{"id":867,"date":"2014-06-07T10:15:31","date_gmt":"2014-06-07T10:15:31","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=867"},"modified":"2015-01-23T09:15:42","modified_gmt":"2015-01-23T09:15:42","slug":"dries-verhoeven-und-sein-inneres-niemandsland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=867","title":{"rendered":"Dries Verhoeven und sein inneres Niemandsland"},"content":{"rendered":"<p>Eine Kritik von Triptonious Coltrane zum Stadtprojekt &#8222;Niemandsland&#8220; von Dries Verhoeven, welches im Rahmen der M\u00fcnchner Kammerspiele im Hauptbahnhofviertel in M\u00fcnchen durchgef\u00fchrt wird.<\/p>\n<p>Erstmal f\u00fcr alle, die gar keine Ahnung haben. Es geht um dieses St\u00fcck: <a href=\"http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/spielplan\/niemandsland\/\">http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/spielplan\/niemandsland\/<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-870\" alt=\"Niemandsland-Dries-Verhoeven-475x318\" src=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Niemandsland-Dries-Verhoeven-475x318-300x200.jpg\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Niemandsland-Dries-Verhoeven-475x318-300x200.jpg 300w, https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Niemandsland-Dries-Verhoeven-475x318-448x300.jpg 448w, https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2014\/06\/Niemandsland-Dries-Verhoeven-475x318.jpg 475w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/p>\n<p>Die beste Szene war f\u00fcr mich die allererste. Ich durfte mit dramatischer musikalischer Beschallung \u00fcber Kopfh\u00f6rer unter der Tonne des Hauptbahnhofs in M\u00fcnchen stehen und diesen Trubel beobachten. Es war wie ein beeindruckender Vorspann zu einem spannenden Film. Gep\u00e4ckwagen fuhren vollbeladen mit Koffern und Menschen vorbei &#8211; Menschen in all ihren Facetten. Menschen deren Geschichten sich verhei\u00dfungsvoll im Raum auff\u00e4cherten. Dieser Ort l\u00e4uft jeden Tag nur so \u00fcber von Geschichten, Schicksalen, Freuden, Erwartungen, Tr\u00e4umen, Dramen, Hoffnungen&#8230; wunderbar zu lesen in all diesen Gesichtern. Leider sollte im weiteren Verlauf des Projektes nichts an den Glanz dieser Szene anschliessen, was ich zu dem Zeitpunkt wohl innerlich ahnte, aber eigentlich nicht ahnen wollte.<\/p>\n<p>Ich stand also nun da mittendrin mit einem Blatt Papier in der Hand, auf dem ganz gro\u00df &#8222;Nasrin&#8220; stand. Ordentlich aufgereiht standen wir alle in einer Reihe vor den Apsperrungen der Gleise &#8211; wir, die wir teilnahmen an diesem Stadtprojekt. &#8222;Nasrin&#8220; &#8211; das war wohl der Name meiner F\u00fchrerin, die mich jetzt bald abholen w\u00fcrde, um mich mit auf eine Reise zu nehmen &#8211; mich, zusammen mit meinem digitalen Empf\u00e4nger in der Tasche, aus dem klassische Musik als Soundtrack herausstr\u00f6mte und \u00fcber einen Kopfh\u00f6rer meine Sinne \u00fcberstr\u00f6mte. Die Szenerie des Lebens am Originalschauplatz &#8211; die Realit\u00e4t als die reinste, die perfekte, die un\u00fcberbietbar gehaltvollste Form der Inszenierung spielte sich noch vor meinen Augen ab &#8211; berauschend!<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich tauchten jedoch einige von den Menschen in den Vordergrund &#8211; Frauen und M\u00e4nner &#8211; fast alle mehr oder weniger dunkelh\u00e4utig, viele der Frauen kopftuchtragend, irgendwie mit bestimmten Codes und Merkmalen versehene Menschen eben. Sie tauchten aus dem Gedr\u00e4nge auf und standen mit verschlossenen Augen frontal der Reihe der TheaterbesucherInnen zugewandt in der Menge und bewegten den Mund, um ein Mitsingen des Musikst\u00fcckes zu suggerieren, das gerade \u00fcber den Kopfh\u00f6rer lief. Die heterogene Struktur der realen Szenerie, die ich noch einige Sekunden vorher erleben durfte, wurde nun allm\u00e4hlich gebrochen durch eine klare Frontlinie. Die B\u00fchne war nun installiert. Die DarstellerInnen hatten ihre Positionen eingenommen.<\/p>\n<p>Der Vorspann neigte sich dem Ende zu, das Theater begann &#8211; jedoch mit einer entscheidenden Besonderheit: Vom Theater sind wir als BesucherInnen im generellen gewohnt, dass die Pers\u00f6nlichkeit der DarstellerInnen aufgeht in der Rolle, die sie spielen. Hier nahmen die DarstellerInnen die Rolle ihrer schon vorgegebenen migrantischen Identit\u00e4t auf. Sie spielten sozusagen sich selbst, oder zumindest Jemanden aus dieser &#8211; von Dries Verhoeven &#8211; als klar abgegrenzt formulierten Gruppe von Menschen. Sie befanden sich dort mit der Identit\u00e4t, die ihnen aus der Perspektive der Mehrheitsgesellschaft zugeschrieben wird. Vorher war es ein reelles &#8222;Ineinander&#8220;, nun wurde es zu einem synthetischen &#8222;Auseinander&#8220;. Und die besagte Gruppe stand nun der meinigen (also den BeobacherInnen) frontal gegen\u00fcber. Die Gesellschaft war ab jetzt strikt geteilt &#8211; sehr strikt!<\/p>\n<p>Schon diese Szene fand ich befremdlich. Das Identit\u00e4tsbild &#8222;Migrant&#8220; war nun auf der Alltagsb\u00fchne der Bahnhofshalle gesetzt und ich fragte mich instinktiv: &#8222;Wo stehe ich mit meinem bikulturellen Hintergrund denn? Wo ist nun mein Platz? Bin ich hier im Publikum denn \u00fcberhaupt richtig? Oder m\u00fcsste ich nun bei meinen &#8222;migrantopigmentierten KollegInnen&#8220; stehen?<\/p>\n<p>Instinktiv f\u00fchlte ich mich sofort unwohl. Sprich: Der Publikumssessel, den Dries f\u00fcr mich vorgesehen hatte, war mir jetzt schon zu eng und Dries hielt zus\u00e4tzlich noch meinen Kopf fest und wollte mir eine Blickrichtung vorgeben. Ich als Mensch mit multiplen sozialen, kulturellen und gesellschaftspolitischen Erfahrungen habe aber viel zu viele Perspektiven im Kopf, um mich auf eine zu beschr\u00e4nken, also sah ich weiterhin um mich und s\u00e4ttigte mich instinktiv an jeder Sekunde des Alltagstrubels &#8211; ahnend, dass die Reise, die jetzt folgen w\u00fcrde, wenig f\u00fcr mich zu bieten haben w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Nun dachte ich an meinen Konterpart. Ich sah sie vor meinem inneren Auge schon auf mich zukommen: &#8222;Nasrin&#8220;. Ich sah ihren freundlichen wohlgesonnenen und einladenden Gesichtsausdruck, ihre zuvorkommende Art, ihre Freundlichkeit, ihr Gebahren, ich sah ihre Rolle und ich hoffte nichts dringlicher und sehnlicher, als eine \u00fcberraschende Nichterf\u00fcllung meiner instinktiven Erwartung. Ich als paganer Vielg\u00f6tterverehrer betete nun in diesem Moment. Ich betete den Gott des Hauptbahnhofes an. Ich sagte: bitte lass mich \u00fcberrascht sein. Lass mich Dries Verhoeven annehmen mit seiner Perspektive. Oh Gott des Hauptbahnofes, verleih ihm die Eingebung, mir und meinesgleichen die Freiheit zur Entfaltung der eigenen Perspektiven zu g\u00f6nnen. Ich betete innerlich um eine Br\u00fccke in der Dramaturgie, die mir zeigte, dass dieses St\u00fcck schon auch f\u00fcr mich gemacht war, dass die Kammerspiele auch Geschichten produzieren k\u00f6nnen, in denen ich ebenso als Adressat in der Zielleiste eingetragen bin. Aber es sollte mir leider &#8211; wie so oft &#8211; nicht verg\u00f6nnt sein.<\/p>\n<p>Nasrin kam und agierte genau so, wie ich sie mir vorgestellt hatte, genau so, als ob ich sie schon ein Jahrhundert kennen w\u00fcrde. Was danach passierte, war tats\u00e4chlich alles andere als spannend. Es war sehr langweilig. Ich kam mir sehr albern vor, hinter jemand stummen herlaufen zu m\u00fcssen, w\u00e4hrend mir eine Stimme aus dem Off Nasrins Lebensoptionen auflistete. Nasrin k\u00f6nnte dies, k\u00f6nnte das, sie k\u00f6nnte gefoltert worden sein im Iran, sie k\u00f6nnte gut deutsch sprechen, sie k\u00f6nnte jemanden ermordet haben, ich k\u00f6nnte verwundert sein, sie k\u00f6nnte nur so frustriert klingen, aber im Grunde k\u00f6nnte sie das gar nicht sein wollen k\u00f6nnen m\u00fcssen d\u00fcrfen und und und&#8230; die Optionen der Geschichten wurden immer abstruser und in einem wilden Stakkato lediglich immer nur angerissen &#8211; auf eine sehr plumpe, plakative und aufdringliche Art und Weise wie ich \u00fcbrigens fand &#8211; und es waren zum Gro\u00dfteil sehr dramatische, traumatische Optionen. Die Stimme aus dem Off geh\u00f6rte wohl einer deutsch-deutschen biologisch reinen sehr betroffenen Sprecherin und war so beschaffen, dass sie einen innerhalb von einer Stunde schwer depressiv machen konnte.<\/p>\n<p>Wie denn auch nicht? Die positiven Optionen in diesem migrasmischen Drama einer Nasrin waren schlie\u00dflich sehr d\u00fcnn ges\u00e4t. Nasrin k\u00f6nnte (immer sch\u00f6n im Konjunktiv) n\u00e4mlich eigentlich nur eine missverstandene, untersch\u00e4tzte, schlecht behandelte, frustrierte, eine traurige, eine hart vom Leben gezeichnete Person sein, etwas anderes hingegen nur schwer, so schien es.<\/p>\n<p>Die Stimme aus dem Off machte diese Sachlage im sturen Konjunktiv immer klarer und klarer und gleichzeitig mir als Besucher des St\u00fcckes auch st\u00e4ndig subtile Vorw\u00fcrfe. St\u00e4ndig nahm sie an, dass ich mir ein normales Leben dieser Nasrin gar nicht vorstellen k\u00f6nne, dass mich die Dramen ihres Lebens nie ber\u00fchren w\u00fcrden, das ich wohl nur so tun w\u00fcrde, als ob ich Empathie zeigte, aber die Wirklichkeit dieser Gesellschaft sich in Form einer eisernen Trennlinie tonnenschwer zwischen sie und mich legen w\u00fcrde und ich diese wohl nie \u00fcberwinden k\u00f6nne. Dabei war ich ihr doch schon total nahe verdammt? Mist! Ich war doch wie sie eigentlich? &#8211; ich war im falschen Plott gelandet! Das war wie in den Urlaub fliegen und nach ein Paar Schleifen wieder im Ausgangsflughafen landen.<\/p>\n<p>Nun fing sie auch noch an zu tanzen zu diesem indischen 70&#8217;er-Jahre Popsong, den ich so gerne mochte! Ich wollte mit ihr zusammen auf einer H\u00f6he laufen, um diese Wonne mit ihr zu teilen, doch sie machte mir sehr bestimmt die Regieanweisung klar: &#8222;Bleib bitte hinter mir und bleib auf Distanz! Wenn ich mich jetzt hier am\u00fcsiere, dann ist das keine Einladung f\u00fcr dich, es mit mir gemeinsam zu tun. Was du da hinter mir machst, ist mir einerlei. Ich tanz dir jetzt mal einen vor und du und das ganze Viertel schaut mir dabei zu. Bin ich nicht cool? Bin ich nicht eine arschcoole migrantistische Laiendarstellerin? Wie toll, nicht? Die Kammerspiele &#8211; DIE KAMMERSPIELE &#8211; bieten mir, JA MIR eine M\u00f6glichkeit, dich jetzt mal auf deine Vorurteile zu hinzuweisen. Na Erwin? Hast du so etwas schonmal erlebt?&#8220;<\/p>\n<p>Das Problem war nur, dass ich nicht Erwin war. Ich bin immer noch der Tuncay&#8230;.Und das schlimmste waren all die Leute, die mich komisch ansahen, weil sie wohl dachten ich renn der Frau jetzt hinterher, um sie dumm anzulabern.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens in diesem Moment wurde jedoch wieder einmal klar: Ich bin in dieser Situation als ein Mitglied der weissen Mehrheitsgesellschaft angesprochen. Ich bin gerade der durchschnittliche Theaterbesucher. Ich bin nicht Ich. Ich habe deutsch-deutschen Bildungsb\u00fcrgerbackground, oder ich bin Else, die Hausfau mit Jahresabo, oder ich bin doch Erwin der Gymnasiallehrer, oder ich bin Brian, der vor Jahren als Austausstudent aus Irland kam und seit Jahren bei dieser Agentur im Lehel arbeitet und und und und&#8230;.Aber ich bin nicht Ich in diesem Moment. Ich bin eben &#8222;nicht&#8220; der Tuncay, dessen Eltern 1967 bei BMW am Fliessband zu arbeiten angefangen haben, ich bin nicht der Mehmet, der Filmproduzent, der in Blumenau aufgewachsen ist, ich bin nicht \u00d6zlem, die seit Jahren beim Radio arbeitet und immer nur f\u00fcr die Migrationsthemen zust\u00e4ndig ist. Ich bin auch nicht die Fatma, die jeden Tag beim Gem\u00fcseh\u00e4ndler an der Kasse sitzt. Ich bin nicht der Bruder von Theodoros, der 2005 im Westend von der NSU ermordet wurde. Ich bin nicht Famadi, der gro\u00dfartige Percussionist, mein Idol. Ich bin nicht Laye Mansa, mein Freund Laye Mansa, der mit geschlossenen Augen in der Menge am Hauptbahnhof stand &#8211; mein Freund Laye, der gro\u00dfartige Musiker, der sich herabl\u00e4sst, sich hier als Laiendarsteller zu verdingen f\u00fcr paar Euro f\u00fcnfzig. Leute wie Laye sind die stummen Guides. Und ich m\u00fcsste jetzt eigentlich auch dort stehen, wo Laye steht.<\/p>\n<p>Aber wie vermessen bin denn ich, dass ich annehmen k\u00f6nnte hier als Zuschauer adressiert zu werden? Ich gehe hier mit, um mir ein Bild von diesem St\u00fcck machen zu k\u00f6nnen. Aber nicht als Besucher. Ich gehe hier mit als Kritiker, als kritisches Subjekt, dass sich seine Position selber geschaffen hat. Eigentlich habe ich hier doch nichts verloren? Ich wurde ja auch von der Presse eingeladen, sonst w\u00e4re ich ja gar nicht gekommen. Was soll ich denn auch da? Ich weiss doch im Grunde, was auf mich zukommt. Ich kenn das doch schon seit Jahren.<\/p>\n<p>Und ich h\u00f6re meine Freunde jetzt sagen: &#8222;Tuncay tu doch nicht so entr\u00fcstet, das ist doch schon immer so gewesen. Was regst du dich jetzt pl\u00f6tzlich so auf? Du bist nicht eingeladen. Offiziell vielleicht schon, aber faktisch warst du es noch nie. Denn was einen einl\u00e4dt ins Theater ist doch der Inhalt, das Format, das Angesprochenwerden, das Adressiertwerden. Du hingegen kannst da sein, oder nicht, kannst dich dazu \u00e4u\u00dfern oder nicht, kannst seitenweise Texte schreiben und kritisieren. Im Grunde hat das nichts beizutragen, es hat von sich aus keine Schwere, keine Relevanz&#8220;.<\/p>\n<p>Aber ich weiss: die Relevanz habe ich nur, wenn ich so laut br\u00fclle, dass die Presse und die Kulturlandschaft aufmerksam wird. Nur dann habe ich Relevanz. Als Teil dieser Gesellschaft bin ich jedoch in diesem Theater v\u00f6llig IRRELEVANT!<\/p>\n<p>Und Nasrin? Laye? und all die anderen, die dieses Spiel mitspielen? Anscheinend hat es ihnen nichts ausgemacht, oder sie haben wirklich nur ihre Rolle gespielt &#8211; diese eng geschnittene Rolle, in der sie ja eigentlich doch wieder nur sich selbst verk\u00f6rpern k\u00f6nnen. Wen sollen sie auch spielen, wenn nicht sich selbst? Den Erwin, den Karl, die Gertrude, den Louie? Schau sie dir doch mal an: sie k\u00f6nnen doch im Endeffekt nur sich selbst spielen: den Migrantasten mit dem millieuspezifischen Lebensdrama.<\/p>\n<p>Nun\u00a0 wie dem auch sei. So zog sich das ganze \u00fcber die Bayerstrasse zur Schwanthalerstrasse, von dort zur Theresienwiese In einer unendlich scheinenden Schleife der Nonkommunikation bin ich Nasrin gefolgt und habe mir ihre Dramaoptionen angeh\u00f6rt, die wohl meine vermeintlichen Vorurteile ihr gegen\u00fcber formulieren sollten &#8211; also eigentlich die Vorurteile mir selbst gegen\u00fcber. Ich folgte ihr also als der pr\u00e4destinierteste Fehladressat, den man sich in einem solchen St\u00fcck nur vorstellen kann und hoffte auf einen Ausbruch. Aber er kam nicht. Die Stimme aus dem Kopfh\u00f6rer h\u00e4mmerte auf mich ein und liess mir kein bisschen Freiheit f\u00fcr meine eigene Empfindungswelt &#8211; ich war in Dries&#8216; verschrobenen Perspektiven gefangen und er st\u00fclpte sie uns Wort f\u00fcr Wort \u00fcber. Er hatte uns in ein sehr enges Korsett geschoben und machte uns klar: &#8222;Diese Gesellschaft hat ein Kommunikationsproblem&#8220;.<\/p>\n<p>Wie recht er hat! Am meisten leidet er selbst darunter. Gut, mag ja sein. Nur: ist das wirklich was grundlegend neues? Das weiss ich schon seit meiner Geburt und Dries weiss es seit 7 Jahren, als er festgestellt hat, dass seine Putzfrau eigentlich eine Ausbildung hat, aber keine Arbeit findet, weil passt nicht, sieht nicht entsprechend aus, hat den falschen Nachnamen, was weiss ich&#8230; Das ist tats\u00e4chlich nach eigener Aussage der Grund, warum Dries angefangen hat, sich mit migrantomanischen Themen zu besch\u00e4ftigen, weil er zu der spektakul\u00e4ren Einsicht kam: In dieser Gesellschaft haben wir ein Problem. Aha?<\/p>\n<p>Nun, wie gesagt: Das wissen wir ja alle. \u00dcber die Phase, in der man Probleme noch sichtbar machen musste sind wir schon lange hinaus. Wir liegen schon seit Jahrzehnten mittendrin, wie in einer Jauchegrube. Wer solch ein Stadtprojekt braucht, um das erstmal wahrzunehmen, der hat wirklich ein Problem. Diese Thematik wird mitlerweile seit Ewigkeiten schon von Standupcomedians parodiert, die wie Pilze aus dem Boden schiessen.<\/p>\n<p>Ich erwarte als Theaterbesucher jedoch neben diesem allseitsbekannten Fakt auch eine bewegende Geschichte, aber Dries gibt uns nur einen Sack voll angefanger Optionen, scheinbar wahllos aneinandergereiht und gespickt mit Stereotypen, dargebracht von einer depressiven Stimme aus dem Off und visualisiert von einer Darstellerin, die nicht sprechen darf, die mich nicht ber\u00fchren darf, die auf Distanz bleiben mu\u00df und gefangen ist in ihrer Identit\u00e4tsb\u00fcrde. Ich dachte mir ganz in Kanakenmanier: &#8222;OK, dann eben keine Story, ist ja ein Experiment, passt alles, aber wenn nach dem Affentanz nicht irgendwas kommt, was mich Emotional auf den Mars katapultiert, dann reiss ich euch nachher den Arsch auf, ich schw\u00f6r!&#8220;<\/p>\n<p>Dann spielte ich kurz mit dem Gedanken, selber auszubrechen &#8211; ihr ihre Kopfh\u00f6rerst\u00f6psel aus den Ohren zu reissen, sie an der Schulter zu packen, durchzusch\u00fctteln und zu fragen: &#8222;Warum machst du das, Nasrin? Warum? Warum? F\u00fcr paar Euro f\u00fcnfzig? F\u00fcr die Referenz? Erhoffst du dir Erl\u00f6sung, N\u00e4he, Herzlichkeit? Warum bist du so ein Schaf Nasrin? Warum machen wir nicht selber sowas und lassen all die Dries Verhoevens dieser Welt mit Koph\u00f6rern in irgendwelchen Vierteln rumlaufen, dr\u00fccken ihnen Identitypolitics-Propaganda rein und lassen uns das finanzieren vom Steuerzaler? Das ist doch nicht sooo schwer Nasrin? Rede ich mit mir selber? Bin ich eigentlich Nasrin?<\/p>\n<p>Aber dann entschied ich mich daf\u00fcr, gerade dies eben nicht zu tun. Denn das w\u00fcrde ja wohl wieder der Gegenargumentation dienen: &#8222;Ja, du hast ja das St\u00fcck nicht in Ruhe und unvoreingenommen bis zum Ende angesehen. Du verlierst ja st\u00e4ndig die Contenance und intervenierst ja nur. Du machst ja Politik! Wir hingegen machen Kunst, bla bla bla bla&#8220;. Deswegen habe ich mich dem harten Korsett der Darbietung ergeben und bis zum bitteren Ende weitergemacht.<\/p>\n<p>Im weiteren Verlauf schlug die Farce Kapriolen. Nasrin blieb wieder einmal vor mir stehen (ein sch\u00f6ner R\u00fccken kann entz\u00fccken) legte eine Mandarine, oder Orange ins Wurzelwerk eines Baumes und drehte sich um, um mir mit einem Kopfwink zu suggerieren, dass ich sie mir nehmen darf. Ab diesem Moment war das St\u00fcck vollkommen auf das Wohlwollen des Zuschauers angewiesen. Es wurde langweiliger und langweiliger. Diese synthetische Pseudomystik machte mich schier wahnsinnig.<\/p>\n<p>Am Ende flossen dann alle Darsteller-Besucher-P\u00e4\u00e4rchen wie die Lemminge auf die Theresienwiese &#8211; die DarstellerInnen tanzten und schwangen die Arme &#8211; die BesucherInnen trotteten hinterher &#8211; beide wurden im Grunde ihrer Eigenst\u00e4ndigkeit und ihres Seins beraubt. Sie waren alle Teil von Dries&#8216; verschrobener Optik geworden. In mir explodierte ein Wut-Vulkan. Ich war kurz vor dem W\u00fcrgereiz und die liebe Nasrin machte das Ganze mit ihrem naiven Gehampel auch nicht gerade besser.<\/p>\n<p>Die Hoffnung leuchtete am Horizont. Ich sp\u00fcrte, wir kamen dem Ende nahe: wir erreichtenn eine Reihe von kleinen Kabinen, die aussahen wie am Husumer Strandbad anno 1942 nur etwas KZ-m\u00e4ssiger. Nasrin \u00f6ffnete die T\u00fcre und liess mich ein. Drinnen ein Stuhl. Als Gentleman setzte ich mich nat\u00fcrlich nicht gleich und wandt mich ihr zu. Auch dies ein Affront gegen die Regieanweisungen scheint es. Sie wies mich bestimmt darauf hin, mich zu setzen. Ich dachte: &#8222;Erstaunlich wie unterw\u00fcrfig sie dieses Spiel mitmacht! Sie erf\u00fcllt die vertragliche Abmachung bis zum letzten Buchstaben&#8220;.<\/p>\n<p>Dann kam der kr\u00f6nende Abschlu\u00df: sie schlo\u00df die T\u00fcr &#8211; es war komplett dunkel. Wir sind alleine. Sie nahm mir die Kopfh\u00f6rer ab, legte ihre H\u00e4nde auf meine Schultern und ich freute mich und dachte: &#8222;Jetzt spricht sie endlich! Jetzt bricht sie aus der Wortlosigkeit aus, zitiert, Goethe, Schiller, Tolstoi, Marx, Lenin, Mark Twain, Angela Merkel, Putin &#8230; was weiss ich was &#8211; irgendetwas, dass mir etwas sagt, das meinen Intellekt beansprucht, das uns die Chance gibt uns auf menschlicher Ebene zu verst\u00e4ndigen und uns nicht nur wie Tiere zu taxieren&#8220;.<\/p>\n<p>Und was machte sie? Sie murmelte unverst\u00e4ndlichen Schamanengesang, der f\u00fcr mich unverst\u00e4ndlich blieb. Wahrscheinlich wurde sie aufgefordert, ihr Lieblingslied zu singen in ihrer Sprache. Und weil sie nicht singen konnte, oder so hat sie irgendwelche fiktive Lautsprache spontan f\u00fcr mich improvisiert. Aber sie hat nichts gesagt! Auch ein Lied kann so vieles sagen, Poesie, Lyrik&#8230;Warum nicht, Dries? Warum? Warum m\u00fcssen diese Menschen so stumm bleiben? Warum so unverst\u00e4ndlich? Warum so undefininiert?<\/p>\n<p>Hast du Angst vor ihnen, Dries? Nach 7 Jahren Niemandsland in den Niederlanden, in Athen und sonstwo. Nach 7 Jahren hat sich da nix getan? 7 Jahre Stillstand? Immer noch kein Schritt auf das ewig Fremde in dir selbst? Armer Dries. 7 Jahre Theatertherapie und kein Resultat? Armer Dries Verhoeven!<\/p>\n<p>Denkst du \u00fcberhaupt daran, wie ich mich f\u00fchle hier in dieser komischen dunklen Schachtel? Keine Story, kein Erz\u00e4hlstrang, keine Sprache, gar nichts. Eigentlich wie im Knast. Eigentlich eiskalt und faschistoid. M\u00fcssen sich alle Guides, die sich vor den Kabinen in Reihe aufgestellt haben sich abwenden und gehen, ohne ein Wort gesprochen zu haben, so das ich nur noch ihre Abgewandtheit sehe und das auch nur in einer projezierten Live\u00fcbertragung von Aussen?<\/p>\n<p>Achtung, Achtung, die armen traumatisierten Migranten gehen jetzt und lassen dich alleine, Erwin. Na, was machst du jetzt mit deinem dunklen schlechten Gewissen?<\/p>\n<p>Ja, klar &#8211; du gehst ins n\u00e4chste Kammerspielest\u00fcck und suchst weiter nach dem Menschen in dir!<\/p>\n<p>Welches Niemandsland ist das Dries? Das ist das Niemandsland einer trockenen Gewissenslandschaft. Das mag dein Verh\u00e4ltnis mit der Welt wiederspiegeln und du magst das so in deiner k\u00fcnstlerischen Freiheit verarbeiten, aber was haben die von dir einer bestimmten Farbskala entsprechend ausgesuchten Menschen damit zu tun? Warum willst du deine pers\u00f6nlichen inneren ungereimtheiten auf dem R\u00fccken eines aktuellen gesellschaftlichen Diskurses abarbeiten, der mit deinem privaten Hirnfick nichts zu tun hat?<\/p>\n<p>Fazit:<\/p>\n<p>Ich finde das St\u00fcck von Dries Verhoeven nicht nur misslungen, sondern auch r\u00fcckschrittlich, perspektivlos und starr, da es bestimmte Schichten ganz bewusst als Publikum ausschlie\u00dft. Es ist das Projekt eines inkompetenten und schlecht informierten Menschen, der keinerlei Bezug zu dem Thema hat, das er da behandelt. In dieser Form entspricht dieses St\u00fcck in keiner Weise dem hohen gesellschaftspolitischen Anspruch, den sich die Kammerspiele auf die Fahne schreiben.<\/p>\n<p>Noch dazu f\u00f6rdert Dries Verhoeven auf eine sehr unreflektierte Weise Bilder, die Stereotypen unserer Gesellschaft reproduzieren und zementieren. Obwohl er vorgibt Hinterfragungen von Klischees durchzuf\u00fchren, ist er selber stark befangen durch seine einseitigen Perspektiven, aus denen er auch nicht herauskommt. Dries Verhoeven hinterl\u00e4sst den Zuschauer inmitten seiner eigenen (Dries&#8216;) Hilflosigkeit, die ich alles andere als spannend finde. Diese Hilflosigkeit kenne ich gut. Aus meiner eigenen Lebenserfahrung habe ich sie immer wieder gut kennengelernt. Es ist die Hilflosigkeit eines eitlen Vertreters einer postkolonialen Genealogie.<\/p>\n<p>Woraus ich das erschlie\u00dfe? Nun ich habe einige Emaildispute mit ihm gehabt. Ich habe auch nach der Auff\u00fchrung die Gelegenheit gehabt mit ihm zu sprechen. Dries hegt \u00c4ngste, die f\u00fcr die weisse europ\u00e4ische Mehrheitsgesellschaft typisch sind. Er empfindet kopftuchtragende Frauen als Symbole des Migrationshintergrunds und f\u00fchrt sie auch immer als Beispiele vor. T\u00fcrkische Frauen mit Kopftuch empfand er &#8211; nach eigener Aussage &#8211; immer schon als Gespenstergestalten, die nicht an Kommunikation interessiert sind. Sie ignorieren ihn in seinem eigenen Land und damit hat er ein Problem. Er hat aber auch ein Problem mit seinen eigenen Vorurteilen. Er ist ein stark vorurteilsbehafteter Mensch. Mit diesem St\u00fcck bearbeitet er diese Vorurteile jetzt schon seit fast 7 Jahren.<\/p>\n<p>Dies mag aus pers\u00f6nlicher Sicht legitim sein. Jedoch behaupte ich, dass man seine Privattherapie nicht auf Kosten der Steuerzahler betreiben kann. Die Zeit ist vorangeschritten und man mu\u00df neue Formate suchen. Die Gesellschaft ver\u00e4ndert sich rapide und das Theater mu\u00df sich mitver\u00e4ndern. Dieses Format kann noch 20 Jahre so weiter funktionieren, aber das w\u00e4re eigentlich doch ein Armutszeugnis f\u00fcr unsere Gesellschaft, oder nicht Dries? Und es k\u00f6nnte auch bedeuten, dass dieses Format, die engen Perspektiven, die es braucht um zu funktionieren reproduziert und somit weitererh\u00e4lt, sozusagen als perpetuum Mobile der Klassengesellschaft.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde also behaupten, dass dieses Format von Niemandsland &#8211; um funktionieren zu k\u00f6nnen &#8211;\u00a0 im Grunde die Gesinnung schaffen und erhalten mu\u00df, die uns daran hindert, uns als Gesellschaft weiterzuentwickeln.<\/p>\n<p>In 7 Jahren Niemandsland w\u00e4re eigentlich eine prozessuale Entwicklung zu erhoffen gewesen, aber die hat wohl nicht stattgefunden. Im Gegenteil &#8211; die Spirale dreht sich nach innen. Die Mehrheitsgesellschaft wird introvertierter und sieht mit Neid und Ungl\u00e4ubigkeit den Vertretern der kulturellen Vielfalt angstvoll zu wie sie selbstbewusster und selbstbewusster werden. Armselig verstecken sich die Vertreter der Hochkultur hinter ihren Schie\u00dfscharten und leben die letzten Gelegenheiten aus, ihre kulturelle \u00dcbermacht zu zelebrieren.<\/p>\n<p>Dries sagt, er mache dieses St\u00fcck, weil es immer noch funktioniere. Fr\u00e4gt sich nur, f\u00fcr wen es funktioniert?<\/p>\n<p>Dumm gelaufen f\u00fcr all diejenigen Menschen von Farbe, die noch nicht gemerkt haben, dass f\u00fcr sie eigentlich jetzt die Zeit gekommen ist, von der Laiendarsteller- und Statistenrolle in die Rolle der AkteuerInnen zu wechseln und ihre eigenen Inhalte zu inszenieren.<\/p>\n<p>Schade Laye Mansa, schade Nasrin, schade Sanaz, schade Ahmet, schade Ally, schade schade schade&#8230;ihr habt euch sehr leicht entm\u00fcndigen lassen von eitlen \u00fcberheblichen Menschen, denen eure Geschichten leider egal sind, weil ihre Gedanken nur um ihre eigenen kulturhegemonialen Sorgen kreisen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Kritik von Triptonious Coltrane zum Stadtprojekt &#8222;Niemandsland&#8220; von Dries Verhoeven, welches im Rahmen der M\u00fcnchner Kammerspiele im Hauptbahnhofviertel in M\u00fcnchen durchgef\u00fchrt wird. Erstmal f\u00fcr alle, die gar keine Ahnung haben. Es geht um dieses St\u00fcck: http:\/\/www.muenchner-kammerspiele.de\/spielplan\/niemandsland\/ Die beste Szene &hellip; <a href=\"https:\/\/triptown.de\/?p=867\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[46],"tags":[],"class_list":["post-867","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-essays"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/867","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=867"}],"version-history":[{"count":67,"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/867\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":987,"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/867\/revisions\/987"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=867"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=867"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=867"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}