{"id":481,"date":"2013-01-07T17:18:59","date_gmt":"2013-01-07T17:18:59","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=481"},"modified":"2013-01-07T17:20:58","modified_gmt":"2013-01-07T17:20:58","slug":"das-produkt-im-postneoliberalen-funktionssystem-und-seine-wirkung-auf-den-eigenwert-des-menschlichen-wesensprinzips-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=481","title":{"rendered":"Das Produkt im postneoliberalen Funktionssystem und seine Wirkung auf den Eigenwert des menschlichen Wesensprinzips"},"content":{"rendered":"<p>Das Produkt ist ja ein Begriff, der mit dem Beginn der industriellen Wirtschaft gepr\u00e4gt wurde und bezeichnet die manuelle oder serielle Herstellung eines Gegenstandes, der im Idealfalle einem Verbraucher bei der Bew\u00e4ltigung eines privaten oder beruflichen Vorganges dienlich ist. Das Produkt wird also vom K\u00e4ufer im Austausch gegen einen monet\u00e4ren Betrag X bezogen und benutzt, nicht wahr? So einfach ist das.<br \/>\nNun kam aber schon sehr fr\u00fch das Produktdesign ins Spiel, das aus allt\u00e4glichen Gebrauchsgegenst\u00e4nden eigenst\u00e4ndige Organismen macht und deren Gebr\u00e4uchlichkeit immer mehr zu Gunsten einer \u00fcberproportionierten Suggestion von Sinn und Wert in den Hintergrund r\u00fcckt. Stattdessen entfaltet das Produkt mithilfe von Design und Marketing sein  eigenes Universum, in das wir eintauchen k\u00f6nnen. Im Grunde haben wir aber die Option dazu schon lange nicht mehr, denn jede Generation wird mittlerweile in eine eigene \u00c4ra von Produktwelten geboren. Wobei man nat\u00fcrlich auf der einen Seite auch die Leistung des Produktdesigns dankbar anerkennen muss, denn sie hat Kulte erschaffen und viel Leben in den tristen Kapitalismus gebracht.<br \/>\n\u201eProdukt\u201c ist ein sehr entscheidender Begriff im Leben eines postmodern verwurzelten Lebewesens. Ich sage ganz bewusst nicht \u201eMensch\u201c, sondern \u201eLebewesen\u201c, denn die Auswirkungen dieses Ph\u00e4nomens machen sich nicht nur im menschlichen Leben bemerkbar.<br \/>\nDer Mensch macht n\u00e4mlich u. a. andere Lebewesen zu Produkten \u2013 im Wesentlichen schreckt er auch nicht davor zur\u00fcck, sich selbst zum Produkt zu machen, w\u00e4hrend er genau das Gegenteil behauptet. Das g\u00f6ttliche in seinem Wesen wird somit einem marktorientierten Gedanken geopfert und gewinnt an normativen Wertzumessungen, je mehr es sich den Vorgaben des Marktes f\u00fcgt.<br \/>\nVermeintlich gibt es ja ein Funktionsprinzip \u201eMarkt\u201c, der auch nach vermeintlich naturgesetz\u00e4hnlichen Grundlagen funktioniert. Solange man ihn frei walten l\u00e4sst &#8211; so die allgemeine Auffassung in der politischen und wirtschaftlichen Fachwelt &#8211; kann man sich auf die selbstregulierenden Prinzipien des Marktes verlassen, denn er ist ja ein weltweit freier. Also im Grunde k\u00f6nnte ja theoretisch und prinzipiell jeder Weltenb\u00fcrger seine Produkte ohne Einschr\u00e4nkungen \u00fcberall anbieten und auch einkaufen, wo er mag. Dies ist im Wesentlichen das neoliberale Prinzip, das man sp\u00e4testens dann verinnerlicht hat, wenn man im Einkaufswagen der Mamma sitzend an der Kasse im Supermarkt nach dem \u00dcberraschungsei schreit. Dieses Prinzip bestimmt \u2013 mehr als je zuvor \u2013die Entwicklung des menschlich dominierten Universums.<br \/>\nSoweit so gut. Die Realit\u00e4t sieht aber anders aus. Im Grunde ist das neoliberale Prinzip n\u00e4mlich v\u00f6llig f\u00fcr\u2018n Arsch (mal salopp ausgedr\u00fcckt). Es lebt n\u00e4mlich faktisch davon, dass eine Masse an Menschen versucht, zu der Minderheit zu geh\u00f6ren, die die anderen so derma\u00dfen verhanepipelt, dass alles zu sp\u00e4t ist. Und darin liegt eben der entscheidende Knackpunkt: Eine Masse bedeutungsloser Versager versucht &#8211; rund um die Uhr \u00fcberall auf der Welt -sich in die Minderheit der gewieften Superchecker zu hieven (was rein mathematisch zur Zufriedenheit aller Teilnehmenden schwierig durchzuf\u00fchren sein sollte). Sehr viele nehmen daf\u00fcr jedoch viel in Kauf: Essen schlechtes Essen, nehmen ungesunde Arzneimittel und sonstige Substanzen, lassen sich schlagen, missbrauchen, dem\u00fctigen, bevormunden, psychisch und k\u00f6rperlich versklaven, benutzen und und und\u2026<br \/>\nWir alle kennen das \u2013 das muss man ja hier nicht detailliert ausf\u00fchren, nicht wahr? Darum geht es mir auch gar nicht. Mir geht es um etwas ganz anderes. Ich behaupte, dass die Menschen die selbstlose Akzeptanz von all diesem Leid nur auf sich nehmen, weil sie im Eifer, ein dominanter Teil dieses Verarschungssystems zu werden, so menschliche Werte wie Verstand und W\u00fcrde v\u00f6llig \u00fcber Bord werfen. Als Brandbeschleuniger naht auch schon die n\u00e4chste Illusion \u2013 n\u00e4mlich die, dass sich eben dieses Sklavenleben  im Kreise der wenigen Gewinner besser ertragen l\u00e4sst. Dies ist meiner Meinung nach ein fataler Irrtum! Ich bin mir z.B. sicher, dass Alfons Schuhbeck eine depressive Heulsuse ist (zumindest schmeckt das Essen in seinem Theatro danach).<br \/>\nWie kann man es sonst erkl\u00e4ren, dass Menschen vor I-Stores in China Ausschreitungen begehen, nur weil der Verkaufsstart des neuesten I-Phones verschoben wurde? Oder Kunden in den USA sich um den ersten k\u00e4uflich erwerblichen neuen Nike Air Jordan pr\u00fcgeln? Instinktiv will man doch dem Produkt und damit den Gewinnern im System so nahe kommen wie m\u00f6glich. Genauso wie Fans ihrem Popidol immer so nahe  wie m\u00f6glich sein wollen. Das erkl\u00e4rt auch den Grund, warum all diese (vor allem weibliche) Fans von Popstars so herzzerrei\u00dfend weinen: sie sind ihnen zum Anfassen nahe und wissen gleichzeitig ganz genau, dass sie in der n\u00e4chsten Sekunde wieder in der Vergessenheit versinken werden. Eigentlich weinen da Millionen Egos um den verlorenen Triumph. Jedoch werden sie in diesen Momenten auch ein St\u00fcck weit Erwachsen, aber gleichzeitig verdient ihr geliebter Star und seine Agentur in diesem Moment auch das meiste Geld mit der Verzweiflung. Der Popstar ist genauso ein Produkt wie jedes andere auch. Das Produkt ist somit kein gew\u00f6hnlicher Gebrauchsgegenstand, oder ein Vehikel zum Erfolg, sondern viel mehr: Es ist das Symbol des entmenschlichten Triumphes, n\u00e4mlich des Triumphes eines ganzen Funktionssystems, in dem der Mensch nur noch als benutzbares Objekt Sinn macht. Der menschliche Sinn, oder die Sinne stehen dabei in zweiter Reihe bereit \u2013 als Marketingfaktoren, zu Diensten des eben genannten Prinzips (benennen wir es einfach mal als \u201epostneoliberales System\u201c), dass nicht mehr f\u00fcr die Menschen und schon gar nicht f\u00fcr die Menschlichkeit arbeitet, sondern \u2013 wenn die Menschen erst mal ihre Existenz an Androiden abgegeben haben &#8211; ohne sie genauso gut, wenn nicht sogar viel besser funktioniert.<br \/>\nDarauf l\u00e4uft es doch hinaus. Im Endeffekt dient also das Produkt nicht dem Menschen, sondern der Mensch dem Produkt. Aus basta! Is ja auch nicht so wild \u2013 man muss es ja nur klar formulieren, weisste?<\/p>\n<p>Erschienen in der 14. Ausgabe des &#8222;Gaudiblatt&#8220; (Januar 2013)<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.gaudiblatt.de\" target=\"_blank\">www.gaudiblatt.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Produkt ist ja ein Begriff, der mit dem Beginn der industriellen Wirtschaft gepr\u00e4gt wurde und bezeichnet die manuelle oder serielle Herstellung eines Gegenstandes, der im Idealfalle einem Verbraucher bei der Bew\u00e4ltigung eines privaten oder beruflichen Vorganges dienlich ist. 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