{"id":2158,"date":"2021-05-15T12:27:18","date_gmt":"2021-05-15T12:27:18","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=2158"},"modified":"2021-05-17T08:57:28","modified_gmt":"2021-05-17T08:57:28","slug":"die-unerklaerliche-leichtigkeit-der-hartnaeckigen-empoerung-ueber-antisemitismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=2158","title":{"rendered":"Die unerkl\u00e4rliche Leichtigkeit der hartn\u00e4ckigen Emp\u00f6rung \u00fcber Antisemitismus auf deutschem Boden."},"content":{"rendered":"<p>Menschen mit tunesischen, t\u00fcrkischen und pal\u00e4stinensischen Fahnen schreien vor Synagogen in Deutschland antisemitische Parolen. Sie &#8211; diejenigen, die in einem &#8222;wei\u00dfen&#8220; Europa zur gesellschaftlich benachteiligten Schicht geh\u00f6ren, haben sich nun auf einem Pr\u00e4sentierteller bereitgestellt, um den rechten Agitator*innen als h\u00e4ssliche Blitzableiter zu dienen. Somit werden gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen:<\/p>\n<p>1. Man muss den Antisemitismus gar nicht mehr selber betreiben, sondern l\u00e4sst die Drecksarbeit von den unteren Schichten erledigen, die man selber auf Grund ihrer ethnischen Herkunft ebenfalls rassistisch segregiert.<\/p>\n<p>2. Man kann nun wieder einmal getrost mit dem Finger auf die &#8222;b\u00f6sen Moslems&#8220; zeigen und sich verlogen als Angeh\u00f6rige der &#8222;j\u00fcdisch-christlichen&#8220; Kultur oberfl\u00e4chlich auf die vermeintlich richtige Seite schlagen, um politisch gut da zu stehen.<\/p>\n<p>Damit kreuzen sich wieder einmal die Wege von radikalen Moslems und faschistischen Kolonialromantiker*innen, so wie es schon oft der Fall war: so zum Beispiel im ersten Weltkrieg, als beide Kriegsparteien versuchten, die Muslime im Dienst der eigenen Allmachtsphantasien zu rekrutieren. Man errinere sich an die Allianz des deutschen Kaiserreichs mit den damals sich im osmanischen Reich hochputschenden Nationalisten, die beide der glorreichen Idee verfielen, einen Dschihad gegen die gemeinsamen Feinde durch den amtierenden Kalifen (muslimisches Religionsoberhaupt) ausrufen zu lassen. Der Einflu\u00df dieses Mannes auf die muslimische Welt war jedoch von bescheidenem Ausma\u00df, wie sich herausstellte.<\/p>\n<p>Denn den pragmatisch agierenden und wesentlich effektiver arbeitenden Geheimdiensten des Feindes viel es leicht, dieses strategische Man\u00f6ver zu parieren. Bald konnten sie &#8211; durch die zugegebenerma\u00dfen geniale Spionage und Agitation von Leuten wie Lawrence von Arabien und Gertrude Bell &#8211; die arabischen V\u00f6lker wesentlich schneller im Zuge von heuchlerischen &#8222;Freiheits- und Unabh\u00e4nigkeitsversprechen&#8220; auf ihre Seite bringen und den Krieg f\u00fcr sich entscheiden.<\/p>\n<p>Das Resultat liegt als permanente Wunde offen dar: Willk\u00fcrlich gezogene Grenzen, die im Sinne von \u00d6lkonzernen und imperialistischen Phantasien entstanden, ein respektloser Umgang mit den kulturellen und territorialen Anspr\u00fcchen der angestammten Bev\u00f6lkerung vom Nahen Osten bis zum Hindukusch, wirtschalftliche Abh\u00e4ngigkeit und Autonomieverlust der jungen Nationen in der gesamten Region, die systematische Pl\u00fcnderung der Bodensch\u00e4tze und des kultuellen Erbes, daraus resultierend eine nicht mehr enden wollende Spirale der Gewalt, Mi\u00dfgunst und Unmenschlichkeit. Am allerschlimmsten jedoch wiegt die Stigmatisierung von Millionen Menschen als Angeh\u00f6rige einer &#8222;gewaltverherrlichenden und unmenschlichen Kultur&#8220;.<\/p>\n<p>Der Nahe Osten ist nicht das Zentrum von Krieg und Gewalt. Er ist die Wiege unserer Zivilisation! Die Systematik der industriellen Kriegsf\u00fchrung stammt aus Europa: Im 2. Weltkrieg werden mitten in Europa 6 Millionen Juden vernichtet, hunderttausende von Muslime wieder f\u00fcr milit\u00e4rische Zwecke rekrutiert und nach erf\u00fcllter Aufgabe in Massen auf den M\u00fcllhaufen der Geschichte geworfen. Man bedenke hier das Schicksal der hunderttausenden auf deutsche Seite \u00fcbergetretenen Muslime, die im 3. Reich f\u00fcr die Wehrmacht gek\u00e4mpft haben und nach dem Maltabkommen dem stalinistischen Regime \u00fcbergeben und somit sauber entsorgt wurden.<\/p>\n<p>Die kl\u00e4glichen \u00dcberreste haben sich vor allem in Deutschland &#8211; protegiert von politisch konservativen Kreisen, unter anderem von Franz Josef Strau\u00df in Bayern &#8211; und im Windschatten der westlichen Geheimpropaganda gegen Russland im kalten Krieg, \u00fcber die Jahre gut organisiert und sind hier zu m\u00e4chtigen Strukturen herangewachsen. Dieses Land wuchs somit zur Drehscheibe radikalislamistischer Strukturen an. Jetzt tut man im rechten Spektrum nat\u00fcrlich so, als w\u00fcsste man von nichts und h\u00e4tte es pl\u00f6tzlich mit einer per se gewaltbasierenden &#8222;fremden&#8220; Kultur zu tun, die hiesige demokratische Stukturen unterwandert. Dies nutzt man zudem ganz pragmatisch als Argument, um steigende Staatsausgaben f\u00fcr\u00a0 Sicherheitsma\u00dfnahmen zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Indessen ging die globale Ausbeutung der Muslime seit je her immer weiter: Al Quaida, Taliban, IS, aber auch ultraradikale islamische Sekten und Verb\u00e4nde wurden oft im Zuge von kurzfristigen und unmenschlichen Geheimstrategien protegiert. Diese Strategien haben sich &#8211; meiner Meinung nach &#8211; schon l\u00e4ngst verselbst\u00e4ndigt. Man hat schlicht und einfach die Kontrolle verloren. Nur eines ist klar: es geht &#8211; exakt wie im 1. Weltkrieg &#8211; langfristig nur um Machtstrategien in der Region, die durch kurzfristige Notma\u00dfnahmen aufrecht erhalten werden &#8211; durchgef\u00fchrt von Interessengemeinschaften und Fraktionen, deren Konstellationen sich jeden Moment ver\u00e4ndern k\u00f6nnen. Milliarden werden in diese redundanten Strategien Jahr f\u00fcr Jahr investiert. \u00d6l- und Gasreserven sind ihre heiligsten G\u00fcter.<\/p>\n<p>Sobald diese versiegt sind, wird die Region wieder fallen gelassen und seinem eigenen Schicksal \u00fcberlassen werden. Bis dem so ist, haben wir dort aber noch einige Jahrzehnte voller Leid und Tod vor uns. Das leidtragende Volk wird so in die Flucht und ins Verderben gest\u00fcrzt und als ob das nicht reichen w\u00fcrde, mu\u00df es daf\u00fcr auch noch mit weiterer Todesgefahr und Elend auf der Flucht und mit jahrzehntelanger Dem\u00fctigung und Unterdr\u00fcckung an ihrem Traumziel in Europa bitter bezahlen. Die Konflikte der Region werden ganz nat\u00fcrlich mitgenommen und in Europa weiter ausgetragen &#8211; das ist genau das, was wir nun auf den Stra\u00dfen Deutschlands erleben. Es zeigt, dass man die Vorg\u00e4nge hier nicht von der Problematik im Nahen Osten separieren kann.<\/p>\n<p>Es ist ein armseliges Schauspiel, dass sich vor unseren Augen ausbreitet: t\u00e4glich wird das V\u00f6lkerreicht auf die heftigste Art und Weise von radikalen j\u00fcdischen Siedlern gebrochen und das pal\u00e4stinensische Volk seit Jahrzehnten unterdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Im Gegenzug dient genau das radikalen faschistischen Strukturen wie der Hamas und anderen islamistischen Organisationen dazu, ihr Machtpotenzial weiter auszubauen, indem sie ihr eigenes Volk r\u00fccksichtslos in das gr\u00f6\u00dfte Leid st\u00fcrzen. Darauf reagieren die nationalistischen Hardliner Israels nur allzu gerne, gedeckt von der befangenen westlichen Welt, die gr\u00f6\u00dfte Ungerechtigkeiten einfach geschehen l\u00e4sst, im bitteren Bewu\u00dftsein ihrer eigenen historischen Schuld den Menschen in der Region gegen\u00fcber. Somit bietet sie den radikalen Kr\u00e4ften auf beiden Seiten Aktionsr\u00e4ume. Weltweit bedienen sich Populist*innen an diesem Konflikt, um ihre stereotypen Feindbilder zu sch\u00e4rfen und zu inszenieren.<\/p>\n<p>Die R\u00fccksichtslosigkeit mit der beide Seiten Tod und Zerst\u00f6rung auf der jeweils anderen Seite im Namen des gleichen Gottes feiern, wie kleine gl\u00fcckselige Kinder, ist zum Kotzen. Ich bin mit diesem Konflikt gro\u00dfgeworden und im Grunde war er f\u00fcr mich der wesentliche Impuls, mich von den abrahamitischen Religionen zu distanzieren, denn ich bin zu tiefst entt\u00e4uscht von ihnen und glaube nicht daran, dass sie zeitgem\u00e4\u00dfe Antworten f\u00fcr die gro\u00dfen Herausforderungen der Menschheit bieten. Das ist meine Ansicht.<\/p>\n<p>Trotzdem g\u00f6nne ich jedem Menschen seine Religion und wende mich gegen jegliche Form der Diskriminierung von Menschen auf Grund von Religion, Herkunft, Hautfarbe, Geschlecht und politischer \u00dcberzeugung.<\/p>\n<p>Ich bin mir nat\u00fcrlich bewu\u00dft, dass dieses Statement mitlerweiler leider zu einem oberfl\u00e4chlichen Lippenbekenntnis verkommen ist, das alle von sich geben, wie G\u00e4nsegeschnatter. Das Resultat dieser Oberfl\u00e4chlichkeit liegt &#8211; insbesondere in Deutschland &#8211; offen auf der Hand: der ewige Antisemitismus macht sich immer noch breit. &#8222;Das Judentum&#8220; als Feindbild ist ein immer noch bestimmendes Bild und wird nun von radikalen muslimischen Kreisen dumm und naiv \u00fcbernommen. Es gibt keine M\u00f6glichkeit des rationalen Diskurses, denn dieser wird durch die Verquickung von Politik und Populismus sabotiert.<\/p>\n<p>Antisemitismus und seine Ausl\u00e4ufer in Form von Verschw\u00f6rungsideologien gegen\u00fcber der j\u00fcdischen Community sind weit verbreitet. In Form von lapidaren Floskeln vernormalisiert sich der Gedanke vom Judentum als Fundament des B\u00f6sen. In vielen Regionen der Welt geh\u00f6rt diese Denke zum g\u00e4ngigen Konsens, der sich durch alle politischen Lager durchzieht. Das ist nicht nur in L\u00e4ndern so, in denen Muslime die dominante religi\u00f6se Gruppe darstellen. Leider lassen diese sich aber am leichtesten Instrumentalisieren, wie wir in den erschreckenden Bildern aus Gelsenkirchen sehen konnten.<\/p>\n<p>Das mu\u00df aufh\u00f6ren: es mu\u00df eine M\u00f6glichkeit geben, den Antisemitismus in muslimischen Gemeinden in Deutschland &#8211; samt ihrer historischen Traditionen &#8211; zu diskutieren. Es mu\u00df aber auch m\u00f6glich sein, die V\u00f6lkerrechtsbr\u00fcche der israelischen Regierung zu kritisieren. Es mu\u00df Wege geben, die heuchlerischen Aktionen von Rechtspopulist*innen zu unterbinden, die sich j\u00fcdischer Symbole bem\u00e4chtigen und sich zu Verteidiger*innen von Menschenrechten stilisieren.<\/p>\n<p>Meine wichtigste Erkenntnis ist jedoch &#8211; wie oben schon angerissen &#8211; diese: Man kann die Vorkommnisse hier und dort nicht unabh\u00e4ngig voneinander verhandeln. Ohne einen fairen und konstruktiven Blick auf globale politische Strukturen wird es keinen R\u00fcckzug von antisemitischen, nationalsozialistischen, rassistischen, aber auch radikalislamistischen Entwicklungen geben &#8211; insbesondere in Europa nicht.<\/p>\n<p>Wir leben faktisch immer noch im 1. Weltkrieg!<\/p>\n<p>Der Nahe Osten ist das Heiligtum der Menschheit. Dort hat sich die Entstehung unserer Zivilisation abgespielt, auf die wir so stolz sind und auf die wir uns st\u00e4ndig berufen. Die W\u00fcrde dieser Region, ist auch unsere, aber wir verkaufen sie auf dem Markt der Unmeschlichkeit f\u00fcr Gas und \u00d6l, f\u00fcr welches wir den Leib unserer Mutter Erde mi\u00dfhandeln und pl\u00fcndern.<\/p>\n<p>Dieser Konflikt zeigt uns in seiner traurigen Dramatik, wie wir unser eigenes Erbe sch\u00e4nden. Wir sind armselige L\u00fcgner*innen, die sich im Schatten eines selbstkreierten Gottes st\u00e4ndig zu Opfern stilisieren, um ihre Gier und ihre Selbssucht vor ihrem eigenen Gewissen rechtfertigen zu k\u00f6nnen, anstatt endlich Verantwortung f\u00fcr das eigene gro\u00dfartige kollektive Erbe zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>Ich sch\u00e4me mich daf\u00fcr. Ich wei\u00df nicht, wie es euch geht?<\/p>\n<p>Meine tiefste Solidarit\u00e4t gilt unseren j\u00fcdischen Mitb\u00fcrger*innen in Deutschland. Insbesondere die BPOC-Gemeinde mu\u00df jetzt mit ihnen stehen!<\/p>\n<p>Triptonious Coltrane.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menschen mit tunesischen, t\u00fcrkischen und pal\u00e4stinensischen Fahnen schreien vor Synagogen in Deutschland antisemitische Parolen. 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