Einbruch der Werteskala

Im Eifer des Gefechtes
Ist es verdammt schwer festzustellen,
Wer wirklich aufrichtig kommuniziert
Und wer nur Tagesordnungspunkte aneinanderreiht.

was wäre Reden ohne „Zuhören“?
So wie das wichtigste Element in der Musik die Stille ist
Und man ohne rhetorische Lücke kein Publikum gewinnen kann.

Oft wird einem Stille nicht gegönnt,
Es gehört auch was dazu,
Sie zuzulassen.

Dies ist eine vorwiegend männliche Unart.
Aber nicht nur.

Stille, Raum, Zeit…
Unverwertet…
Schönheit – einfach ihrer selbst willen
Schönheit, an der man nicht beteiligt ist
Schönheit, die an einem vorüber zieht,
Ohne ein Vergleichsmoment,

Schönheit, die einfach da ist.
Ohne Businessplan,
Ohne Bääääm.

Einfach mal die Fresse halten…

Einfach die Fresse halten und sich gegenseitig ansehen.
Voll Glückseligkeit der Zeit beim verrinnen zusehen.

Das wünsche ich mir sehr oft.

Mitlerweilen gelingt es mir wieder öfter.

Nicht du

Mir scheint die Sonne aus dem Arsch.
Was sucht sie dort?
Vielleicht die Macht der Sprache,
An die wir nie glauben wollen?
Auch nicht, wenn sie unsere Eingeweide schon längst fest umschlungen hält?

Wir beherrschen unser Handwerk.
Wir formulieren unser Glück.

Vorbei sind die Zeiten, als wir noch
Alte Ethnologen
Aufschlugen, um weiße Zähne in einem Dokumentationsfoto zu suchen
Und dabei fanden sie immer uns zuerst.

Doch das passte nicht
In unser Selbstbild.

Wir finden alles,
Sogar die Sonne,
Wenn es sein muß
Sogar
In unserem Arsch.

Auch nachdem wir vergaßen,
Dass wir sie einst dort verwahrten,
Weil es so sein mußte wohl…

Ich unterstehe mich,
Irgendetwas ordnen zu wollen.
So etwas würde ich nie tun.
Aber selbstredend wäre ich
Eine sehr erfolgreiche Ordnungsmacht.

Kurz zusammengefasst:
Mir geht es gut.
Ich sehe alles.
Ich habe alles zu sehen.
Ich weiss alles.
Ich habe alles zu wissen.

Sagt ja keiner was.

Aber ich habe alles zu sagen.

Und?

Verweis, Pfiff, Tumult, Knie, Blut, Fahnen, Sonderbehandlung.
Alles schreit. Sie schreien alle.
Die Welt schreit.

Ich habe zu schreien.

Nein, nicht du!

Vorbei sind die Zeiten

Ein Archäologe und Möchtegernkommunist
Um die 50 rum
Kauft sich ein Haus in Pullach bei München
Ohne Fenster
Mitten im Winter
Es war grad so günstig
Ich frage ihn: wie hast du denn das ganze Geld verdient, um dir ein Haus in Pullach zu kaufen?
Er antwortet: mit der Archäologie
Und mit der Reperatur und dem Verkauf von historischen Motorrädern

Ich kenne den Archäologen und Möchtegernkommunisten noch aus Studienzeiten
Wir haben gemeinsam Archäologie studiert
Haben viel getrunken und Rembetiko gehört
Er hat mir immer die Texte übersetzt
Wir haben auch The Ramones und The Cramps gehört
Und Violent Femmes
Man sieht sich alle paar Jahre

Der Archäologe und Möchtegernkommunist streitet sich mit seinem Nachbarn
Den er als reiches, spiessiges Arschloch bezeichnet
Der Nachbar hat jüdischen Hintergrund
Um ihn zu reizen,
Macht er  extra viel Lärm beim Schneeschippen
Man diskriminiert sich gegenseitig
Womöglich tut es beiden gut
Es ist ein schöner Winter
Seit ein paar Jahren das erste mal wieder Schnee

Der Archäologe und Möchtegernkommunist ist ein Narzist
Hat Facebook entdeckt
Und veröffentlicht ständig Selfies
Willkürlich geschossen
Bilder von der Nacht, dem Schnee
Und von seinem Haus, ohne Fenster
Aber mit leuchtenden Weihnachtssternen stattdessen

Ich mochte den Archäologen und narzistischen Möchtegernkommunisten gut leiden
Er ist ein netter Kerl eigentlich
Ein wenig eigen
Immer aufgeblasen und rabaukig
Und immer im Konflikt mit irgendwem
Aus Prinzip
Er ist Irgendwie auch immer dem Tode nahe
Ich würde mich nicht wundern, wenn er bald aus mysteriösen Gründen stirbt

Aber ich rede mit ihm nicht mehr,
Denn er macht zynische antisemitische Witze über seinen Nachbarn
Und wenn man ihn darauf hinweist,
Dann sagt er, dass das eben sein zynischer Humor sei
Sein Art
Und dass er kein Antisemit wäre

Ich sage: sorry mein Freund. Ich habe einen Grundsatz:
Mit Leuten, die solche Witze machen, rede ich nicht
Das ist meine Haltung

Daraufhin sagt er, dass er auf seine Art von Humor nicht verzichten mag
Daraufhin sage ich: gut dann wars das
Tschüss

Der Archäologe und narzistische Möchtegernkommunist war mal ein Freund von mir

Jetzt ist er es nicht mehr

Und eigentlich ist es auch wurscht, dass er Archäologe ist

Urlaub vom Alien

Der tägliche Kniefall vor dem Anspruch des kleinen Selbstbildes erzeugt zynischen Humor und ein zerknirschtes kreideweißes Gesicht. Umso schlechter ist die Laune jeden Morgen, denn die Konkurrenz ist groß. Das ist die größte Plage im Leben. Die Ellbogen sind gespitzt und gekrönt mit einem herrschaftlichen Gönnerlächeln. Die dunklen Witze verselbständigen sich und werden zum daily Business, bis man sich wundert, welch großes Arschloch man doch mit der Zeit geworden ist. Aber auch das nimmt man mit Humor, denn im Endeffekt sind diese Momente wie Ordensabzeichen auf der stolzen Brust des verwöhnten kleinen weißen Windelkackers, als der man eben geboren wurde, als das heilige Opfer der Tätergesellschaft, das direkt aus dem Mutterleib auf den Altar geplumpst ist.

Die Karrieresucht der Mama liegt hinter einem, wie ein Schlachtfeld und die Ignoranz des selbstverliebten Vaters glänzt wie ein Goldsaum weit weg am Horizont. Genau deswegen erstrecken sich die Einsamkeit und die Verzweiflung vor einem wie eine Wüste aus Treibsand. Da sitzt man nun und heult herum im vollen Bewußtsein, dass man sich im Epizentrum der Luxuswehwehchen befindet..

Da draußen merkt natürlich keiner was von dem Pipikaka-Krieg. Die Chaträume beben vor Kraftmeierei und geschickt gesetztem Szenario.

Opfer, Opfer, Opfer… Wenn man alleine nur bedenkt, was im Laufe der Jahrhunderte aus diesem hochspirituellen Wort geworden ist? Eine Selbstzuweisung in der sich Faschisten baden, wie Kleopatra in Eselsmilch, während sie ihre Krokodilstränen in speziellen Behältnissen sammeln, wie Peter Ustinov als Nero auf einer Terrasse des Kapitols während er Rom beim Brand zusieht. Wie ehrlich sind da doch die „deutschen“ Hip Hop Produzenten in Berlin-Kreuzberg, Köln-Kalk und Bielefeld-Baumheide, die den Begriff aufrichtig als Schimpfwort benutzen. Denn das ist er eigentlich.

Also ich bin lieber legal Alien auf Dauerurlaub mit dem Pass eines weißen Windelkackers.

Diebe

Wir sind Diebe
Wir bestehlen einander
Wir stehlen

Geld
Daten
Zeit
Nerven
Leben
Herz
Seele
Würde
Organe
Land
Kinder
Frauen
Kultur
Ideen
Luft
Wasser
Lebensraum
Das Universum

Was auch immer

Das ist ja das tolle am Stehlen
Man geht immer davon aus
Dass es nicht bemerkt wird
Also kann man ja mal stehlen
Solange die Kapazitäten reichen

Ausserdem gibts ja Anwälte

Manche von uns bereuen
Manche erst kurz vor dem Tod
Aber die meisten bereuen nichts

Schmachtfetzen #12: Tanju Okan – Öyle sarhoş olsam ki

Jetzt mal ganz sachlich betrachtet: „Dieses Lied animiert zum Trinken“. Dafür wurde es auch geschrieben, und zwar von einem Komponisten namens Bülent Şençalar. Der Text stammt aus der Feder von Güzin Gürman.

Das Bezeichnende an diesem Lied ist, dass es vom Wunsch erzählt, so betrunken zu sein, dass man allen Liebesschmerz vergisst, was sich natürlich im Endeffekt immer als Trugschluss herausstellt. Denn der Suff verstärkt – wie allseits bekannt – lediglich den Schmerz umso mehr. Das Resultat: ein wunderschönes Lied, dass auf seinen Interpreten Tanju Okan wie massgeschneidert wirkt.

Auch er gehört zu den grossen Chansonstimmen, deren Lieder auch immer ein Stückweit die Realität ihres eigenes Lebens widerspiegeln. Er war ein grosser Interpret nostalgischer, herzzereissender Lieder, die die Musik der 60er  und 70er Jahre in er Türkei massgeblich prägten. In diesen beiden Jahrzehnten spielte sich auch im weitesten Sinne die Karriere Okan’s ab. In den 80ern brach jedoch mit dem aufkommenden Arabeskstil, der den tragischen Herzschmerz in eine neue Dimension trieb und den Mainstream Pop den Hörgewohnheiten der landflüchtenden neuen urbanen Bevölkerung aus dem Osten Anatoliens anpasste eine neue Ära an. Es war die Zeit der Depression und Umstrukturierung nach dem Militärputsch im September 1980.

Die Musik Tanju Okans verblich in der Nostalgie der guten alten Zeit, in der sich noch die Strandcafés entlang der Küstenstriche Istanbuls wie Perlen an einer Kette entlangzogen und in sternenklaren Sommernächten des Marmarameeres die Karrieren von grossen Stars wie Cem Karaca, Baris Manco, Kamuran Akkor, Nese Karaböcek und all den anderen beflügelten.

Die gute alte Zeit, in der auch dieses Lied entstand, war nun unwiederbringlich abgelaufen. Wahrscheinlich verfiel Tanju Okan auch deswegen mehr und mehr der Depression und das Schicksal erfüllte auf unheilvolle Weise die Prophezeihung seines 1975 entstandenen Hits: er starb an einer Leberzyrose.

Er gehört jedoch immer noch zu den meistgeliebten Stimmen des Landes und jedesmal, wenn die ersten Takte von „Öyle Sarhos olsam ki“ ansetzt, geht ein Raunen und Seufzen durch jede Meyhane und alle Stimmen an: „Ach wäre ich doch nur sooo betrunken…“

Öyle sarhoş olsam ki
Bir an seni unutsam
Unutsam bugünleri
Yarınları unutsam


Öyle sarhoş olsam ki
Bir daha ayılmasam
Herşey bir rüya olsa
Unutarak uyansam



Seni gördüğüm günü
Sevdiğimi unutsam
Bir başka dünya bulsam
İçinde sen olmasan

Wär ich doch nur so betrunken,
so dass ich dich plötzlich vergässe,
diese Tage einfach vergässe
und auch die zukünftigen.


Wär ich doch nur so betrunken
und würde nicht mehr zu mir kommen.
Wär doch alles nur ein Traum,
aus dem ich vergessend erwachte.


Ach würde ich nur den Tag vergessen,
an dem ich dich sah.
Würde ich nur eine andere Welt finden,
in der du nicht existierst.

Wer war nochmal Mohammed Mossadegh?

Der Präsi von den Amis hat’s echt nicht leicht. Jetzt hat wieder der Iran aufgemuckt. Gerüchten zufolge soll sich ja der General Suleimani in Absprache mit den Amerikanern auf dem Weg zu einer Friedenskonferenz im Irak befunden haben, als er eliminiert wurde. Das ist auch immer so eigenartig: sonst wird immer von Anschlägen geredet. Wenn die Amis sowas machen, dann spricht man von Eliminierung. Das zeigt mal wieder, dass es nie eine gute Idee war, sich auf Absprachen mit Amerikanern zu verlassen. Die lokale Urbevölkerung der USA kann da mehrere Liedchen von singen. Angeblich gibt es ja tatsächlich einen einzigen Vertrag zwischen Siedlern und Indianern, der sogar immer noch Gültigkeit hat. Diese Siedler kamen aber aus dem Westerwald in Deutschland.
Zurück zum Thema: In letzter Zeit wird über diese akute bilaterale Krise viel klug geschissen und ich wurde auch wieder hineingezogen. Und  schon wieder kursieren Posts mit „sensationellen“ Bildern, auf denen zu sehen ist, wie sexy iranische Frauen vor den Mullahs im Land gekleidet waren. Aber da ich diese Bilder und auch ähnliche aus Afghanistan und der Türkei schon kenne, wurde mein Augenmerk schnell auf eine andere Angelegenheit gelenkt: Der CIA hat nämlich mal wieder gebeichtet.

Und zwar haben Vertreter dieser unehrenhaften Einrichtung jetzt eingeräumt, dass all die Mutmassungen über den mit den Briten gemeinsam eingefädelten Putsch 1953 gegen den ehemaligen Staatschef Mossadegh tatsächlich auf wahren Tatsachen fußen. Das ist aber im Prinzip nichts ungewöhnliches. Das machen die öfter mal, wenn Gras über den ganzen Dreck gewachsen ist, den die alltäglich anstellen. 64 Jahre sind ja auch schon mal ne anständige Zeitspanne. Interessiert ja auch keine Sau mehr, außer euch vielleicht? Denn, wenn man sich das mal so durchdenkt, dann hätte es ohne diesen Putsch wahrscheinlich weder den Schah, noch die Mullahs gegeben.

Zeitgenossenschaft

Auch wenn wir so tun, als wären wir Zeugen der gesamten Geschichte des Universums und würden es kennen, wie unsere Westentasche, so sind wir im Grunde nur die Zeugen des Hier und des Jetzt. Das Unglaubliche an der Zeit ist, dass sie die einzige Sache ist, die wir Mistgurken miteinander teilen „müssen“, ob wir wollen oder nicht.

Das Weiße und der Jazz

Das Weiße liegt wie eine Zuckerkruste auf meiner Haut.
Es war mal schlecht.
Jetzt ist es gut.

Aber es ist auch nie richtig weiß gewesen.
Weiß wird schnell schmutzig und meistens bleibt es das dann auch.
Schmutziges Weiß ist unerträglich.

Das Weiße hat einen Job.
Es schafft systematisch Probleme, um deren Lösungen zu verkaufen.
Danach muss das Weiße unbedingt in den Urlaub.
Es hat keine Zeit.
Das ist äußerst clever!

Das Weiße ist ein schlaues, selbstgefälliges Arschloch.
Und es ist Kacke.

Nein, es reicht nicht, wenn deine Haut weiß ist!
Dein Bewusstsein muss auch Blütenweiß sein.
Dein Name muss weiß sein.
Deine Sprache muss weiß sein.
Deine Herkunft, deine Blutkörperchen, deine Niere, dein Herz, deine Galle, dein Darm, deine Blase, deine Bildung, deine Pädagogik, deine Anthroposophie.
Du weißt, was ich meine!

Und wenn du es nicht weißt,
Dann weißt du wahrscheinlich auch nicht, was Miles Davis getan hat?
Miles Davis hat mit dem Rücken zum weißen Publikum gespielt.
Miles Davis, Miles Davis, Miles Davis, Miles Davis.
Er war so talentiert.
Aber er war nicht nett.
Das Weiße sagt, Miles wäre ein Rassist gewesen.
Er hat das Weiße diskriminiert!

Das hat dieser Miles Davis gewagt!
Nein, MIles Davis war kein netter schwarzer Jazz Musiker.

Weißt du woher der Begriff „Jazz“ überhaupt kommt?
Jazz heißt eingentlich „Lärm“.
Unharmonisch, unerträglich.
Ein Lärm, der aus schwarzen Kehlen, Nasen, Hautporen, Eingeweiden, Mündern, Lungen, Gelenken, Köpfen, Herzen, Seelen heraussprang.
Es war und ist die Lebenslust aller,
Dargeboten von „den Anderen“.

Jazz ist die universelle, kosmische Lust.
Und die Lust ist die Sprache derer, die Nichts zu verlieren haben.
Wenn du sie übersetzt, dann stirbt sie.

Das Weiße hat den Jazz gefürchtet!
Warum, weiß ich nicht. Wird schon irgendein gewaltiger Identitätskomplex gewesen sein.
Deswegen hat es ihn als „Lärm“ abgetan.
Aber Jazz hat seinen Namen einfach angenommen,
Elegant ausgeschmückt und zurückposaunt:
JJJJAAAAAZZZZZZ
JAYAYAYAAAAZZZZ
JAZZMATAZZ
TALKIN ALL THAT JAZZ

Dann hat das Weiße ihn verboten.
STOP THAT JAZZ!
Aber Jazz war zu schnell, zu schön, zu häßlich, zu geschmeidig, zu dunkel, zu hell, zu unberechenbar.

Dann wurde Jazz ausformuliert,
Zu Regelwerk verarbeitet,
Übersetzt.

Und jetzt gibt es in dieser Stadt nicht mal einen Jazz Sender.

Aber jede Menge 80er Rock und Heimatsoundshizzle im Radio.

800 Millionen für Notre Dame

Am 15.04.19 ist die Kathedrale Notre Dame in Paris abgebrannt. Massive Schäden sind dadurch am historischen Bau entstanden und wir stehen alle – imaginär oder reell – vor den brennenden Trümmern. Andächtig. Andacht ist wichtig in solchen Zeiten. Denn ein wichtiges Symbol ist schwer verwundet worden. Ein Symbol unserer Wertegemeinschaft. Natürlich ist der architektonische, historische Wert auch wichtig. Aber mehr als das, geht es um unser Selbstverständnis. Aber für was stand und steht denn Notre Dame? Notre Dame steht nicht nur für die Kirche und den christlichen Glauben, die heilige Mutter Gottes, etc.. Nein es steht natürlich für unsere westliche Zivilisation, für unsere weiße Zivilisation. Viele werden jetzt sagen: für europäische Werte, ideelle Werte, die Huldigung des menschlichen Verstandes, den Respekt vor dem freien Gedanken, Kunst, Kultur, etc. etc. etc..

Deswegen die Sorge! Der Brand vergegenwärtigt uns die Vergänglichkeit genau dieser Werte. Indem wir uns um das Symbol sorgen, das diese Verkörpert, sorgen wir uns auch um sie. Deswegen sind auch innerhalb von 2 Tagen sofort 800 Millionen Euro an Spenden zusammengekommen für den Wiederaufbau. Ganze 800 Millionen! in 2 Tagen!

Aber ist das alles, wofür Notre Dame steht? Nein! Notre Dame steht auch für das alte Europa, das überwiegend weiße Bewusstsein Europas. Es steht auch für das harte, das kühle Europa, das sich emotionslos abschotten kann, wenn es darum geht, andere Werte, wie Macht, Geld und Vermögen zu horten und zu schützen. Es steht für das mittelalterliche Europa, dem wir in einer obskuren Form immer noch verpflichtet sind. Vor allem aber steht Notre Dame für die Angst Europas – die Angst, die durch die eigene Gier am Leben erhalten wird. Die Angst davor, irgendwann einmal alles zurückgeben zu müssen, was man sich über die Jahrhunderte zu unrecht genommen hat. Ich glaube man ist eher bereit, in Höllenflammen unterzugehen, als sich der Last seines Gewissens zu ergeben.

Die 800 Millionen könnte man in diesem Zusammenhang auch als Ablass Zahlung betrachten. Der Ablass des 21. Jahrhunderts. Und Greta Thunberg ist so etwas, wie ein neuer Luther.