{"id":2416,"date":"2024-01-06T14:08:23","date_gmt":"2024-01-06T14:08:23","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=2416"},"modified":"2024-01-06T15:27:07","modified_gmt":"2024-01-06T15:27:07","slug":"was-soll-ich-verkaufen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=2416","title":{"rendered":"Was soll ich verkaufen?"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Authentizit\u00e4t? Die Herkunft? Die Roots? Und damit einhergehend die Markierung akzeptieren und als Auszeichnung auf der Brust tragen? &#8222;Ah ein stolzer Exot!&#8220;.<br>Oder eher die L\u00fcge, die diesseits wie jenseits daraus produziert wurde und immer noch wird? Diese ist allenthalben unterhaltsamer, so scheint es mir. Das Clich\u00e9e, das stereotype Bild des edlen Barbaren, dass seit der Antike tradition hat und sich \u00fcber die Jahrhunderte st\u00e4ndig ver\u00e4ndert. Denn die Barbaren von einst, sind nach all den Jahrzehnten und Jahrhunderten gerne das Etablissement geworden und geben nun ihrerseits vor, wer als Barbar bezeichnet werden darf, soll und mu\u00df. Bestes Beispiel: die Germanen.<br>Ich liebe es, wie die L\u00fcgen \u00fcber das &#8222;Unertr\u00e4gliche des Anderen&#8220; mit der Zeit an G\u00fcltigkeit verlieren, die Farblichkeit ver\u00e4ndern, vergilben und uns als tragikomische Relikte aus einer anderen Zeit helfen, neue L\u00fcgen \u00fcber unsere &#8222;Zeitgem\u00e4\u00dfheit&#8220; aufzubauen. Wir sind nun &#8222;modern&#8220;. So ausgelutscht dieser Begriff auch sein mag, veliert er immer noch nicht seine G\u00fcltigkeit, wobei es ja schon lange hei\u00dfen m\u00fcsste &#8222;Wir sind postmodern&#8220;. Aber postmodern klingt immer noch nicht richtig hip und wird es wohl auch nie sein. Also brauchen wir einen neuen Begriff, der im t\u00e4glichen\/medialen Sprachgebrauch das althergebrachte &#8222;modern&#8220; erg\u00e4nzen kann.<br>Im Dienste des &#8222;modern seins&#8220; verkaufen wir jedoch unsere Authentizit\u00e4t. Das schicksal des Authentischen war es schon immer, nie gleichwertig mit dem &#8222;modernen&#8220; Lebensstil zu sein. Das authentische galt immer als altbacken und wurde somit bel\u00e4chelt. Auch wenn, wir immer beteuern, wie wertvoll das einfache, simple, althergebrachte, authentische ist, wollen wir nie zu ihm stehen. Aber wenn man es geschickt zu nutzen weiss, verleiht es der Moderne &#8211; die gerne unter ihrer eigenen Oberfl\u00e4chlichkeit leidet &#8211; &#8222;Profil&#8220; und &#8222;Attraktivit\u00e4t&#8220;. Das heisst: &#8222;das urspr\u00fcngliche, einfache, harte Leben und alles, was es an G\u00fctern in seinem Archiv f\u00fcr uns bereit h\u00e4lt, kann ausgebeutet werden und auf Social Media als Attribut pr\u00e4sentiert werden: deine exotische Familie und deine Vorfahren, aus dem eurasischen Raum, oder aus dem arabischen. Je authentischer desto besser: deine Oma in ihrer traditionellen Tracht &#8211; egal wo sie herkommt: S\u00fcdamerika, Nordafrika, Afrika, oder Niederbayern, whatever&#8230;alles, was nicht &#8222;modern&#8220; im Sinne des Europ\u00e4ischen, oder Westlichen ist. Das ist die Farbe, die wir brauchen. Das ist das wahre Leben. Das sind unsere Roots, aber wir verdienen unser Geld als Influencer*in auf Youtube, oder als Model, oder als Pop-Musiker*in und haben das Gl\u00fcck, das ein Teil unserer Familie aus der l\u00e4ndlichen Region, einem Drittwelt-, oder Schwellenland kommt. Denn: das l\u00e4sst sich jetzt richtig gut verkaufen.<br>Ich verkaufe hingegen gerne die L\u00fcge an sich. Die L\u00fcge, die sich seit dem 18. Jhd. durchsetzte &#8211; angefangen mit der Idealisierung des griechisch-r\u00f6mischen Kultur- und Kunstsegments. Dabei waren es nun tats\u00e4chlich die Nachfahren der ehemaligen germanischen, gallischen und keltischen Barbaren, n\u00e4mlich die deutschen, franz\u00f6sischen und englischen Wissenschaftler*innen und Antikenliebhaber*innen, die sich ihrerseits nun alles antike R\u00f6mische und Griechische aneigneten, es teilweise verhunzten, oder aber ins unermessliche hochstilisierten, um daraus eine stumpfe Identit\u00e4re Masse an Ekklektizismen zu formen, die sich dann erst ab den 90er Jahren dieses Jahrhunderts mit Hilfe von gewissenhaften Wissenschaftler*innen schafften, sich zu emanzipieren und wieder organisch zu werden.<br>Genauso geschieht es nun mit all dem, was bisher als Abschaum galt: das musikalische, k\u00fcnstlerische und kulturelle Erbe der l\u00e4ndlichen Bev\u00f6lkerung des S\u00fcdens und des Ostens. Es wird jetzt richtig Hip und als &#8222;psychedelic&#8220; bezeichnet. Psychedelic wahrscheinlich deswegen, weil das &#8222;weisse&#8220; Bewusstsein nichts anderem als seiner eigene kulturellen Welt eine gewisse &#8222;Komplexit\u00e4t&#8220; zutraut. Somit muss die Komplexit\u00e4t einer origin\u00e4ren, bisher als minderwertig befundenen Kultur von Regionen, wie zum Beispiel Anatolien, dem Balkan, oder des Nahen Ostens, oder whatever aus einer urnat\u00fcrlichen mystischen Psychedelik entstanden sein, denn eine rational erkl\u00e4rbare kulturgeschichtliche Entwicklung die durch die dortigen Menschen entstand, ist ja eigentlich gar nicht denkbar.<br>Diesem Gesinnungsdiktat ordnen sich nun leider alle unter. Auch die Menschen dieser Regionen selber &#8211; vor allem aber die, die in 3. oder 4. Generation im westen Leben und bisher wenig N\u00e4he zu ihren &#8222;Roots&#8220; (wie sie es selber nennen) hatten. Nun, da diese Form der Authentizit\u00e4t wieder Hip ist, begeben sie sich auf eine \u00f6ffentlich zur Schau gestellten Reise zur\u00fcck. Sie lernen t\u00fcrkisch, kurdisch, arabisch, etc. und singen Volkslieder in ihrem gebrochenen West-akzent. Es wird nun gepl\u00fcndert und exhibitionistisch zur Schau gestellt, was man nur an &#8222;Authentischem&#8220; finden kann und somit werden neue L\u00fcgen erzeugt. Im Grunde werden pseudo-authentische Selbstbilder verkauft, die je nach Wunsch mit Attributen geschm\u00fcckt werden. Die L\u00fcge wird immer wieder neu erfunden.<br>Und genau die verkaufe ich! Denn das ist meiner Meinung nach Legitim. Also nicht das Authentische an sich, sonder die L\u00fcgen, den Kitsch, den Trash der seit Jahrhunderten zur Befriedigung der menschlichen Selbstsucht entstanden sind..<br>Deswegen l\u00fcge ich auch gerne \u00fcber mich selbst. Die Frage \u00fcber meine Herkunft, wird grunds\u00e4tzlich immer mit einer unversch\u00e4mten L\u00fcge beantwortet. Dabei spielt es kaum eine Rolle, ob der oder die Fragende die gelogene Antwort schluckt oder nicht. Ich L\u00fcge dabei so plump, unverfroren und schamlos, dass er\/sie emp\u00f6rt von dannen zieht und sich \u00fcber meine mangelnde Authentitzit\u00e4t und Unehrlichkeit beschwert und schlecht \u00fcber mich redet.<br>So muss das sein!<br>So gef\u00e4llt mir das!<br>Irgendwann begegnet man sich hoffentlich wieder und erkennt, dass das Leben ein einziges Schauspiel ist und man seine Rolle und damit seine Identit\u00e4t immer selbst entwerfen kann &#8211; jeden Tag aufs neue.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Authentizit\u00e4t? Die Herkunft? Die Roots? Und damit einhergehend die Markierung akzeptieren und als Auszeichnung auf der Brust tragen? &#8222;Ah ein stolzer Exot!&#8220;.Oder eher die L\u00fcge, die diesseits wie jenseits daraus produziert wurde und immer noch wird? 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