{"id":549,"date":"2013-07-11T11:23:23","date_gmt":"2013-07-11T11:23:23","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=549"},"modified":"2013-09-26T22:03:25","modified_gmt":"2013-09-26T22:03:25","slug":"baumrecht-statt-baurecht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=549","title":{"rendered":"Baumrecht statt Baurecht (Rede vom 10.07.13)"},"content":{"rendered":"<p>Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger, liebe M\u00fcnchnerinnen und M\u00fcnchner,<\/p>\n<p>So ein paar B\u00e4ume\u2026<\/p>\n<p>sind schnell mal abgerissen<br \/>\nJa klar!<\/p>\n\n\t\t<style type=\"text\/css\">\n\t\t\t#gallery-1 {\n\t\t\t\tmargin: auto;\n\t\t\t}\n\t\t\t#gallery-1 .gallery-item {\n\t\t\t\tfloat: left;\n\t\t\t\tmargin-top: 10px;\n\t\t\t\ttext-align: center;\n\t\t\t\twidth: 33%;\n\t\t\t}\n\t\t\t#gallery-1 img {\n\t\t\t\tborder: 2px solid #cfcfcf;\n\t\t\t}\n\t\t\t#gallery-1 .gallery-caption {\n\t\t\t\tmargin-left: 0;\n\t\t\t}\n\t\t\t\/* see gallery_shortcode() in wp-includes\/media.php *\/\n\t\t<\/style>\n\t\t<div id='gallery-1' class='gallery galleryid-549 gallery-columns-3 gallery-size-thumbnail'><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/triptown.de\/?attachment_id=555'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/bauluecke-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" aria-describedby=\"gallery-1-555\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt>\n\t\t\t\t<dd class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-555'>\n\t\t\t\tBaul\u00fccke an der Ecke Erhardstrasse\/Reichenbachbr\u00fccke &#8211; M\u00fcnchen\n\t\t\t\t<\/dd><\/dl><dl class='gallery-item'>\n\t\t\t<dt class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/triptown.de\/?attachment_id=557'><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2013\/07\/glockenbachsuiten-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" aria-describedby=\"gallery-1-557\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/dt>\n\t\t\t\t<dd class='wp-caption-text gallery-caption' id='gallery-1-557'>\n\t\t\t\t3D Modell, der Glockenbachsuiten, die in der Baul\u00fccke entstehen sollen.\n\t\t\t\t<\/dd><\/dl>\n\t\t\t<br style='clear: both' \/>\n\t\t<\/div>\n\n<p>Jahrtausendelang waren B\u00e4ume, Blumen, Felder, Obst, Gem\u00fcse, Natur, Landschaft, Flora, Fauna f\u00fcr den Menschen als ein selbstverst\u00e4ndlicher Bestandteil seines Lebensraumes in H\u00fclle und F\u00fclle vorhanden. Die Natur war eine schier endlose Ressource, die nur der Allm\u00e4chtige allein zu zerst\u00f6ren in der Lage zu sein schien.<\/p>\n<p>Die Betonung muss nun jedoch leider auf das W\u00f6rtchen \u201ewar\u201c gelegt werden. Denn wir befinden uns in einer Phase der Erdgeschichte, in der diese besagte Selbstverst\u00e4ndlichkeit nicht mehr gegeben ist. Der Mensch selber befindet sich jedoch scheinbar immer noch in der Euphorie des beginnenden Industriezeitalters und kann sich davon nicht l\u00f6sen.<br \/>\nWie sollte er auch? Diese paradiesische Epoche, in der der Mensch gottgleich \u00fcber das Universum zu herrschen scheint und s\u00e4mtliche Ressourcen der Erde ihm grenzenlos zur Verf\u00fcgung zu stehen scheinen dauert ja nun gerade mal ein wenig l\u00e4nger als ein Jahrhundert an. Was ist das schon, gemessen an den Jahrmillionen, in denen er unter den widrigsten Bedingungen ohne Fastfood, mobile Kommunikation, Datenclouds, Zweitfahrzeug- und Drittfahrzeug, 3-D-Drucker, Luxusimmobilien, Clubbing-Kreuzfahrten und \u00e4hnlichem dahinvegetieren musste. Wieso sollte man sich jetzt freiwillig von all dem Luxus l\u00f6sen wollen, solange man nicht dazu unter Todesdrohungen gen\u00f6tigt wird? Welcher gesunde Mensch macht das denn?<\/p>\n<p>Diese Frage bringt uns jedoch sogleich zur n\u00e4chsten: was verstehen wir unter einem gesunden Menschen? Meine zweite Heimat ist die T\u00fcrkei und im T\u00fcrkischen gibt es eine Sprichwort, das sich ungef\u00e4hr so \u00fcbersetzen liesse:<br \/>\nES G\u00c4BE KEINEN STAAT AUF ERDEN, VERGLEICHBAR MIT DEM WERT EINES HAUCHES\u00a0 REINER GESUNDHEIT.<\/p>\n<p>Doch was braucht der Mensch, um gesund zu sein?<\/p>\n<p>&#8211; Gesunde Ern\u00e4hrung ohne Schadstoffe<br \/>\n&#8211; Gesundes, frisches, lebendiges und vor allem frei verf\u00fcgbares Wasser<br \/>\n&#8211; Frische, reine Luft zum Atmen<br \/>\n&#8211; Einen intakten K\u00f6rper<br \/>\n&#8211; Medizinische Verpflegung<br \/>\n&#8211; Regelm\u00e4ssige Aufenthalte in der Natur<br \/>\n&#8211; Sportm\u00f6glichkeiten<\/p>\n<p>Doch da gibt es eine Komponente, die bei solchen Fragen meist erst zu allerletzt auf die Liste kommt:<\/p>\n<p>Der gesunde Geist und das Seelenleben. Der Mensch ist ein Herdentier. Er braucht eine intakte Gemeinschaft, in der er sich wohl f\u00fchlt und als deren Teil er sich begreift. Sie spendet ihm Identit\u00e4t, gibt ihm ein Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl, sie edelt ihn und mach ihn erst zum wahren Menschen .<\/p>\n<p>Zum gesunden Menschen geh\u00f6rt eine gesunde Gesellschaft und es gibt keine gesunde Gesellschaft, ohne gesunde, zufriedene, erf\u00fcllte Menschen, die sich als ein Teil eben dieser begreifen. Menschen, die sich offen entgegenstehen, die sich gegenseitig akzeptieren, neues zulassen, altes bewahren, Menschen die teilen k\u00f6nnen. All dies geh\u00f6rt zur menschlichen Kultur und im Gro\u00dfen und Ganzen funktioniert dies \u2013 mit einigen kleinen Detailunterschieden &#8211; \u00fcberall auf der Welt gleich.<\/p>\n<p>Nun bringt es jedoch die menschliche Kultur mit sich, dass sie eben wie jede andere Kultur im Universum auch (nehmen wir z.B. Bakterienkulturen, Pflanzenkulturen, Insektenkulturen, etc.) immer besser gedeiht, wenn sie langfristig, \u00fcber Generationen hinweg einen fruchtbaren Ort findet an dem durchgehend ideale Voraussetzungen f\u00fcr ihre Entwicklung bestehen.<\/p>\n<p>Erst dann verselbst\u00e4ndigen Sich einzelne Elemente, gedeihen weiter und entwickeln auch neue Triebe\u2013 im Falle der Menschen w\u00e4ren das:<br \/>\n&#8211; Das Verst\u00e4ndnis unter den Mitb\u00fcrberInnenn<br \/>\n&#8211; Der Bildungsstandard<br \/>\n&#8211; Die Kunst- Kultur- und die Musikszene<br \/>\n&#8211; Die gesellschaftliche Gleichberechtigung (von einzelnen Bev\u00f6lkerungsgruppen, zwischen den Geschlechtern, zwischen den Schichten und Gruppierungen der Gesellschaft, den Generationen\u2026).<br \/>\n&#8211; Das gleichberechtigte Leben von Menschen, Pflanzen und Tieren<br \/>\n&#8211; Der Wohlstand (der leider in seiner Grundbedeutung im jetzigen Stadium der menschlichen Entwicklung auf unendlichem Wachstum und somit auf Uners\u00e4ttlichkeit angelegt ist \u2013 ich meine Wohlstand jedoch eher im Sinne einer privaten Zufriedenheit, die auf einer allgemeinen Zufriedenheit basiert).<\/p>\n<p>etc. etc. etc.<\/p>\n<p>Es g\u00e4be einige Faktoren, die man so aufz\u00e4hlen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Was wir jedoch daf\u00fcr ben\u00f6tigen, sind gewachsene Strukturen, deren Wert unsch\u00e4tzbar hoch ist, nicht nur f\u00fcr die lokale Stadtgesellschaft in M\u00fcnchen, sondern auch f\u00fcr die globale Gesellschaft, denn wie wir alle wissen, h\u00e4ngen diese beiden eng zusammen und wirken aufeinander ein, wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte.<\/p>\n<p>Gewachsene Strukturen sind nichts anderes als Wurzelwerk \u2013 genauso wie das Wurzelwerk dieser B\u00e4ume hier, die im Zuge eines Luxusbauvorhabens, das an dieser Stelle gegen\u00fcber von uns nun aus dem Boden wachsen soll, zerst\u00f6rt werden. Man zerst\u00f6rt mit dem Bauvorhaben nicht nur die B\u00e4ume, sondern schadet damit auch unserer Gemeinschaft. Denn genauso wie diese B\u00e4ume, werden mit \u00fcbertriebenen Mietpreisen und der Ansiedlung von internationalem Geldadel ins Glockenbachviertel, die einheimischen nat\u00fcrlichen und sozialen Strukturen zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Zwar sollen als Ersatz f\u00fcr diese B\u00e4ume an anderer Stelle frische Setzlinge gepflanzt werden, aber ein Setzling an einer anderen Stelle kann einen altehrw\u00fcrdigen Baum an dieser Stelle nicht so leicht ersetzen. Neupflanzungen sind wichtig! Keine Frage! Neubauten sind auch wichtig, um neuen Wohnraum f\u00fcr die neuen Bed\u00fcrfnisse der Bev\u00f6lkerung zu schaffen. Neue Impulse in der soziokulturellen Landschaft sind ebenfalls wichtig. Das sehen wir alles ein. Nur eines st\u00f6rt uns: \u201eDie Neuerungen, die in dieser Form erfolgen, wie bei diesem Bauvorhaben gegen\u00fcber, ber\u00fccksichtigen die gesunde soziokulturelle Gesellschaft nicht. Sie dienen haupts\u00e4chlich der Bereicherung von Gro\u00dfverdienern und dem Komfort von Menschen, die sich eh keine Sorgen um ihre restliche \u2013 zumindest materielle &#8211; Existenz mehr machen m\u00fcssen.<br \/>\nUns \u2013 n\u00e4mlich der eigentlichen Bev\u00f6lkerung dieser Stadt \u2013 bringen diese Bauvorhaben, wie sie an dieser Stelle, im Seven, im alten Arbeitsamt in der Thalkirchnerstrasse, auf dem Rodenstockgel\u00e4nde erfolgen sollen und teilweise erfolgt sind \u2013 rein gar nichts.<\/p>\n<p>Sie nehmen uns nur die Luft zum Atmen und den Platz zum Leben. Stattdessen versuchte man noch vor kurzem mit einem eher mittelgro\u00dfen Sozialbauprojekt in der M\u00fcllerstr. 6 das eh schon extrem eingeengte Nutzungsareal der Glockenbachwerkstatt noch mehr einzugrenzen.<\/p>\n<p>Dank der Unterst\u00fctzung unserer \u00e4u\u00dferst engagierten FreundInnen und Unterst\u00fctzerInnen \u2013 vor allem der Eltern unserer Kindergarten- und Hortkinder &#8211; konnten wir das bis jetzt verhindern. Aber das letzte Wort ist immer noch nicht gesprochen.<\/p>\n<p>Wir sitzen jedoch jetzt schon mal mit am Tisch und werden als Gespr\u00e4chspartner wahrgenommen. Das ist schonmal ein wichtiger Schritt! Wir wissen jedoch ganz genau, dass es nicht ausreicht, nur seine eigenen Sch\u00e4fchen ins Trockene zu bringen. Das hat uns die langj\u00e4hrige Erfahrung gelehrt. Man muss eher immer das gro\u00dfe Ganze im Auge behalten und darf den Gesamt\u00fcberblick nicht verlieren. Man muss sich b\u00fcrgerlich solidarisieren und darf \u2013 bei aller Wohlgesonnenheit und auch besonnenen Haltung der Lokalpolitik gegen\u00fcber, die kritische Haltung nie aufgeben. Dies begreifen wir als eine gesellschaftliche Aufgabe \u2013 deswegen bin ich heute Abend hier und vertrete offiziell den Vorstand des Glockenbachwerkstatt e.V.<\/p>\n<p>Zu guter letzt m\u00f6chte ich an die Vorkommnisse erinnern, die gerade seit \u00fcber einem Monat am Taksim Platz in Istanbul, um genauer zu sein im dortigen Gezi Park und drumherum stattfinden. Der b\u00fcrgerliche Unmut hatte sich dort entz\u00fcndet an der Entwurzelung von fast 40-50 Jahre alten B\u00e4umen.<\/p>\n<p>Die Staatsmacht reagierte auf diesen Impuls der Proteste mit Unverst\u00e4ndnis: Es ginge doch hier nur um ein Paar B\u00e4ume. Aber der weitere Verlauf der Ereignisse hat gezeigt, dass B\u00e4ume mehr sind als nur B\u00e4ume. Sie sind nicht nur Symbol f\u00fcr, sondern ihr Wurzelwerk h\u00e4ngt auch sehr eng zusammen mit den gewachsenen sozialen und soziokulturellen Strukturen in einer menschlichen Gemeinschaft.<\/p>\n<p>In dieser schwierigen Zeit, in der Millionen Menschen weltweit auf den Stra\u00dfen sind \u2013 in dieser Unruhigen Zeit, z\u00e4hlt der gesellschaftliche Zusammenhalt mehr denn je! Wir sind Bestandteil einer globalen Welt. Ich finde, wir k\u00f6nnen uns diesen Pseudo-Luxus, der hier entstehen soll und den Verlust von wahrem Luxus, n\u00e4mlich dem Luxus von sch\u00f6nem alten Wurzelwerk in der Natur, sowie im \u00fcbertragenen Sinne in der Gesellschaft, nicht mehr leisten.<\/p>\n<p>Dankesch\u00f6n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Mitb\u00fcrgerinnen und Mitb\u00fcrger, liebe M\u00fcnchnerinnen und M\u00fcnchner, So ein paar B\u00e4ume\u2026 sind schnell mal abgerissen Ja klar! 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