{"id":540,"date":"2013-07-02T16:43:00","date_gmt":"2013-07-02T16:43:00","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=540"},"modified":"2013-07-02T16:43:13","modified_gmt":"2013-07-02T16:43:13","slug":"fussball-und-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=540","title":{"rendered":"Fussball und Politik"},"content":{"rendered":"<p>Interessant ist ja auch die Tatsache, dass neben den Pers\u00f6nlichkeiten aus Kunst- und Kultur, auch die Anh\u00e4nger der gro\u00dfen Fussballmannschaften Istanbuls eine grosse Rolle bei den Gezipark-Protesten spielten. Nicht nur bei der Mobilisierung der Massen, waren sie von Relevanz, sondern auch bei der Entwicklung von effektiven Strategien und Abwehrmechanismen gegen den Polizeiterror. Als ich dieses Video sah, in welchem die besonders hervorzuhebende Carsi-Gruppe, der Anh\u00e4nger von Besiktas Istanbul (<a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/%C3%87ar%C5%9F%C4%B1_%28supporter_group%29\">http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/%C3%87ar%C5%9F%C4%B1_%28supporter_group%29<\/a>) &#8211; quasi in ihrem eigenen Viertel &#8211; ein Stra\u00dfenbauger\u00e4t kaperten, und damit auf gepanzerte Wasserwerferfahrzeuge der Polizei losgingen, wurde mir schnell klar, dass nur diese Menschen in der Lage sind, der plumpen Grausamkeit der t\u00fcrkischen Polizei Kontra zu bieten (<a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=P_anC8_s_08\">http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=P_anC8_s_08<\/a>).<br \/>\nDenn wenn t\u00fcrkische Fussballfans etwas k\u00f6nnen, dann ist es das \u00f6ffentlichkeitswirksame Auftreten. Sie verk\u00f6rpern auch eine gewisse Volksautorit\u00e4t, denn Fussball hat in diesem Land einen besonders hohen Stellenwert. Fast jeder T\u00fcrke und jede T\u00fcrkin ist in irgendeiner Form Anh\u00e4ngerIn einer Fussballmannschaft. Dort wo das Individuum sehr wenig Platz zur Entfaltung in der Gesellschaft findet, erf\u00fcllte Fussball schon immer als soziales Ph\u00e4nomen, als Katalysator, als Spielplatz und Austragungsort von kollektiven Aggressionen und Expressionsbed\u00fcrfnissen eine wichtige Funktion. Dies wurde verst\u00e4rkt durch die Tatsache, dass man ja sonst als junges heranwachsendes Mitglied der Gesellschaft sich nur sehr begrenzt \u00e4ussern kann. \u00dcberall lauern Schnauzb\u00e4rtige grosse Br\u00fcder und Onkel, V\u00e4ter und besserwissende M\u00fctter und Tanten, die auf ihre traditionsgegebene Autorit\u00e4t pochen und die Jugendlichen allzuschnell in die Schranken weisen. Vom allgegenw\u00e4rtigen misstrauischen Staatsapparat ganz zu schweigen.<br \/>\nAlso suchte sich die junge t\u00fcrkische Gesellschaft einen anderen Schauplatz f\u00fcr ihre \u00fcberbordenden Energien: Das Fussballstadion. Dort durfte man ungehindert Fluchen, lauthals schreien und seinen Unmut verk\u00fcnden, die gegnerischen Fans auf den Arm nehmen, provozieren und sich verbal bekriegen. T\u00fcrkische Fussballfans sind gewieft in Demoralisierungstaktiken, die sie Blitzschnell entwickeln und mittels eigens verfasster Spontanreime via Fanch\u00f6re von sich geben. Die Strasse ist ihr zweites Zuhause. Sie kennen sich aus in der Stadt und haben \u00fcber die Jahrzehnte die Logistik im Chaos dieser Millionenstadt perfektioniert.<br \/>\nVon wegen Brot und Spiele als \u00fcbers\u00e4ttigendes Mittel gegen eine selbst\u00e4ndig denkende Gesellschaft: In diesem Falle bot der Fussball ein schwer untersch\u00e4tztes und deswegen \u00fcber Jahrzehnte relativ gering kontrolliertes Trainigsareal f\u00fcr zivilen Ungehorsam.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interessant ist ja auch die Tatsache, dass neben den Pers\u00f6nlichkeiten aus Kunst- und Kultur, auch die Anh\u00e4nger der gro\u00dfen Fussballmannschaften Istanbuls eine grosse Rolle bei den Gezipark-Protesten spielten. 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