Geschichte? Was bringt mir das denn?

Buchtip:
Freiherr Max Von Oppenheim: „Denkschrift betreffend der Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde“ (Berlin, 1914).

http://daskulturellegedaechtnis.de/work/oppenheim/

Viele von uns mochten das Fach Geschichte im Schulunterricht nie wirklich. Zusammen mit Mathe rangiert das Fach – so denke ich – immer noch unter den unbeliebtesten. Das Thema ist ja auch anfällig für sehr persönliche Projektionen. Schon unsere private Vergangenheit neigen wir vorteilhaft für uns zu interpretieren. Die unangenehmen Seiten interessieren da schon weniger. Einer beschönigten Geschichte mangelt es dann auch an dynamik und gegenwartsbezug. Sie ist eher eine leuchtende Inszenierung in der Ferne und hat mit dem hier und jetzt nicht viel zu tun. Wie sollte sie denn auch? Sie wurde ja mumifiziert und geglättet. Da gibt’s nicht viel zu erkennen, was einem im Umgang mit der Gegenwart weiterbringen könnte. Deswegen kommt dann natürlich auch oft die Frage: Geschichte? Das ist doch alles vergangen und vorbei? Was bringt mir das denn?
Ja liebe Kollegen und Kolleginnen. Aber wenn man sich selbst schon so gerne von kultureller Identität reden hört und diese dann auch noch immer öfter verknüpft mit einer nationalen, dann sollte man schon mal wissen, daß der deutsche Kaiser vor langer Zeit Hadschi Wilhelm Mohammed hat nennen lassen, nur um bei seinen osmanischen Verbündeten gut anzukommen, daß ein gewisser Herr Max von Oppenheim (seines Zeichens Archäologe, Nahost-Forscher, Diplomat, Spion, dessen Berichte auch am kaiserlichen Hofe gerne gelesen wurden), eine „Denkschrifft betreffend die Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde“ verfasst hatte und jahrzehntelang – später auch (rotz seiner eigenen jüdischen Abstammung) in Kooperation mit den Nationalsozialisten – durchzuführen. Er starb gottseidank erfolglos. Aber der naive Wunsch, die islamische Population dieser Welt im Sinne einer, imperialen, später dann neoliberalen Expansion als schlagkräftige Dschihad-Truppe zu nutzen, war zwar schon ein Gedanke mit dem sich der Prophet Mohammed vielleicht durchaus hätte anfreunden können. Aber es war trotzdem nicht seine Erfindung. Zu einer Zeit, als Rassismus in Europa noch unreflektierter Standard war, hat man diesen Gedanken leicht zur Umsetzung bringen können. T. E. Lawrence (von Arabien), der im nachhinein hollywoodverklärte geniale englische Spion, litt wohl zeitlebens unter gewissensbissen, ob der falschen Versprechungen, die er seinen arabischen Verbündeten im Namen der britischen Außenpolitik angetan hatte. Immerhin!
Aber im Grunde sollten sich all diejenigen, die eine kulturelle Kluft zwischen Moslems und Christen sehen mal fragen, was ihr Anteil an diesem Phänomen ist. Ein Blick in die Ahnenreihe und intensive Recherchen wären da vielleicht aufschlußreich. Denn der Panislamismus ist mitunter ein Phänomen, an dem deutsche Denker (unter denen gab es damals noch wenige Frauen) maßgeblich beteiligt waren.
Die Arbeit des deutschen Auslandsgeheimdienstes begann in Nahost und hat im Wesentlichen bis jetzt nie einen Bruch erlitten. Nicht mal in der Nachkriegszeit. Warum auch? Die Amerikaner waren natürlich nicht doof genug, eine gut funktionierende Maschine nicht einfach weiterlaufen zu lassen. Also fand nie ein wirklicher Gesinnungswandel statt! Deutschland diente schon immer als Drehscheibe für islamistische Aktivisten aus aller Welt. Islamistische Netzwerke wurden damals wie heute von den unterschiedlichen Interessengruppen hofiert, um in der Nahost-Politik im eigenen Sinne zu agieren.
Deswegen behaupte ich: Nicht der Islam, sondern der Islamismus gehört zu Deutschland! Vor allem die Intellektuellen in diesem Land sollten sich mal ausgiebig mit ihrem eigenen radikalen Potential und dessen Tradition auseinandersetzen. Das ist der einzige Weg, wie man was erreichen kann.

Das äußerst aufschlußreiche Machwerk des Max von Oppenheim ist jetzt – wie oben schon angegeben – im Verlag Das Kulturelle Gedächtnis erschienen. Sehr empfehlenswert, wenn man den Mut dazu hat!

ausserdem das schauspiel

ausserdem komm ich aus ner ganz anderen ecke
ich komme

ich pisse durch das lüftungsgitter in die tiefgarage, weil ich zu faul bin, ein klo zu suchen
fliesst

ich hab panik, den zug zu verpassen
läuft

aber einen schönen hut trommeln auf ibiza
powermuschi

der rechtsanwalt tobt
ein volk wird plattgemacht
die u n schweigt

lächerlich, wie schlecht alles ist
ab und zu rollen
annehmen
und wieder

pi pa po, ja, weil die grossmutter sagt, ich gehöre zu deutschland

abonnier mich!

glauben und bilderberg

wenn wir
den blick schärfen
dann können wir
du trottel

das universum hat sich verschworen, denn ich bin das einzig wahre wesen
und es ist schon wieder gut

pass auf
die frau des präsidenten
hat sooo einen schwanz
ich zeig dir ein video
ich glaube
verzeih mir
aber

du darfst das schon mal sagen dürfen
dein latexkorsett ist geplatzt

die rothschilds verarschen uns hart
glaub mir!
glaube
glauben
und
bilderberg

HomoSuperSapiens

Super ist lächerlich. Ja was ist denn schon noch super? Ne, nicht, dass mir nix mehr gefallen würde, ganz im Gegenteil, aber jetzt mal ganz ehrlich: juckt denn diese Form der Wertebezeichnung irgendwen noch? Es gibt doch kein super mehr? Super ist schon lang ausgestorben. Die Mega- und Ultraphasen sind auch schon ausgelutscht. Wir leben in der extremen Minimalisierungsphase. Und da ärgere ich mich echt zu Tode. Das hatte ich versucht in den 90ern schon zu propagieren, aber da hat’s noch niemanden interessiert. Jetzt ist es der heißeste Scheiß: Wer eine ultimative Potenzierung seiner Haltung oder seiner Aussage erzielen will, muss immer mehr reduziert denken, Inhalte, Aussagen, Ausrufe reduzieren, dafür aber den Impact maximal verstärken. Statt einem Satz lieber ein Wort, dafür aber gleich hochpolarisierend. Keine politische Aussage ohne Verunglimpfung. Kein Rap, ohne deine Mutter. Keine Werbung ohne offene Herabwürdigung des Komsumenten/der Konsumentin. Kein Kraftwagendesign ohne überdimensionierte Okkupation von Lebensraum und Atemluft. Kein Krieg ohne die ultimative Verstrickung aller Bereiche des politischen, wirtschaflichen und privaten Lebens. Kein Konsum, ohne zumindest den minimalen Profit der Waffenindustrie.

hss_ohne_subtextDie Superlative hat ausgesorgt. Das Maß aller Dinge ist nun die Sprachlosigkeit. Die Sprache lebt in Halbsilben und nur noch angedeuteten Kraftausdrücken. Wir leben nur noch Megapixelsequenzen aus dem Mobilfunktelefon. In Bruchteilen von Sekunden müssen Inhalte verstanden werden. Alles, was länger dauert als 2 Sekunden ist nicht mehr medientauglich, ist nicht mehr kommunizierbar. Filme sind nur noch aneinandergereihte Animationen. Sprache verkommt zu Grunzlauten und Raunen. Was ich hier schreibe ist schon viel zu komplex eigentlich. Deswegen mach ichs ja: Der Punk der Zukunft, das sind elegant formulierte Sätze, komplett ausformulierte Sachverhalte.

Punk ist Super! Denn Super hat seine Existenzberechtigung völlig verloren. Alles was einmal super war, liegt nun brach umher und ist nicht mehr attraktiv. Super ist Retro und somit nunmehr Rückzugsbereich der neuen subversiven Aktion. Hauptsache es besteht ein aufrichtiges Bedürfnis dazu oder eben einfach nur ein unnötiges Selbstbewusstsein. Aber im Grunde hat die Superlative nie ihre Durchschlagskraft verloren. Ihr Potential wird nur nicht mehr genutzt, aufgrund des neuen nihilistischen Trends der Sprachlosigkeit. Dieser geht immer mehr hin zu: „Äääähhhh Huhh, Aaahhhmmm“. Und meistens endet sie in Porno. Was natürlich auch geil ist, aber noch zu sehr verdeckt und verschüttet. Vielleicht braucht es einfach mehr Pornodarstellerinnen und -darsteller im Parlament? Cicciolina im italienischen damals war zum Beispiel super. Ich war seinerzeit viel zu klein, um es zu begreifen, aber im Nachhinein find‘ ich, sie war wirklich super.

Wir müssen wieder zurück zum Super, falls das überhaupt noch möglich ist. Es entgleitet uns sonst komplett und löst sich in nichts auf. Dazu wäre es zu schade. Es gibt z.B. keine wirklichen Supermächte mehr. Man redet zwar noch von ihnen, aber im Grunde zersetzen sie sich gerade völlig und transformieren in hyperkapitalistische Geistwesen innerhalb der universellen Evolution. Es gibt keine Staaten mehr, keine unabhängigen Budgets. Es gibt nur noch Konzerne, die von digitalen Algorithmen betrieben werden. Das ist wirklich schlimm, ich weiß. Das ist schlimmer als jedes Horrorszenario in dystopischen Science-Fiction Filmen. Schau dir den alten Mad Max an: ein Witz im Vergleich zu einer einzigen Folge von Braking Bad. Mad Max war super. Braking Bad ist der Auswuchs eines zum Chemielabor verkommenen Gehirns.

Ich sage auch nicht, dass es Schade um das Staatensystem oder um die Supermächte wäre. Ganz im Gegenteil: ich sage nur, dass ihr Vakuum gefüllt werden sollte durch eine 2-dimensionale Superidentität, eigentlich durch die Mehrzahl: „Identitäten“. Es braucht Superheldinnen und -helden.

Diese hatten den Sprung ins 3D-Format eh nie nötig. Der Segen liegt im 2-dimensionalen analogen Druck mit CMYK Farbskala. Der revolutionäre Rückschritt des Homo Super Sapiens ins 2-dimensionale ist die einzige Rettung des Punk. Unsere Identitäten müssen sich um eine Dimension reduzieren. Ein Idiom in Comiclautsprache ist mir lieber als jeder überdimensionierte Bass, der ohne Subwooferweiterte Anlage nur digitales Krächzen im Sound verursacht. Digitale Verzerrung ist der Fluch unserer audiellen Welt.

„Poom, Bamm, Pow, Swoosh, Craaash, Umpf, Huh?, Aaaarrgh…“ Das sind wenigstens ausformulierte Sprachverstärkungen, die natürliche Laute im Textformat simulieren. Die klassische Sprechblase als Kommunikationsmedium im Alltag. Da liegt unsere Zukunft! Nicht dort, wo sie uns in Promovideios von IT-Messen suggeriert wird.

Wir sind die Vertreterinnen und Vertreter der Spezies Homo Super Sapiens. Dessen müssen wir uns immer bewußt sein! Wir sind keine halbdigitalen Mutanten, die mit ner Programmierungsschnittstelle im Kopf auf die Welt gesetzt werden. Es gibt uns noch. Wir existieren im analogen Zwischenbereich zwischen Comic und Hyperraum. Das wird sich so schnell auch nicht ändern. Wir müssen es nur endlich begreifen!

Und noch eines: wahre Homo Super Sapiens brauchen keine große strategische Koalition mit dem politischen Gegner nur weil man sich nicht traut, zu seinem Sonderformat zu stehen (GroKo Haram!).

Der passende Soundtrack zu diesen Gedanken kommt übrigens von meiner Band HomoSuperSapiens, die am 14. Juni 2018 in der Glockenbachwerkstatt in München ihr 10-jähriges Nichtbestehen mit einem Liveauftritt zelebriert (https://soundcloud.com/homosupersapiens/tracks).

Triptonious Coltrane

Veröffentlicht im Gaudiblatt #28: http://gaudiblatt.de/28-suepergaudi/

Wagemutige Behauptung zum Thema Religion

Ich gehe stark davon aus, dass die Propheten der abrahamitischen Religionen zu mindestens 50 Prozent Schmarrn verzapft haben. Den Rest haben sie sich von den älteren Kulten zusammen geklaut. Die politische Leistung, Menschen vom Sex und von allem Seelengenuß abzuhalten, nur um einer, in einer Zeit nach dem Tode liegenden – also damit völlig uneinsichtigen – Belohnung in Form einer sehr wagen Vorstellung eines Paradieses willen, erachte ich wiederum (rein von der psychischen und gesellschaftlichen Leistung her) als phänomenal. Hut ab! Religion ist somit eher ein Resultat menschlicher Leistung, als das von göttlicher Fügung. Wir sind eine enorm leistungsstarke Spezies. Das darf man nicht unterschätzen. Gott ist unser Werk und nicht umgekehrt. Wenn wir dieses regulierende Wesen jetzt auch noch durch uns selbst ersetzen, sind wir eins mit dem Universum. Um das göttliche brauchen wir uns eh nicht zu sorgen, denn das ist immer vorhanden (solange wir es brauchen).

Im Endeffekt

Im Endeffekt ist doch alles ein fließender Pŕozess.
Aber denen vom Amt musst du das jetzt nicht unbedingt auf die Nase binden.
Das Amt ist eine Dame.
Sie ist unmerkbar alterslos. Das Archiv hat kein Alter. Es war schon immer da.
Noch vor Adam und Eva.

Du musst damit zurechtkommen. Das Amt tut das allemal.

Komm, zieh dir mal den Stock aus dem Arsch!

Fakenews is a Fake!

Ich weiß, ich bin eigentlich schon zu spät mit meiner Analyse zu Fakenews. Der Begriff ist mittlerweile schon wieder medialer Standard und nichts besonderes mehr. Aber irgendwie wundert’s mich ja eben schon, wie der Mensch es immer wieder schafft, seine uralten Gepflogenheiten immer wieder neu aufzuwärmen und Seinesgleichen als den heißesten Scheiß zu verkaufen. Vor kurzem, tauchte dank dem blonden Toupet, das die Amerikaner sich neulich an die Spitze ihrer Weltmacht gewählt haben der Begriff „Fakenews“ ganz populär im gesellschaftlichen Leben unser aller auf und beglückt uns seit dem fast täglich.

Dabei ist das ja alles nichts neues. Die Lüge bestimmt unser tägliches Leben. Ohne Lüge könnten wir alle doch nicht existieren? Damit will ich nicht darauf hinaus, dass das Leben früher ehrlicher war! Das glaube ich nicht. Wir Menschen waren nie ehrlich. Braucht sich niemand irgendwas einbilden! Es geht im Leben nicht um Ehrlichkeit. Das sollte man einfach mal akzeptieren.

Außerdem: Wie stellt man sich denn das bitte vor? Ehrliche Politik, ehrliche Nachrichten, oder was? Wie soll denn das gehen? Es ist rein faktisch nicht möglich, ehrliche Politik zu betreiben. Wir sehen ja, was passiert, wenn man alleine das menschliche Selbstbild auf Fakten versucht aufzubauen. Nehmen wir doch einfach mal das Beispiel: Evolution! Je einleuchtender die Faktenlage, desto mächtiger werden die abstrusen Gegenargumentationen. Der vorletzte Präsident dieses unmenschlichen Staates hatte damals ja allen Ernstes das „Intelligent Design“ propagiert! Könnt ihr euch noch erinnern?

Die meisten Menschen lieben Lügen und wollen auch unbedingt belogen werden. Warum? Damit sie sich über die Lüge – nachdem sie als solche enttarnt wurde – unendlich aufregen können. Im Grunde geht es nämlich genau um dieses tiefe Bedürfnis nach Empörung. Oder etwa nicht? Wie könnten wir unsere Existenz als Bestandteil einer Gemeinschaft denn erfüllender in Szene setzen, als durch eine aufrichtige Empörung? Und ich sage euch: die legitimiert alles!

So wird übrigens auch Politik gemacht: durch die sukzessive Senkung der Empörungsschwelle zu einem dringlichen Tagesordnungspunkt, den man selber gesetzt hat. Vor allem der letzte Aspekt ist dabei der wichtigste: Man muss die Themen selber setzen! Man darf nicht abhängig sein von fremdgesetzten Themen! Als erfolgreicher Machtmensch darf man nicht öfter als 2 mal hintereinander auf politische Deutungen der Konkurrentinnen und Konkurrenten reagieren. Man muss sie selber setzen und genüsslich die Empörungen auswerten. Nur so erfüllt man als Mensch seine Daseinsberechtigung. Ja, ihr habt es richtig gelesen: als Mensch, nicht nur als Politikerin oder Politiker. Wir bescheidenen Supernormalos brauchen uns nämlich nicht einzubilden, dass wir für nichts was können! Von wegen! Wir sind genauso Teil der ganzen Maschinerie. Wir sind die größten Fakenews-Vertreterinnen und Verbreiter.

Was meint ihr denn wie diese Neoliberale Scheisse, die euch Monat für Monat den Arsch pudert möglich wäre, ohne Fakenews? Lest mal den Gallischen Krieg von Caesar. Da erfahrt ihr genau, wie das mit den Fakenews in Perfektion funktioniert, oder die Reden des alten Cato im römischen Senat. Was jetzt passiert, ist nichts anderes, als die Endlosschleife davon. Ach Beispiele gibt es genug: Die bewaffnete Hand vom Mörder Kurras, die aus sämtlichen Pressefotos zum Fall Ohnesorg 1967 herausgeschnitten wurde. Alle relevanten großen Medienhäuser hatten sich mit der Staatsmacht darauf wohl geeinigt, diese Hand nicht in der öffentlichen Wahrnehmung stattfinden zu lassen? Wie kann das passieren? Damals wäre man als hoffnungsloser Verschwörungstheoretiker in der öffentlichen Bedeutungslosigkeit verschwunden. Keiner hätte einem das geglaubt. Aber es ist leider Fakt.

Die besten Fakenews sind auch die, die erst nach 40-50 Jahren demaskiert werden. Denn dann interessiert es eh keinen mehr und man kann sie als coole Story nochmal aufwärmen und verkaufen. Genauso wie es jetzt auch keine Sau mehr interessiert, wenn CIA- und Mossadagenten in National Geographic-Dokus zu später Sendezeit aus dem Nähkästchen plaudern und freizügig erzählen, wie sie in den Siebzigern palästinensische Terroristen selber unterstützt und gefördert haben, wie sie selbst als Terroristen getarnt Anschläge verübt haben und solche Sachen. Oder, wie man in den achtzigern die Taliban gegen die liberalen Kräfte in Afghanistan aufgebaut hat. Oder, wie man in der Türkei sein Unwesen trieb und seit Jahrzehnten dort die Opposition mit gut gesponserten Gladiostrukturen durchgehend geschwächt hat. Solche Beispiele gibt es zuhauf, aber es interessiert keinen mehr.

Sich selber als ehrlich verkaufen, dabei die Konkurrenten mit Dreck und Lügen überziehen und diese gleichzeitig als Lügner beschimpfen. So funktionieren wir seit Ewigkeiten. Ohne das gäbe es keine guten Geschichten, kein Theater, kein Kino. Was jetzt passiert ist lediglich eine weiterentwicklung des ganzen, dass man nämlich diesen menschlichen Standard zu einem lukrativen News-Faktor verarbeitet und so nochmal viral werden lässt. Das ist tatsächlich ein Zeitphänomen.

Triptonious Coltrane

Veröffentlicht im Gaudiblatt 27, September 2017

Ich lieb dich nicht, du liebst mich nicht

Ich liebe den amerikanischen Präsidenten nicht. Er würde mich auch nicht lieben. Warum auch? Besteht doch gar kein Grund dazu. Wozu all diese grundlose Liebe?
Es gibt Menschen, die ihren Präsidenten lieben. Allen Ernstes! Es gibt aber wenige Deutsche, die behaupten würden, dass sie ihre Kanzlerin lieben. Sowas ist den Deutschen zu albern.

Die Türken und Türkinnen kennen da jedoch keine Schmerzgrenze. Die lieben ihre Fahne, ihren Präsi, ihren Atatürk, ihre Fußballnationalmannschaft, ihre Osmanen, alles was ihnen nur ein Fünkchen an vermeintlicher Identität verspricht. Und lieben bedeutet dann gleich auch verteidigen! Denn so wenig ist der Glaube an die Liebe, dass die Verlustangst gleich mit ihr einhergeht.

Da können die Deutschen nur blöd schauen. Ehrlich. Sowas kriegen sie nicht hin. Das ist ihnen einfach zu emotional und unübersichtlich. Wenn deutsche Nationalisten ihre Vaterlandsliebe ausdrücken, dann wirkt das immer wie eine Art Simulation, denn sie wissen ganz genau, dass die gedankenlose Emotionalität, die dafür notwendig wäre der hierzulande als Konsens etablierten fachwissenbasierenden Grundhaltung diametral gegenübersteht, mit der sie sich jeden Tag als arbeitende Fachkräfte behaupten müssen. Und in Deutschland ist jeder kompetentes Fachpersonal, auch wenn er gerade mittel- und arbeitslos mit seinen Kumpels an der Ecke steht mit der 10. Halbe Bier in der Fresse. Ja sogar die Drogensüchtigen am Bahnhof unterhalten sich hier so besserwisserisch miteinander.

Deswegen fragen deutsche Nationalisten auch ständig höflich nach, bevor sie sich rassistisch äußern: „Das wird man doch noch sagen dürfen?“ Da kommt wieder die ursprünglich tiefe Höflichkeit der Deutschen zum Vorschein: Im Grunde sind sie nämlich ein äußerst höfliches Volk. Davon bin ich überzeugt. Ich bin ja schließlich auch ein Deutscher.

Ich schreibe in Verallgemeinerungen, wie man merkt. Die gönne ich mir jetzt einfach mal. Mitlerweile ist es ja eh schon wurst. So macht man das eben heutzutage. Man spricht in Verallgemeinerungen. Das erleichtert das trollige Leben und ist seit dem aufkommen der digitalen Kommunikation immer mehr hoffähig geworden.

Es ist eh erschütternd genug: Auf der einen Seite zerbrechen wir uns seit jahrzehnten die Köpfe und debattieren in philosophischen, politischen, sozialwissenschaftlichen etc. Runden wild herum, zermartern uns die Hirne, um immer präzisere, korrektere Bezeichnungen und Differenzierungen herauszuarbeiten, gleichzeitig haben wir es aber nun seit geraumer Zeit eben auch mit einem rasant wachsenden digitalen Medienkomplex zu tun, der wie ein riesiger Müllhaufen sämtliche menschliche Moral und jegliches Gewissen im handumdrehen vermodern lässt.

Lüge und Wahrheit werden zersetzt und aus dem modrigen Dreck, der übrigbleibt werden neue Begrifflichkeiten zusammengepresst und neu geformt, wie Holzstaubbricketts. Neue Wertigkeiten werden geschaffen, die eigentlich nur auf stinkeverlogenem opportunistischem Windfahnenverhalten basieren. Alles kann richtig und falsch sein. Es hängt davon ab, wer die Tweets richtig setzt.

Im Endeffekt hat man dann irgendwann echt die Schnauze voll davon, in Al-Jazeera-, oder Arte-Dokus dann zu erfahren, dass allem nur die wirtschaftspolitischen Intrigen der sieben Schwestern zu Grunde liegen, oder die Konkurrenz zwischen zwei Gaspipelines.

Es ist teilweise ja schon wieder spannend, die Spuren dieser unglaublichen Banalität zu verfolgen, aber auch so unglaublich demütigend, am nächsten Morgen seinen Job für genau diesen Moloch zu tätigen, in dem wir leben, sich dabei zu ertappen, wie man im Smalltalk mit den Kolleginnen alle Selbstlügen reproduziert, die man eigentlich von Anfang an als solche erkannt hatte. Oder? Ist es nicht so?

Aber man muß ja. Es muss ja, oder?

Einen Scheiss muss man.

Arabesk Schule #5: Bergen – Sen affetsen, ben affetmem

Tanrım kötü kullarını
Sen affetsen ben affetmem
Bütün zalim olanları
Sen affetsen ben affetmem
Bütün zalim olanları
Sen affetsen ben affetmem

Sen tanrısın, affedersin
Bağışlarsın, kulum dersin
Sen tanrısın, affedersin
Bağışlarsın, kulum dersin
Neler çektim, sen bilirsin
Sen affetsen ben affetmem
Sen affetsen ben affetmem
Bütün zalim olanları
Sen affetsen ben affetmem

Ağlatıp da gülenleri
Terk edip de gidenleri
Sevilip sevmeyenleri
Sen affetsen ben affetmem
Sevilip de sevmeyenleri
Sen affetsen ben affetmem

Ümidimi kıranları
Bu dünyayı yakanları
Ümidimi kıranları
Bu dünyayı yakanları
Dar günde bırakanları
Sen affetsen ben affetmem
Sen affetsen ben affetmem
Boynu bükük koyanları
Sen affetsen ben affetmem

Allmächtiger, du mögest den schlechten Menschen verzeihen, ich aber nicht.
All diesen Grausamen mögest du  verzeihen, ich aber nicht.

Du bist allmächtig, du kannst verzeihen,
sie sind ja schließlich deine Geschöpfe.
Du mögest verzeihen, ich aber nicht.
Du mögest verzeihen, ich aber nicht.
All diesen Grausamen
Mögest du verzeihen, ich aber nicht.

Denen, die einen zum weinen bringen und selber lachen.
Denen, die gehen und einen verlassen,
die geliebt werden und selber nicht lieben können,
all denen mögest du vielleicht verzeihen, ich aber nicht.

Denen, die geliebt werden und selber nicht lieben
mögest du  verzeihen, ich aber nicht.
Denen, die meine Hoffnung zerstört haben,
die diese Welt in Flammen gesteckt haben,
die mich in schlechten Tagen alleine gelassen haben,
mögest du  verzeihen, ich aber nicht.
Denjenigen, die mein Haupt niedergesenkt halten,
mögest du  verzeihen, ich aber nicht.

Belgin Sarılmışer (Künstlerinnenname: Bergen) war eine Türkische Arabesksängerin aus dem Südosten der Türkei (Mersin).
Ihre Karriere begann anfang der 80er Jahre. Zeitgleich ging mit einem konservativen Clanangehörigen eine verhängnisvolle Beziehung ein, die ihr Leben und ihre Karriere wesentlich beeinflussen und auch früh beenden sollte. Er lernte sie in einem Etablissement als Sängerin kennen, jedoch verbot er ihr nach der Heirat, jemals wieder auf der Bühne aufzutreten.
Sie wollte jedoch weder ihn, noch ihre Karriere aufgeben. Als die talentierte Sängerin von populären Musikproduzenten aus Istanbul angeworben wurde, konnte ihr Lebenspartner dies nicht ertragen. Er liess ihr Nachts auflauern und Säure ins Gesicht schütten. Dadurch verlor sie ein Auge. Der Mann wurde zu mehreren Jahren Gefängnis verurteilt.
Sie stand aber trotzdem zu ihrer Liebe zu ihm und besuchte ihn sogar mehrere male im Gefängnis. Hartnäckig verweigerte sie ihm sogar die Scheidung, mit der sie sich eigentlich aus der gesellschaftlichen Zwangssituation befreien hätte können, denn ihm ging es lediglich um den Clanstolz, der die Ehe mit einer Sängerin nicht zuließ. Sie führte trotzdem ihre Karriere fort und wertete ihr hartes Schicksal sogar zu ihrem Nutzen um. Bergen wurde daraufhin als „die Frau der Leiden“ propagiert und hatte sehr großen Erfolg. Sie lebte ein mutiges unabhängiges Leben und gönnte sich auch einige Liebhaber.
Ihre aufbegehrende Haltung forderte jedoch letztendlich unerbittlich ihren Tribut. Kurz nachdem ihr Ehemann 1989 aus dem Gefängnis entlassen wurde, passte er ihren Wagen auf dem Heimweg nach einem Konzert in einer Nachbarstadt ab und ermordete sie.
Während ihrer kurzen, aber furiosen Karriere nahm Bergen 6 Vinylalben, 11 Musikkassetten auf und drehte einen Spielfilm. Insgesamt produzierte sie 129 Lieder. Sie gilt seitdem in der Türkei als Inbegriff der leidenden, unangepassten Frau und fungiert immer noch als Symbolfigur der Arabesk-Szene, in der die Kredibilität und Authentizität gerne durch reelle Erschwernisse des persönlichen Lebens untermauert werden. Bergen lebte jeden einzelnen ihrer Songs im wörtlichen Sinne.
Der oben eingefügte Song ist einer ihrer bekanntesten. Text und Komposition stammen aus der Feder des berühmten Arabesk-Komponisten Ali Tekintüre.