{"id":2202,"date":"2021-11-02T09:07:50","date_gmt":"2021-11-02T09:07:50","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=2202"},"modified":"2021-11-02T09:41:18","modified_gmt":"2021-11-02T09:41:18","slug":"der-vater-allen-uebels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=2202","title":{"rendered":"&#8222;Der Vater allen \u00dcbels&#8220; &#8211; Gedanken zum Umgang Deutschlands mit seiner gesellschaftlichen Vielfalt"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif;\">Vor 60 Jahren wurde das Anwerbeabkommen mit der T\u00fcrei unterzeichnet, in dessen Zuge hunderttausende Menschen mit Arbeitsvertr\u00e4gen in der Tasche nach Deutschland kamen. Die meisten von ihnen kamen am Gleis 11 in M\u00fcnchen an und wurden von dort weiterverteilt an ihre Arbeitsst\u00e4tten in ganz Deutschland.<\/span><\/p>\n<p>Vielleicht werden sich einige von Euch erinnern: Im Jahr 2018 kam es zu gewaltsamen rechtsradikalen Ausschreitungen in Chemnitz. Der aktuell noch amtierende Heimat- und Innenminster hatte in der Folge eine lange Zeit geschwiegen. Es war die Zeit, als er noch seinen 69. Geburtstag mit 69 Abschiebungen von asylsuchenden Afghan*innen feierte.<\/p>\n<p>Ich hatte mir von ihm damals sowieso kein besonders relevantes Statement bez\u00fcglich dieser Thematik erwartet.<\/p>\n<p>Ich sollte mich leider irren!<\/p>\n<p>Nach einer endlos scheinenden Zeit des Schweigens gab er dann schlie\u00dflich folgendes Zitat von sich: \u201eDie Migration ist die Mutter allen \u00dcbels\u201c.<\/p>\n<p>Ich versp\u00fcrte f\u00fcr kurze Zeit den Ansatz einer Best\u00fcrzung, doch sie wandelte sich umgehend um in eine schwer zu b\u00e4ndigende Wut.<\/p>\n<p>Ich wurde w\u00fctend, weil ich die Sinneshaltung, die dieser Satz wiederspiegelt seit sehr langer Zeit sehr genau kenne. Ich weiss, wieviel Ignoranz in ihm steckt,<br \/>\nEinfalt, Unwissen und Bewusstseinsmangel.<\/p>\n<p>Die Opfer-T\u00e4ter-Umkehrung, die hier stattfand ist nur ein Nebeneffekt.<\/p>\n<p>Diese Sinneshaltung kennt nur die Endresultate kultureller Entwicklungen und feiert sich daf\u00fcr in der Jetztzeit selber. Sie wird in einem elit\u00e4ren, b\u00fcrgerlichen Millieu gelebt, dass sich auf die Errungenschaften des Humanismus beruft. Solche Menschen schliessen humanistische Gymnasien ab und wachsen auf mit den Dichter*innen und Denker*innen der Aufkl\u00e4rung, garnieren ihre Bildungserfahrung mit griechischer und r\u00f6mischer Mythologie. Sie Berufen sich auf die klassische Antike, sie Identifizieren sich mit ihr. Daher auch der Begriff der Mutter allen \u00dcbels, der ja direkt der griechischen Mythologie entnommen ist: er bezeichnet im Grunde die mythische Gestalt der Pandora, die erste Frau auf Erden, entstanden aus der List der eifers\u00fcchtigen G\u00f6tt*innen, die den Menschen in einer B\u00fcchse alle gro\u00dfen \u00dcbel und Schlechtigkeiten gebracht haben soll. Das ist ein uraltes toxisches Frauenbild, dessen sich der Innenminister hier bedient. Das nur am Rande bemerkt.<\/p>\n<p>Besagte Sinneshaltung hat Schwierigkeiten damit, die Grundlagen ihrer historischen Identit\u00e4t mit ihrer gegenw\u00e4rtigen Situation zu verkn\u00fcpfen. Denn wenn sie dies tun w\u00fcrde, dann w\u00fcrde der Innenminister dieses Landes wissen:<\/p>\n<p>dass es ohne die Migration die Renaissance nie gegeben h\u00e4tte.<br \/>\ndass es ohne sie die griechische Kolonisation und die Gr\u00fcndungen griechischer Stadtstaaten nie gegeben h\u00e4tte,<br \/>\ndass es ohne Migration weder die Seidenstrasse, noch die Gew\u00fcrzstrasse gegeben h\u00e4tte,<br \/>\ndass es ohne Migration auch keine Handelskultur geben h\u00e4tte k\u00f6nnen, auf der bekanntlich die Idee des Wirtschaftsliberalismus fusst.<br \/>\ndass es die Migration war, die unter anderem auch die Musikkultur \u00fcber den Globus transportiert und somit ihre st\u00e4ndige Weiterentwicklung vorangetrieben hat.<br \/>\ndass es ohne die Migration von deutschen Wirtschaftsmigrant*innen zum Beispiel einen wesentlichen Teil der Neuen Welt, wie wir sie heute kennen, nicht gegeben h\u00e4tte.<br \/>\nUnd das sind nur einige wenige Beispiele. Die Liste l\u00e4sst sich unendlich lang fortsetzen.<br \/>\nEin Mensch, der einen bestimmten Bildungsstand aufweist m\u00fcsste deswegen eigentlich wissen, dass die Migration nicht die Mutter allen \u00dcbels, sondern vielmehr der Ursprung jeglicher Kultur auf dieser Welt ist.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte mich damit begn\u00fcgen den Herrn Innenminister und \u00c4hnlichgesinnte auf diese Kette von Wissensl\u00fccken hinzuweisen und mich zuversichtlich der gemeinsamen vielf\u00e4ltigen Zukunft in Deutschland zuwenden (die unausweichlich kommen wird!).<\/p>\n<p>&#8230;wenn da nicht so schicksalshafte Ortsnamen w\u00e4ren, die mich tagt\u00e4glich begleiten: Rostock\/Lichtenhagen, M\u00f6lln, Solingen, wenn der NSU Komplex und unz\u00e4hlige andere rechtsradikale gewaltvolle \u00dcbergriffe auf Menschen mit Migrationshintergrund nicht gewesen w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Im Lichte all dieser historischen Realit\u00e4ten dieses Landes kann ich mich leider nicht mit einer W\u00fcrdigung der Leistungen all dieser Menschen begn\u00fcgen, die vor fast 60 Jahren hier am Gleis 11 am M\u00fcnchner Hauptbahnhof ankamen, ihre Leben hier aufbauten, unglaubliches leisteten unter einem enormen gesellschaftlichen Druck und einer enormen Leistungserwartung, im Schatten t\u00e4glicher Diskriminierungen und Segregation.<\/p>\n<p>Menschen, die seit Generationen zum grossteil in Schichtarbeit und oft auch in mehreren parallel laufenden Jobs ihre Existenz hart erarbeiten, ihre Steuern zahlen, ihren wirtschaftlichen und kulturellen Betrag leisten in dieser Gesellschaft.<\/p>\n<p>&#8230;sich aber gleichzeitig um die Bildung ihrer Kinder sorgen mussten, weil sie jeden Tag ihrer Benachteiligung und Diskriminierung Zeuge wurden, in einer Gesellschaft, die nach 60 Jahren erst Ansatzweise in der Lage ist, damit zu Beginnen, die Potentiale von Menschen mit vielf\u00e4ltigen Sprach-, Lebens- und Gesellschaftserfahrungen zu nutzen, einzusehen, dass diese Menschen seit Jahrzehnten mit Haut, Haaren, Leib und Seele hierher geh\u00f6ren, dass sie die Gesellschaft und auch das Wesen Deutschlands mitgestalten und mitentwickeln.<\/p>\n<p>Nein ich kann mich nicht damit begn\u00fcgen, dies alles festzustellen und uns allen ins Bewu\u00dftsein zu rufen.<\/p>\n<p>Ich mu\u00df leider einen Schritt weiter gehen:<\/p>\n<p>F\u00fcr mich stellten die besagten Worte des Innenministers der Bundesrepublik Deutschland nicht nur einen dreisten Diskriminierungsversuch dar, den ich in gewohnter Manier mit dem Handr\u00fccken vom Tisch fegen k\u00f6nnte. Nein! Diese Worte empfand ich als eine Drohung!<\/p>\n<p>Nicht f\u00fcr mich. Plumpe Drohungen machen mir schon lange keine Angst mehr. Ich hatte keine Angst um mich.<\/p>\n<p>Ich hatte Angst um unsere Kinder, unsere \u00c4lteren, unsere Familien, unser aller friedliches Zusammenleben. Darum habe ich mich gesorgt. Ich habe ein wesentliches Bed\u00fcrfnis empfunden, das vielen Menschen in sehr hohen politischen Positionen in diesem Land zu fehlen scheint: Verantwortung f\u00fcr diese Gesellschaft.<\/p>\n<p>Und es machte mich W\u00fctend, denn ich war mir leider dessen Bewusst, dass auf solche Worte Taten folgen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Und es folgten Taten.<\/p>\n<p>Es wurden junge unschuldige Menschen in Hanau aus dem Leben gerissen. Auch in Halle, wo eine Synagoge bei hellichtem Tag unverfroren angefriffen wurde. Ein Politiker in Kassel musste sein Leben lassen.<\/p>\n<p>Dessen allen m\u00fcssen wir uns Bewusst sein, wenn wir an dem heutigen Tag dem Anwerbeabkommen mit der T\u00fcrkei gedenken, wenn wir uns \u00fcber das Ph\u00e4nomen der Arbeitsmigration im Allgemeinen Gedanken machen.<\/p>\n<p>Ich f\u00fcr meine Person schaffe den Sprung von der Opferposition herauf auf B\u00fchnen und vor Mikrophone, bin einigermassen sicht-, -les und h\u00f6rbar. Abertausende schaffen diesen Sprung nicht. All diesen Menschen will ich hier ein Sprachrohr sein: ihr seid nicht allein! Ihr werdet anerkannt! Ihr seid wichtig und ihr geh\u00f6rt hierher!<\/p>\n<p>Aber die Wut und das Unverst\u00e4ndnis alleine hilft nicht. Auch die gutgemeinte politische Geste hilft nicht. Worte helfen auch nicht.<\/p>\n<p>Das einzige was hilft, ist der ehrliche, aufrichtige Wille, sich gegenseitig in erster Linie als Menschen an zu erkennen. Das ist die Grundlage aus der auch ehrliche Solidarit\u00e4t erwachsen kann. Wohlgemerkt: hier geht es nicht um N\u00e4chstenliebe! Es geht viel mehr um die Dringlichkeit und den Willen, eine zukunftsf\u00e4hige Gesellschaft zu formen, in der wir kein einziges Potential verschwenderisch unserem gleichmut opfern und somit vergeuden, denn das k\u00f6nnen wir uns nicht leisten.<\/p>\n<p>Wir sind Menschen. Wir sind einzigartig! Wir haben vieles erschaffen, aber nochmal soviel bedenkenlos zerst\u00f6rt. Wir tragen Verantwortung f\u00fcr unseren Lebensraum und k\u00f6nnen diese nicht abgeben. Auch nicht an Gott! Wir Schulden unseren folgenden Generationen einen wundersch\u00f6nen, lebenswerten Planeten!<\/p>\n<p>Unsere W\u00fcrde verlangt es uns ab, dass wir uns dessen Bewusst sind &#8211; und zwar in jeder Sekunde, die wir Leben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 60 Jahren wurde das Anwerbeabkommen mit der T\u00fcrei unterzeichnet, in dessen Zuge hunderttausende Menschen mit Arbeitsvertr\u00e4gen in der Tasche nach Deutschland kamen. 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