellschaft, denn wie wir alle wissen, hängen diese beiden eng zusammen und wirken aufeinander ein, wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte.

Gewachsene Strukturen sind nichts anderes als Wurzelwerk – genauso wie das Wurzelwerk dieser Bäume hier, die im Zuge eines Luxusbauvorhabens, das an dieser Stelle gegenüber von uns nun aus dem Boden wachsen soll, zerstört werden. Man zerstört mit dem Bauvorhaben nicht nur die Bäume, sondern schadet damit auch unserer Gemeinschaft. Denn genauso wie diese Bäume, werden mit übertriebenen Mietpreisen und der Ansiedlung von internationalem Geldadel ins Glockenbachviertel, die einheimischen natürlichen und sozialen Strukturen zerstört.

Zwar sollen als Ersatz für diese Bäume an anderer Stelle frische Setzlinge gepflanzt werden, aber ein Setzling an einer anderen Stelle kann einen altehrwürdigen Baum an dieser Stelle nicht so leicht ersetzen. Neupflanzungen sind wichtig! Keine Frage! Neubauten sind auch wichtig, um neuen Wohnraum für die neuen Bedürfnisse der Bevölkerung zu schaffen. Neue Impulse in der soziokulturellen Landschaft sind ebenfalls wichtig. Das sehen wir alles ein. Nur eines stört uns: „Die Neuerungen, die in dieser Form erfolgen, wie bei diesem Bauvorhaben gegenüber, berücksichtigen die gesunde soziokulturelle Gesellschaft nicht. Sie dienen hauptsächlich der Bereicherung von Großverdienern und dem Komfort von Menschen, die sich eh keine Sorgen um ihre restliche – zumindest materielle – Existenz mehr machen müssen.
Uns – nämlich der eigentlichen Bevölkerung dieser Stadt – bringen diese Bauvorhaben, wie sie an dieser Stelle, im Seven, im alten Arbeitsamt in der Thalkirchnerstrasse, auf dem Rodenstockgelände erfolgen sollen und teilweise erfolgt sind – rein gar nichts.

Sie nehmen uns nur die Luft zum Atmen und den Platz zum Leben. Stattdessen versuchte man noch vor kurzem mit einem eher mittelgroßen Sozialbauprojekt in der Müllerstr. 6 das eh schon extrem eingeengte Nutzungsareal der Glockenbachwerkstatt noch mehr einzugrenzen.

Dank der Unterstützung unserer äußerst engagierten FreundInnen und UnterstützerInnen – vor allem der Eltern unserer Kindergarten- und Hortkinder – konnten wir das bis jetzt verhindern. Aber das letzte Wort ist immer noch nicht gesprochen.

Wir sitzen jedoch jetzt schon mal mit am Tisch und werden als Gesprächspartner wahrgenommen. Das ist schonmal ein wichtiger Schritt! Wir wissen jedoch ganz genau, dass es nicht ausreicht, nur seine eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. Das hat uns die langjährige Erfahrung gelehrt. Man muss eher immer das große Ganze im Auge behalten und darf den Gesamtüberblick nicht verlieren. Man muss sich bürgerlich solidarisieren und darf – bei aller Wohlgesonnenheit und auch besonnenen Haltung der Lokalpolitik gegenüber, die kritische Haltung nie aufgeben. Dies begreifen wir als eine gesellschaftliche Aufgabe – deswegen bin ich heute Abend hier und vertrete offiziell den Vorstand des Glockenbachwerkstatt e.V.

Zu guter letzt möchte ich an die Vorkommnisse erinnern, die gerade seit über einem Monat am Taksim Platz in Istanbul, um genauer zu sein im dortigen Gezi Park und drumherum stattfinden. Der bürgerliche Unmut hatte sich dort entzündet an der Entwurzelung von fast 40-50 Jahre alten Bäumen.

Die Staatsmacht reagierte auf diesen Impuls der Proteste mit Unverständnis: Es ginge doch hier nur um ein Paar Bäume. Aber der weitere Verlauf der Ereignisse hat gezeigt, dass Bäume mehr sind als nur Bäume. Sie sind nicht nur Symbol für, sondern ihr Wurzelwerk hängt auch sehr eng zusammen mit den gewachsenen sozialen und soziokulturellen Strukturen in einer menschlichen Gemeinschaft.

In dieser schwierigen Zeit, in der Millionen Menschen weltweit auf den Straßen sind – in dieser Unruhigen Zeit, zählt der gesellschaftliche Zusammenhalt mehr denn je! Wir sind Bestandteil einer globalen Welt. Ich finde, wir können uns diesen Pseudo-Luxus, der hier entstehen soll und den Verlust von wahrem Luxus, nämlich dem Luxus von schönem alten Wurzelwerk in der Natur, sowie im übertragenen Sinne in der Gesellschaft, nicht mehr leisten.

Dankeschön

ho ho ho – spannend

…Na sitzt ihr immer noch Woche für Woche vor der Röhre, hofft endlich mal auf einen guten Tatort und ertappt euch wieder beim einnicken?

Hier kommt ein richtig guter Plott für euch, direkt aus dem Leben entnommen – pom pom pom:
Ein Mann sitzt seit Jahren nachweislich zu Unrecht im Maßregelvollzug der forensischen Psychiatrie, weil seine Aussagen einen Finanzskandal sonder Gleichen aufdecken könnten. Der Richter, der ihn verurteilt hat, ist der beste Freund und ehemalige Handballtrainer von dem neuen Typen seiner Ehefrau (zu dem Zeitpunkt erfolgreiche Bankerin bei der Hypo Vereinsbank), die nachweislich mit seinem Vermögen Schwarzgeldgeschäfte durchführte und richtig viel dreckiges Geld für große Hypokunden mit dem Ferrari ihres Mannes in die Schweiz schipperte und ihren Mann anzeigte, nachdem er sie wegen Steuerhinterziehung angezeigt hatte und und und…. ?

DU GUCKST IMMER NOCH TATORT?

Es muß nicht unbedingt einen Mord geben, damit ein Krimi spannend wird.

Das ganze wird nämlich gedeckt von der bayerischen Justizministerin BEATE MERK persönlich. Besagte Ehefrau hingegen hat sich aus dem Bankgeschäft mitlerweile zurückgezogen und verdingt sich als Geistheilerin. Hokus Pokus…Der Mann sitzt immer noch, obwohl er kaum geistig umnachtet zu sein scheint! Man versucht einfach nur, ihn solange wie möglich Mundtot zu halten.

Wo man den Krimi zu sehen kriegt? Na da wo die Realität immer spannender ist, als die Phantasie – im ersten::
http://mediathek.daserste.de/sendungen_a-z/799280_reportage-dokumentation/15028746_die-story-im-ersten-der-fall-mollath

GERECHTIGKEIT FÜR GUSTL MOLLATH!
http://www.gustl-for-help.de/aufruf.html

Fussball und Politik

Interessant ist ja auch die Tatsache, dass neben den Persönlichkeiten aus Kunst- und Kultur, auch die Anhänger der großen Fussballmannschaften Istanbuls eine grosse Rolle bei den Gezipark-Protesten spielten. Nicht nur bei der Mobilisierung der Massen, waren sie von Relevanz, sondern auch bei der Entwicklung von effektiven Strategien und Abwehrmechanismen gegen den Polizeiterror. Als ich dieses Video sah, in welchem die besonders hervorzuhebende Carsi-Gruppe, der Anhänger von Besiktas Istanbul (http://en.wikipedia.org/wiki/%C3%87ar%C5%9F%C4%B1_%28supporter_group%29) – quasi in ihrem eigenen Viertel – ein Straßenbaugerät kaperten, und damit auf gepanzerte Wasserwerferfahrzeuge der Polizei losgingen, wurde mir schnell klar, dass nur diese Menschen in der Lage sind, der plumpen Grausamkeit der türkischen Polizei Kontra zu bieten (http://www.youtube.com/watch?v=P_anC8_s_08).
Denn wenn türkische Fussballfans etwas können, dann ist es das öffentlichkeitswirksame Auftreten. Sie verkörpern auch eine gewisse Volksautorität, denn Fussball hat in diesem Land einen besonders hohen Stellenwert. Fast jeder Türke und jede Türkin ist in irgendeiner Form AnhängerIn einer Fussballmannschaft. Dort wo das Individuum sehr wenig Platz zur Entfaltung in der Gesellschaft findet, erfüllte Fussball schon immer als soziales Phänomen, als Katalysator, als Spielplatz und Austragungsort von kollektiven Aggressionen und Expressionsbedürfnissen eine wichtige Funktion. Dies wurde verstärkt durch die Tatsache, dass man ja sonst als junges heranwachsendes Mitglied der Gesellschaft sich nur sehr begrenzt äussern kann. Überall lauern Schnauzbärtige grosse Brüder und Onkel, Väter und besserwissende Mütter und Tanten, die auf ihre traditionsgegebene Autorität pochen und die Jugendlichen allzuschnell in die Schranken weisen. Vom allgegenwärtigen misstrauischen Staatsapparat ganz zu schweigen.
Also suchte sich die junge türkische Gesellschaft einen anderen Schauplatz für ihre überbordenden Energien: Das Fussballstadion. Dort durfte man ungehindert Fluchen, lauthals schreien und seinen Unmut verkünden, die gegnerischen Fans auf den Arm nehmen, provozieren und sich verbal bekriegen. Türkische Fussballfans sind gewieft in Demoralisierungstaktiken, die sie Blitzschnell entwickeln und mittels eigens verfasster Spontanreime via Fanchöre von sich geben. Die Strasse ist ihr zweites Zuhause. Sie kennen sich aus in der Stadt und haben über die Jahrzehnte die Logistik im Chaos dieser Millionenstadt perfektioniert.
Von wegen Brot und Spiele als übersättigendes Mittel gegen eine selbständig denkende Gesellschaft: In diesem Falle bot der Fussball ein schwer unterschätztes und deswegen über Jahrzehnte relativ gering kontrolliertes Trainigsareal für zivilen Ungehorsam.