{"id":191,"date":"2012-04-29T10:12:31","date_gmt":"2012-04-29T10:12:31","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=191"},"modified":"2012-05-29T11:33:36","modified_gmt":"2012-05-29T11:33:36","slug":"die-turkei-ist-ein-komischer-planet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=191","title":{"rendered":"There&#8217;s something wrong in Erdo\u01e7ans Paradise"},"content":{"rendered":"<p>Ich befinde mich gerade in einer meiner beiden Heimaten. Der T\u00fcrkei. Meine Eltern stammen von der Schwarzmeerk\u00fcste, ca. 150 Km \u00f6stlich von Istanbul &#8211; ein Ort namens Karasu, direkt an der M\u00fcndung des Flusses Sakarya (antiker Name &#8222;Sangaryos&#8220;) in der gleichnamigen Provinz gelegen.<br \/>\nWen es interessiert, der kann ja auf Goolge Maps mal suchen. Eine recht konservative Kleinstadt direkt am Meer. In Karasu und in dem in der N\u00e4he gelegenen kleinen Fischerdorf Melena\u01e7z\u0131verbrachte ich die ersten vier Jahre meines Lebens. Damals gab es hier noch keine Elektrizit\u00e4t und kein fliessend Wasser. Ich kann mich noch genau erinnern, wie meine Oma mich zu Bett brachte mit einer \u00d6llampe in der Hand, im Ohr habe ich immer noch das Sch\u00fcrfen ihrer leichtf\u00fc\u00dfigen Schritte auf dem groben Dielenboden und das stetige Rauschen des Meeres. Meine Familie hat georgische Abstammung und zu dieser Zeit war georgisch noch die dominante Alltagssprache in manchen Vierteln und D\u00f6rfern der Region. So habe ich als Kind georgisch verstehen gelernt &#8211; zumindest den groben Dialekt, der in meiner Gro\u00dffamilie gesprochen wurde. Sprechen kann ich es leider nicht.<br \/>\nMeine Mutter hat mir dann in M\u00fcnchen w\u00e4hrend meiner Kindergarten- und Grundschulzeit zuhause t\u00fcrkisch beigebracht und nat\u00fcrlich auch &#8211; wie es sich so in einer t\u00fcrkischen Familie geh\u00f6rte &#8211; mir den mythischen t\u00fcrkischen Nationalhelden Kemal Atat\u00fcrk, den ich dann Jahrelang mit verkl\u00e4rtem Blick verehrte. Mein Vater war damals noch Sozialist und in Identit\u00e4tsfragen nicht so aufdringlich und konkret wie meine Mutter. Er hatte jedoch damals noch eine gewisse gesunde Distanz zu den ideologischen Fragen des Lebens, womit sich immer wieder Ern\u00fcchterung einschlich in meine, sich neu formierende Weltsicht.<br \/>\nEr machte sich schon immer \u00fcber die Hodschas und die Muezzine lustig und war auch der erste, der mir eine kritische Haltung gegen\u00fcber Atat\u00fcrk mit auf den Weg gab. Schlie\u00dflich war jener es, der schon damals die Linken im Lande verfolgen lie\u00df.<br \/>\nAtat\u00fcrk war aber auch kein Freund der Hodschas, also des islamischen Klerus. Er tat sein bestes, um die Macht der religi\u00f6sen Kr\u00e4fte im Lande zu schm\u00e4lern. Dazu mu\u00df gesagt werden, da\u00df es zu dieser Zeit &#8211; nach der Abschaffung des Kalifats durch eben denselben Atat\u00fcrk und seiner Reformen &#8211; im Islam keine zentrale leitende Instanz gegeben hat, wie zum Beispiel im Katholizismus der Papst, oder im orthodoxen Christentum den Patriarchen.<br \/>\nAuch waren die Scharen der Gl\u00e4ubigen schon lange vor der Abschaffung des Kalifen,\u00a0 unterteilt in Zugeh\u00f6rigkeiten zu bestimmten Orden, Bruderschaften, Konfessionen etc. etc. etc.. Man kann sich nat\u00fcrlich vorstellen, wie diese Organisationen nach der Schw\u00e4chung und dem Wegfall der osmanischen F\u00fchrungsriege in den ersten 2 Jahrzehnten des 20. Jhd&#8217;s versuchten, das dadurch entstandene Vakuum zu f\u00fcllen.<br \/>\nDiese stetige Unruhe in den religi\u00f6sen Zirkeln und auch die umtriebigen Aktivit\u00e4ten der Linken waren einem disziplinierten Heeresleiter wie Atat\u00fcrk nat\u00fcrlich ein Dorn im Auge. Deswegen wurden diese Kr\u00e4fte mit der Macht, die ihm seine Triumphe als Offizier der osmanischen Armee bei Gallipoli 1916 und w\u00e4hrend des Befreiungskrieges von 1919 &#8211; 1922 einbrachten, einfach weggefegt, ins Exil getrieben, eliminiert etc. und auch diese innenpolitischen Triumphe gegen die &#8222;Spalter&#8220; und die &#8222;Verr\u00e4ter&#8220; in den eigenen Reihen wurden von nun an zu einem wesentlichen Teil seiner Staatspropaganda. Die grausame Zerschlagung des Kurdenaufstandes von Dersim 1936 und die Beschneidung der Minderheitenrechte in den 30&#8217;er Jahren k\u00f6nnen ebenfalls als ungl\u00fcckliche Beispiele einer seitdem \u00fcblichen Despotie in diesem Lande gesehen werden. Vergessen darf man allerdings nicht, dass die Alternative dazu &#8211; im Falle eines Einknickens und einer Schw\u00e4chung des Systems &#8211; die Kolonisierung oder die unbedingte Abh\u00e4ngigkeit des Landes war. Dieses Risiko war Atat\u00fcrk nach all dem Einsatz, den er f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit des Landes geleistet hatte, nat\u00fcrlich nicht bereit einzugehen.<br \/>\nNun holt die Tragik der Geschichte die t\u00fcrkische Republik jedoch auf eine best\u00fcrzende Weise wieder ein. Denn Atat\u00fcrk ist jetzt mal ordentlich &#8222;Out&#8220; und s\u00e4mtliche Errungenschaften der damals jungen, jetzt nicht mehr so jungen, aber immer noch genauso unbeholfenen Demokratie in diesem Lande werden nun, nachdem Tayyip Erdo\u01e7an und seine Kader seit nunmehr fast 10 Jahren am Ruder sind, alle St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck demontiert. In Europa hat man ja eher genau den entgegengesetzten Eindruck: Das Land boomt und entwickelt sich immer mehr zum Stabilisator in der Region, die Demokratie gewinnt an Boden durch Reformen in der Verfassung und die R\u00fcckhaltlose Verfolgung politischer Straft\u00e4ter und und und.<br \/>\nwenn man sich die Entwicklungen jedoch von der N\u00e4he ansieht und auch interne Ansichten ab und an bem\u00fcht, bietet sich da ein anderes Bild. Erdo\u01e7an und sein Kabinett holen sich ihre Stimmanteile in der Bev\u00f6lkerung durch eine teilweise sehr gef\u00e4hrliche bauernschlaue Polemik, die immer auf einer sehr religi\u00f6s-konservativen Basis fu\u00dft. F\u00fcr einen gesunden Diskurs bleibt dabei hinter der allseits dominanten t\u00e4glichen Demagogie und den marktschreierischen Reden der Politiker nicht viel Raum. Da werden in Sonderkommissionen im Parlament \u00fcber Bildungsspezifische Fragen abgestimmt und dabei die stimmberechtigten Abgeordneten der Oppositionsparteien mit k\u00f6rpelicher Gewalt an der Stimmabgabe gehindert; Verfassungs\u00e4nderungen in Pauschalpakete gepackt, in denen sich Gesetzesmodulierungen verstecken, die fast die ganze Jurikative des Landes in die H\u00e4nde der Regierung stellt und noch so einiges, was hinterfragungsw\u00fcrdig w\u00e4re. Hinterfragt darf aber grunds\u00e4tzlich genausowenig werden, wie vor der AKP-Regierung. Hinterfragen ist sowieso eher etwas f\u00fcr Weicheier. Wenn, dann wird gleich Sturm geblasen. Mit Vorliebe gegen Atat\u00fcrk. Der fungiert jetzt als Blitzableiter, auf den man alles abw\u00e4ltzen kann. Er, der gro\u00dfe Nationalheld war schon immer viel zu vision\u00e4r und zu weitblickend, als dass man ihn h\u00e4tte mal so stehen lassen k\u00f6nnen. Stattdessen wurde er durch h\u00e4ssliche Denkm\u00e4ler, B\u00fcste, Masken, Fahnen, durch verkl\u00e4rte Publikationen und kritiklose Huldigung seit Jahrzehnten systematisch sinnentleert und somit eigentlich seiner eigenen Inhalte beraubt. So konnte seine omnipr\u00e4sente Fratze &#8211; eines despotischen D\u00e4mons gleich &#8211; als reines Machtsymbol einer skrupellosen Milit\u00e4rdiktatur mit scheindemokratischem Anstrich benutzt werden. Jetzt wendet sich das Blatt zwar scheinbar, aber im Gunde bleibt der Despotismus bestehen.<br \/>\nS\u00e4mtliche Institutionen im Lande werden nun unterwandert von B\u00fcrokraten, die dem islamistischen Kapital nahestehen. Die Lautsprecher der Muezzine werden lauter gestellt und Br\u00e4uche aus vorrepublikanischer Zeit wieder aufgenommen. Auf dem Land werden Todesmeldungen, die vor Urzeiten eben auch durch die Muezzine vom Minarett ausgerufen wurden und von der der Sal\u00e1 Sure aus dem Koran eingeleitet werden jedesmal vorgenommen, wenn jemand in der Kleinstadt stirbt. Man stelle sich vor: bei einer etwas h\u00f6heren Population erschallt durchschnittlich pro Tag eine Todesmeldung &#8211; Psychoterror!<br \/>\nDer steigende Stimmenanteil, den Erdogans Partei von mal zu mal einheimst, f\u00fchrt dazu, dass die Regierung immer mehr Bereiche der Legislative dominieren kann, Gesetze \u00e4ndern kann und immer freiz\u00fcgiger schalten und walten kann. So hat die Regierung die wichtigsten Gremien der Jurikative in der Hand und kann somit ungeheuren Druck auf oppositionelle Politiker, Medien und auch einzelne Journalisten aus\u00fcben. Momentan sitzen mehr Journalisten im Gef\u00e4ngnis, als je zuvor. Teilweise mit scheinheiligen Begr\u00fcndungen und auch gerne mal \u00fcber zwei Jahre lang in Untersuchungshaft ohne irgendeine Klageschrift.<br \/>\nZwar werden die gr\u00f6\u00dften \u00dcbelt\u00e4ter des Landes, n\u00e4mlich die hochrangigen Offiziere und Gener\u00e4le des Milit\u00e4rs, die die letzten gro\u00dfen Putschvorg\u00e4nge und auch den milit\u00e4rischen Terror im Lande zu verantworten haben, vor Gericht gezerrt und f\u00fcr ihre Untaten belangt, aber trotzdem bleibt ein flaues Gef\u00fchl im Magen, denn man kann sich sicher sein, da\u00df dies nicht nur aus Liebe zur Gerechtigkeit geschieht, sondern vielmehr, um eine machtpolitische Regulierung zugunsten einer anderen despotischen Macht im Lande einzuleiten: dem konservativen Islam.<br \/>\nT\u00e4glich werden Frauen von ihren eifers\u00fcchtigen M\u00e4nnern ermordet, junge M\u00e4dchen von ihren vermeintlichen Ehem\u00e4nnern missbraucht und misshandelt, ohne dass die T\u00e4tet eine gro\u00dfe Strafe zu erwarten h\u00e4tten. Denn der Mann hat hierzulande immer noch ein dominantes Vorrecht in Geschlechterfragen.<br \/>\nDas die unabh\u00e4ngige Justiz immer noch ein ferner Traum ist, zeigen die Prozesse um den internationalen Schwindelverein &#8222;Deniz Feneri e.V.&#8220;, \u00fcber den &#8211; unter dem Deckmantel der Wohlt\u00e4tigkeit f\u00fcr moslimische Glaubensbr\u00fcder und -schwestern &#8211; in Deutschland Spenden f\u00fcr Erdo\u01e7ans Wahlkampf im Jahr 2007 gesammelt wurden. Die deutschen Beh\u00f6rden haben den Fall aufgedeckt und haben die Gerichtsakten schon lange an die t\u00fcrkischen Justizbeh\u00f6rden weitergereicht, aber nun werden &#8211; statt der in dem Fall beschuldigten Drahtzieher &#8211; ebendiese t\u00fcrkischen Staatsanw\u00e4lte belangt und verurteilt, die die Akten und somit den Fall an sich nahmen.<br \/>\nAuch der Fall um den 2007 auf offener Stra\u00dfe ermordeten armenischst\u00e4mmigen Journalisten Hrant Dink zeugt nicht gerade von einem fortgeschrittenen Gerechtigkeitsbewusstsein. Seit Jahren versandet der Fall, weil systematisch Zeugenaussagen gef\u00e4lscht und Beweissmittel beseitigt werden.<br \/>\nDer gesamte t\u00fcrkische Polizeiapparat ist seit Jahren von der sektenartigen Organisation eines der dubiosesten Gestalten der t\u00fcrkisch-islamischen Diaspora unterwandert: &#8222;Fethullah G\u00fclen&#8220;. G\u00fclen lebt seit Jahren in Amerika &#8211; ist aber eine unbestreitbar m\u00e4chtige Gestalt im Land und auch in vielen Bereichen der islamischen Welt. Vor allem hat er ein riesiges Kapital im R\u00fccken, von dem keiner genau weiss, wo es herstammt. Er leitet ein gigantisches Imperium von Seilschaften im wirtschaftlichen Bereich und beeinflu\u00dft die politischen Vorg\u00e4nge im Land massiv.<br \/>\nWichtige st\u00e4dtische und staatliche Kulturinstitutionen &#8211; wie z.B. die Theater &#8211; werden gerade von geradlinigen und strenggl\u00e4ubigen B\u00fcrokraten unterwandert, die die Intendanz der gr\u00f6\u00dften Kultureinrichtungen des Landes \u00fcbernehmen und im Grunde nat\u00fcrlich nichts anderes machen, als zu zensieren (das \u00e4u\u00dfern sie unverbl\u00fcmt selber in Diskussionsrunden im Fernsehen).<br \/>\nDie T\u00fcrkei ist momentan in aller Munde und Istanbul als Metropole scheint gro\u00df zu boomen, aber die Entwicklungen in dem Land sind alles andere als romantisch. Es empfiehlt sich skeptisch zu sein und stark zu hinterfragen. In diesem Zusammenhang spielt Atat\u00fcrk immer noch eine gro\u00dfe Rolle, denn auch in Anbetracht seiner historischen Schw\u00e4chen, sollte man sich gerade jetzt auf seine positiven Errungenschaften besinnen und ihn im Spiegel der Zeit bewerten, in der er gelebt hat und auch im Rahmen der historischen Bedingungen.<br \/>\nDie Partei Tayyip Erdo\u01e7ans vertritt hingegen eine neue Form von Turbokapitalismus, die sich ganz bewu\u00dft immer weiter weg entfernt von einem sekularen Ansatz und somit auf gef\u00e4hrliche Weise Islamismus mit eindimensionalen neoliberalen Visionen zusammenbringt.<br \/>\nWenn die innen- und aussenpolitischen Entwicklungen wieter so voranschreiten und die T\u00fcrkei mit der chauvenistischen Haltung wie bisher auch noch als Regulator in nahen Osten auftritt und sich vielleicht sogar dazu verleiten l\u00e4sst, in Syrien einzumarschieren, dann wird man sich wieder Mustafa Kemal Atat\u00fcrk zuwenden und ihn sich herbeisehnen &#8211; vielleicht diesmal mehr nach seinen Inhalten, die er mit einer gro\u00dfen Visionskraft in den 20&#8217;er Jahren dieses Jahrhunderts auf den Tisch gelegt hat und weniger nach seiner leeren Heldenfassade.<br \/>\nEines kann man bei aller Atat\u00fcrkkritik nicht ignorieren: Er war einer der gr\u00f6\u00dften Staatsm\u00e4nner seiner Zeit und hat die demokratischen Grundwerte geschaffen, auf deren Basis sein Erbe selber jetzt bek\u00e4mpft wird. Es lohnt sich, ihn zu kritisieren, aber gegen ihn zu Felde zu ziehen, oder gar ihn zu ignorieren, wird nichts bringen. Das ist reine Verschwendung wertvoller Gewissensressoucen. Wer Atat\u00fcrk als grausamen Diktator hinstellen will, der sollte das im gleichen Zuge mit Churchill und De Gaulle auch tun. Diese werden jedoch differenziert im Spiegel ihrer Zeit gesehen und das hat dieser Mensch meiner Meinung nach auch verdient.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich befinde mich gerade in einer meiner beiden Heimaten. Der T\u00fcrkei. 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