{"id":2333,"date":"2023-05-09T10:17:53","date_gmt":"2023-05-09T10:17:53","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=2333"},"modified":"2023-05-11T07:16:32","modified_gmt":"2023-05-11T07:16:32","slug":"dimitri","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=2333","title":{"rendered":"Dimitri"},"content":{"rendered":"<p>Es war kurz nach Mitternacht. Im Sommer scharten sich die Besucher*innen vor dem Laden und Dimitri war gerade dabei, mit einem Besen Glasscherben vor dem Eingang wegzukehren. Pl\u00f6tzlich stand da wieder so ein Gaffer. Dimitri kannte dieses Gef\u00fchl nur zu gut. Er hasste es, wenn er w\u00e4hrend der Nachtarbeit im Laden von wildfremden Menschen beobachtet wurde, aber das brachte der Job eben mit sich. Es war ein ungew\u00f6hnlicher Ort, den sie geschaffen hatten, in einem Viertel, von dem man eine solche B\u00fchne nicht erwartete. Sie hatten die glorreiche Idee gehabt, aus einem ehemaligen pal\u00e4stinensichen Supermarkt einen Kultort zu erschaffen. Nach anf\u00e4nglichem rumgen\u00e4sele rannten die Leute ihnen die Bude ein und erg\u00f6tzten sich an der neuen Undergroundlocation im Hauptbahnhoftrash.<br \/>\nDimitri war die eine H\u00e4lfte des Betreiberduos, dass sich keine Betriebsleitung leisten konnte. Also machten Dimitri und Ulrich alles selber. Sie waren von fr\u00fch bis sp\u00e4t anzutreffen und liessen ganz unelit\u00e4r alles auf die B\u00fchne, was sich halbwegs zu benehmen wu\u00dfte und das kam gut an.<br \/>\nDer Ort weckte Neugierde. Sie hatten aus einem leeren Supermarkt eine Weggehoase geschaffen, einen Kultort mitten im mehrheitsb\u00fcrgerschaftlichen &#8222;Nichts&#8220;. Also waren sie fortan die Helden all dieser Menschen, die in dieser konservativen Stadt genau solche Orte mit dem Fernrohr suchten. Genau diese Menschen projezierten jedoch schon auch mal gerne ihre privaten Sehns\u00fcchte in Personen, die ihnen daf\u00fcr geeignet erschienen.<br \/>\nUnd da kam es eben auch oft genug vor, dass man angegafft wurde. Aber dieser Typ hier war besonders hartn\u00e4ckig. Er schlich um Dimitri herum und ma\u00df ihn von oben bis unten mit achtsamem Blick. Dabei wirkte er durchgehend, als w\u00fcrde eine erl\u00f6sende Bemerkung oder Frage jeden Moment aus dem Mund purzeln. Es geschah aber nichts.<br \/>\nIrgendwann hielt Dimitri es nicht mehr aus, wandte sich seinem \u00e4u\u00dferst neugierigen Gast zu und fragte ihn h\u00f6flich, ob er ihm behilflich sein k\u00f6nne. Der Gaffer musterte ihn zun\u00e4chst mit einem \u00fcberheblich stoischen Blick. Dann rundete er diesen in ein kindliches L\u00e4cheln ab und fragte nach kurzem z\u00f6gern: &#8222;Betreibst du diesen Laden hier?&#8220;. Dimitri antwortete, dass er nicht alleine w\u00e4re, ein ganzes Kollektiv sich die Arbeit teilte und dass dies alles sonst niemals m\u00f6glich geworden w\u00e4re.<br \/>\nDas war nichts weiter, als eine ehrliche Antwort auf eine ehrliche Frage. Bis dahin war noch nichts aussergew\u00f6hnliches passiert. Der mystische Gast baute die Fragerunde jedoch noch weiter aus. Er betrachtete Dimitri mit wohlwollendem Blick und lie\u00df dann in einem gem\u00e4\u00dfigten Fernsehmoderatorenton diese Salve los: &#8222;Ich wei\u00df mehr \u00fcber dich, als du dir denken kannst&#8220;.<br \/>\nDimitri war damals leicht reizbar. Das lag daran, dass er meist schon tags\u00fcber ein enormes Arbeitspensum hinter sich brachte, bis es dann in die Nachtschicht ging. Eigentlich wollte er in aller Ruhe seine Arbeit fertig kriegen und hatte \u00fcberhaupt gar keinen Nerv f\u00fcr genau diese Sorte von Schlaumeier. Der kam ihm in seiner v\u00f6llig \u00fcberzogenen Arroganz genau richtig. In solchen F\u00e4llen konnte der kr\u00e4ftig gebaute Grieche schon mal ekelhaft werden. Nun freute er sich aber regelrecht darauf, seine aufgestauten Energien auf diesen aufgeblasenen, ahnungslosen Schn\u00f6sel loszulassen. &#8222;Ach interessant!&#8220;, erwiderte er nun, indem er mit dem ausgestreckten Arm seinen Besen am Stil festhielt, &#8222;dann bin ich aber mal gespannt. Was weisst du denn so \u00fcber mich?&#8220;.<br \/>\nEin Schmunzeln kr\u00fcmmte die Lippen seines Gegen\u00fcbers, das nur so triefte vor Genugtuung und Selbstzufriedenheit. Er neigte sich zu Dimitri her\u00fcber, ergriff seine Schulter, als w\u00e4re er sein Geselle und wollte ihm gerade etwas ins Ohr fl\u00fcstern, als dieser seine Hand von seinem K\u00f6rper streifte und ihn bat, ihm seine Mitteilung ohne K\u00f6rperkontakt zu machen. Das war n\u00e4mlich ein weiterer Nachteil dieser Arbeit: Man war leicht zug\u00e4nglich &#8211; auch k\u00f6rperlich. Die Hemmschwelle der Menschen sinkt zu fortgeschrittener Stunde sehr schnell, wenn sie meinen, eine emotionale N\u00e4he\u00a0 entwickeln zu m\u00fcssen &#8211; vor allem, wenn Alkohol im Spiel ist. Deswegen war Dimitri auf solcherlei gut gemeinte K\u00f6rperlichkeiten geeicht.<br \/>\nDie br\u00fcske Art liess die vermeintlich selbstsichere Fassade leicht br\u00f6ckeln. Der Abgewiesene setzte leicht zur\u00fcck, aber an seiner selbstgef\u00e4lligen Haltung hatte sich nichts ge\u00e4ndert. Nun schien er etwas emp\u00f6rt, liess aber noch einmal Gnade walten und meinte in einem anerkennenden Tonfall: &#8222;Ich weiss es. Du bist ein Sozialist! Stimmts?&#8220;<br \/>\nDas \u00fcberforderte den guten Dimitri im \u00fcberma\u00df. Er war tats\u00e4chlich in einer linken Familie gro\u00dfgeworden. Sein Vater, der Zeit seines Lebens gro\u00dfen Einflu\u00df auf ihn hatte,\u00a0 war aber mit der Zeit von einem revolution\u00e4ren Sozialisten zu einem konservativen Sozialdemokraten mutiert, was Dimitri aus Liebe zur Familie wohlgesinnt hingenommen und ihm l\u00e4ngst verziehen hatte. Er war tats\u00e4chlich seit fr\u00fcher Kindheit auf Demonstrationen auf der Stra\u00dfe sozialisiert worden. Seine Eltern waren aktiv in linken Vereinen. Die Internationale war sein Wiegenlied gewesen. Er hegte\u00a0der politischen Linken geben\u00fcber zwar gro\u00dfe Sympathien, aber im Zuge seiner pers\u00f6nlichen Entwicklung hatte er sich irgendwann einmal daf\u00fcr entschieden, sich von politischen Dogmen fernzuhalten. Dar\u00fcber redete er nur sehr ungerne &#8211; wenn, dann nur in engstem Kreise.<br \/>\nDimitri hatte sich im Zuge seines Existenzkampfes in Deutschland ein halbwegs zufriedenstellendes Portfolio an schauspielerischen F\u00e4higkeiten angeeignet und nutzte jetzt die \u00dcbertreibung als Stimittel, um seinem Gegen\u00fcber das affektierte Selbstbild wegzublasen: &#8222;Sozialist? Ich? Sag mal wie kommst du denn auf so einen Schei\u00df? Das was ich mache hat mit Sozialismus nichts zu tun. Wenn, dann k\u00f6nntest du mich eventuell einen Anarchisten nennen, aber das auch nur eventuell. Ich habe mit -ismen nichts am Hut, mach hier nur meinen selbstgeschaffenen Job, weil ich keine Lust habe irgendwo angestellt zu sein. Die Sozialisten k\u00f6nnen mir mal den Buckel runterrutschen!&#8220;.<br \/>\nDaraufhin verzog der neugierige Gaffer sein Gesicht und legte eine betroffene Miene auf. Scheinbar hatten Dimitris Worte ins Schwarze getroffen: er hatte einem Sozi-Romantiker die Illusion zerst\u00f6rt. Der im Kopf geschaffene Held hatte sich schon in der ersten Szene des Films selbst in die Luft gesprengt, ohne Spannungsbogen, ohne Nervenkitzel, ohne happy End &#8211; lediglich ein Showdown und der kam viel zu fr\u00fch.<br \/>\nMit klagendem Ton wimmerte er nun: &#8222;Ach komm. Sozialismus ist doch gut. Was willst du denn?&#8220;<br \/>\nDamit hatte er Dimitris Hutschnur endg\u00fcltig zum reissen gebracht. Das machte ihn agil. Er lspiegelte nun das Verhalten seines Gegen\u00fcbers, schritt seinerseits um diesen herum und beobachtete ihn aufmerksam von Kopfscheitel bis zur Fu\u00dfsohle, fast schon wie ein Raubtier, das vor dem letzten Todessto\u00df noch einmal um sein Opfer kreist: &#8222;Ohoo, du bist ja richtig getroffen, wie es scheint? Ja bist du denn ein Sozialist? Siehst gar nicht aus, wie einer.&#8220; Er betrachtete sein gegen\u00fcber jetzt ganz genau: Markenoutdoorklamotten, Systemtextilien&#8230;mitten im Sommer&#8230;der Typ sah aus, als w\u00e4re er direkt von einer Fernreisemesse gekommen. Sowas konnte sich nicht jeder leisten, schon gar keine idealistischen Sozialisten.<br \/>\nDimitri schnorrte sich einen Drehtabak von jemandem um ihn und w\u00e4hrend er anfing, sich eine zu drehen setzte er zum Vergeltungsschlag an: &#8222;Jetzt werde ich dir mal etwas \u00fcber dich erz\u00e4hlen, mein bester. Ich weiss n\u00e4mlich auch mehr \u00fcber dich, als dir recht ist&#8220;, bl\u00f6kte er ihm ins Gesicht.<br \/>\n&#8222;Wieso? Was weisst du denn \u00fcber mich?&#8220; fragte dieser \u00fcberrascht.<br \/>\nDimitri positionierte sich in aller Ruhe vor seinem Reizobjekt und nahm beh\u00e4big seinen Besenstil in die Schlaufe seines rechten Ellenbogens. In der Zwischenzeit hatten sich ein paar Passant*innen um sie gestellt und wunderten sich \u00fcber diesen sonderbaren Schlagabtausch.<br \/>\nDann, nach ein paar Sekunden, die z\u00e4h dahinflossen, wie geschmolzener Stahl, zog Dimitri an seiner selbstgedrehten Zigarette und fragte mit naiv interessiertem Blick und h\u00e4mischer Stimme: &#8222;Du bist Maschineningenieur, stimmts? Und du arbeitest&#8230;bei BMW? Na?&#8220;<br \/>\nEs machte sich eine betretene Stille breit. Der Gesichtsausdruck des Gaffers war jetzt wie eingefroren, so erstaunt war er: &#8222;Ja, das stimmt. Woher weisst du das?&#8220;. Robin Hood hatte mit seiner Menschenkenntnis den im Schwarzen steckenden Pfeil seines Widersachers mit seinem eigenen gespalten.<br \/>\n&#8222;Du riechst f\u00f6rmlich danach&#8220;, erwiderte Dimitri mit einer ruhigen Stimme, deren triumphaler unterton nicht zu \u00fcberh\u00f6ren war. Das sorgte f\u00fcr Lacher bei den umstehenden. Die Selbstgef\u00e4lligkeit des Gaffers war somit umgehend dahin. Allen ernstes schien er sich &#8211; als gl\u00fchender Sozialist, als den er sich wohl im tiefsten seines Wesens sah &#8211; f\u00fcr seinen guten Job zu sch\u00e4men, denn er murmelte schwer verst\u00e4ndlich vor sich hin und es klang so, als w\u00fcrde er versuchen, sich daf\u00fcr zu rechtfertigen.<br \/>\nDas schrie nach einem Knock Out! Dimitri neigte seinen Kopf in die Schr\u00e4ge, legte einen tiefernsten Gesichtsausdruck an und fauchte: &#8222;Mein Lieber, du kannst gerne da reingehen und dich am\u00fcsieren, dich an unserem erlesenen B\u00fchnenprogramm erfreuen, dein Geld an unserer gut ausgestatteten Bar ausgeben, alles, was du willst kannst du hier tun, solange du dich anst\u00e4ndig benimmst. Du bist ein gutbezahlter Maschineningenieur bei BMW. Das ist sicher nicht der schlechteste Beruf. Steh zu ihm, aber erz\u00e4hl mir hier bitte keine M\u00e4rchen vom Sozialismus&#8220;.<br \/>\nDaraufhin nahm er seinen Besen und seine M\u00fcllt\u00fcte, verstaute sie hinter der T\u00fcr und verschwand in seiner kulturellen Zwischennutzung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war kurz nach Mitternacht. Im Sommer scharten sich die Besucher*innen vor dem Laden und Dimitri war gerade dabei, mit einem Besen Glasscherben vor dem Eingang wegzukehren. Pl\u00f6tzlich stand da wieder so ein Gaffer. 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