{"id":2449,"date":"2024-07-16T09:46:49","date_gmt":"2024-07-16T09:46:49","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=2449"},"modified":"2024-07-16T10:21:02","modified_gmt":"2024-07-16T10:21:02","slug":"sommertraum-wolfsgruss-fussball-und-faschismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=2449","title":{"rendered":"Sommertraum, Wolfsgru\u00df, Fussball und Faschismus"},"content":{"rendered":"\n<p>Es hat nichts damit zu tun, dass ich Fussball nicht m\u00f6gen w\u00fcrde. Ich mag lediglich den Rummel um diesen Sport nicht. Es wird \u00fcberdimensional viel Geld damit umgesetzt, gewaltt\u00e4tige Proletenkultur gef\u00f6rdert, um dann im n\u00e4chsten Atemzug das verbindende und v\u00f6lkerverst\u00e4ndigende Element dieses Sportes in h\u00f6chsten T\u00f6nen zu preisen. Mit Ende vierzig pensionierte Ex-Profis wie Kroos und Konsorten spielen sich vermessen zu volksnahen Lebensphilosophen auf und geben reaktion\u00e4re Lebensweisheiten und paranoide Statements von sich, die sie wie Lebensweisheiten darbringen. Ich denke darin \u00e4u\u00dferst sich vor allem die Frustration des fr\u00fchen Ausscheidens aus der KO-Runde, die sich in einem Geheule um den verlorengegangenen Gemeinschaftssinn einer ehemalig so bl\u00fchenden Leistungsgesellschaft \u00e4u\u00dfert. Am Ende sind es dann nat\u00fcrlich die sogenannten &#8222;Migrant*innen&#8220;, die daran Schuld sein sollen. Der deutsche Fu\u00dfballtrainer \u00e4u\u00dfert sich etwas modrater und steigt deswegen  zum Guru der Nation auf und wird gelobt f\u00fcr seine &#8222;Rede von bundespr\u00e4sidialer Tragkraft&#8220;. Daraufhin stellte ich mir Nagelsmann als Bundespr\u00e4sidenten vor und dachte mir: &#8222;Mal sehen, ob dem beim n\u00e4chsten Staatsbesuch in der T\u00fcrkei was besseres einf\u00e4llt, als einen D\u00f6nerspiess als Staatsgeschenk mit zu nehmen?&#8220;<br>Zur\u00fcck zum Thema: Wir erlebten gerade eine Europameisterschaft, die in Sachen Nationalkult, verbalen und physischen aggressiven \u00dcbergriffen kaum zu \u00fcberbieten war. Nationalidentit\u00e4re Symbolik fand unverholen auf dem Rasen ihre B\u00fchne, dargebracht von einem t\u00fcrkischen Nationalspieler. Die UEFA entschied ausnahmsweise mal richtig &#8211; wobei das im Falle der rassismusbezogenen Unbeliebtheit der T\u00fcrkei im Westen sicher auch einfacher zu entscheiden war. Fakt ist aber, dass dieses Symbol (der sogenannte Wolfsgruss) zwar durchaus ein Symbol aus dem t\u00fcrkischen Nationalmythos ist und prim\u00e4r mit faschistischen politischen Bewegungen im 20&#8217;ten Jhd. nichts zu tun hat, aber von eben diesen Faschisten seit Jahrzehnten eingenommen und in der T\u00fcrkei zum Symbol f\u00fcr Massaker und Morde an Minderheiten, wie der kurdischen und alevitischen, an politisch Andersdenkenden, Journalist*innen und Politiker*innen vor allem ab den 60&#8217;er Jahren bis in die Gegenwart geworden ist. Noch dazu ist dieses Symbol in der rechtsnational gelagerten Mafia des Landes seit langem ein g\u00e4ngiger Gru\u00df und wird seit Jahren erfolgreich verharmlost und dadurch hoff\u00e4hig gemacht. Genau das versucht man jetzt auch auf internationalem Parkett. Dessen muss man sich bewu\u00dft sein, wenn man als aussenstehende Kommentator*in sich dazu motiviert f\u00fchlt, eine Haltung zum Thema einnehmen zu m\u00fcssen, ohne genaue Kenntnis \u00fcber die neuere Geschichte der T\u00fcrkei und vor allem kein grundlegendes Wissen \u00fcber die Entstehung nationaler Mythen und Symbole im Allgemeinen zu haben.<br>Diese festigen sich meistens im 19 Jhd.. Im Zuge der Popularit\u00e4t der nationalen Ideologien in vielen Regionen der Welt werden sie kanonisiert, effektiviert und literarisch eingefasst, um einer nationalistischen Idee zu dienen. Das war nicht nur in der T\u00fcrkei so, sondern in vielen L\u00e4ndern der Welt. Ausgangspunkt dieser Bewegung ist aber vor allem Europa: Die franz\u00f6sische Revolition war ihre Keimzelle, aber vor allem in Deutschland setzt sich die nationale Idee im 19. Jhd als Ideologie fest. Im Zuge der deutschen Orientmission Kaiser Wilhemls II. im Osmanischen Reich wurde nicht nur die osmanische Armee von deutschen Offizieren reformiert. Namhafte deutsche ultranationalistische Theoretiker wie Hans Human zum Beispiel haben offen Einfluss genommen auf politisch konforme Elemente innerhalb der osmanischen Administration, den Intellektuellen und auch der Armee. Der t\u00fcrkische Nationalismus ist stark beeinflusst durch den deutschen! Gro\u00dfe Namen des osmanischen Milit\u00e4rs wie Mustafa Kemal Atat\u00fcrk und Enver Pasha (ein Pionier der t\u00fcrkischen Ultranationalist*innen) gingen durch eine preussische Milit\u00e4rschule. Dies nur als kleiner Exkurs in die Geschichte. Solche Geschichten gibt es zu Hauf \u00fcberall auf der Welt. Die gro\u00dfzahl von Nationalsymbolen, die vermeintlich harmlos daher zu kommen scheinen, beruhen in Wahrheit auf grausamer Historie. <br>Aber zur\u00fcck zum Hauptthema: Ich glaube nicht, dass gro\u00dfe Turniere dieser Art, sich nachhaltig daf\u00fcr eignen, Gemeinschaft und Verst\u00e4ndnis in der Gesellschaft zu f\u00f6rdern. Mit den nationalen Symbolen und Fahnen wird lediglich die Seperation nach vermeintlicher &#8222;nationaler&#8220; Zugeh\u00f6rigkeit erreicht und auch \u00f6ffentlich inszeniert. Die Reproduktion nationaler Zeichen und Symbole best\u00e4tigt nur althergebrachte Identit\u00e4tssysteme und l\u00e4sst sie immer wieder \u00f6ffentlichkeitswirksam Auferstehen. Deswegen braucht man sich nicht wundern, dass durch sie nationale Rivalit\u00e4ten und Rassismen immer wieder von neuem auf internationaler Ebene wieder zum vorschein treten, wie zum Beispiel im Falle der kroatischen, albanischen und serbischen Fans, die sich gegenseitig den Tod an den Hals w\u00fcnschten, den \u00f6sterreichischen Fans, die unverholen das rassitische &#8222;Ausl\u00e4nder-raus-Lied&#8220; von Sylt sangen und und und&#8230;<br>Kommen wir nun zu UEFA, FIFA und Konsorten: sie bieten die Plattform f\u00fcr diese stereotypen Identifikationsbilder, denn ihre Funktion\u00e4re wissen nur sehr genau, dass sich \u00fcber die Ansprache der Massen und die Entwicklung m\u00f6glichst einfach zu befriedigender Nachfrage ultimativ viel Geld zu machen ist. Insofern ist Nationalkult f\u00fcr sie ein sehr geeignetes Mittel, um ihre Milliarden zu sch\u00e4ffeln. Genau das ist es, was an diesem Fu\u00dfballklamauk kritisch ist: Es geht alleine um den r\u00fccksichtslos zu generierenden Umsatz.  Der Fu\u00dfballzirkus ist das beste Beispiel f\u00fcr das reibungslose Zusammenwirken von Kapitalismus und chauvenistischem Nationalkult. Um das ganze f\u00fcr die Politik legitimierbar zu machen, wird ein bisschen V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung und Buntheit behauptet, indem man die Bilder generiert, zu denen sich die euphorisierten Fans nur all zu gerne hergeben. Sie selber sind zwar die wichtigsten, aber gleichzeitig auch die Draufzahler*innen im Milliardengesch\u00e4ft. Die Kommunen k\u00f6nnen sich im Gro\u00dfen und Ganzen kaum an dem Umsatz beteiligen, denn sie haben viel zu gro\u00dfe Ausgaben. Den K\u00f6nigsanteil kassieren gro\u00dfe Konzerne aus China und Khatar, die ihre Werbungen schalten, ganz gro\u00df als Sponsoren auftreten und diese Massenevents als Mega-Werbeplattformen nutzen. Zu guter letzt sind es schlie\u00dflich die besagten Verb\u00e4nde, die die Werbeeinnahmen einfahren.<br>Der lokalen Gesellschaft bringt das rein gar nichts, au\u00dfer ein bisschen Ablenkung und Aufregung in ihrem Sklavenalltag. Das ist ein ziemlich schlechter Deal. Deswegen boykottiere ich den gro\u00dfen Profifussball seit Jahren.<br>Dass die T\u00fcrkei und Deutschland dieses mal fr\u00fch ausgeschieden sind, hat mich besonders gefreut. Dadurch blieb das Riesentamtam erfreulicherweise aus, das uns sonst erwartet h\u00e4tte &#8211; wom\u00f6glich noch \u00fcberdimensionale Selbstinszenierungen und d\u00e4mliche \u00f6ffentliche Dispute zwischen t\u00fcrkischen und deutschen Politiker*innen, Mediengr\u00f6\u00dfen etc.. \u00d6zil und Erdogan hatten sich ja schon in Position gebracht. Die d\u00e4mlichen Aussagen von diversen deutschen Fussballern, lassen nur darauf schlie\u00dfen, was sich im \u00f6ffentlich\/rechtlichen da Bahn gebrochen h\u00e4tte &#8211; von den Ausschreitungen auf den Stra\u00dfen ganz zu schweigen. Alles in allem kann man froh sein, dass der Bl\u00f6dsinn vorbei ist und man sollte sich \u00fcberlegen, ob man sich das in Zukunft unbedingt nochmal antun will. Ich bin f\u00fcr einen wie gesagt f\u00fcr ein Boykott von \u00fcberbewerteten sportlichen Megaveranstaltungen. Das aus f\u00fcr die Bewerbung M\u00fcnchens als Olympiestandort vor ein paar Jahren hat gezeigt, dass es m\u00f6glich ist: schei\u00df auf EM, WM und Champions Leage. Wenn, dann sollten wir B\u00fcrger*innen auch etwas davon haben &#8211; und zwar in materieller und ideeller Hinsicht. Vielleicht braucht es auch endlich mal alternative Sportverb\u00e4nde?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es hat nichts damit zu tun, dass ich Fussball nicht m\u00f6gen w\u00fcrde. 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