{"id":1590,"date":"2018-07-18T11:16:33","date_gmt":"2018-07-18T11:16:33","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=1590"},"modified":"2018-07-23T07:05:13","modified_gmt":"2018-07-23T07:05:13","slug":"die-fussballweltmeisterschaft-ist-mir-immer-noch-scheissegal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=1590","title":{"rendered":"Die Fu\u00dfballweltmeisterschaft ist mir immer noch schei\u00dfegal"},"content":{"rendered":"<p>Elfmeterkrimi, spannender Stellungskampf, die Stars, die Finten, Reaktionsst\u00e4rke, Durchhalteverm\u00f6gen, die Fanges\u00e4nge, die Strategien der Coaches, dumme und am\u00fcsante Spielerstatements, die Bemalungen und das Gefiebere der Fans. Alles sch\u00f6n und gut. Aber irgendwann wird&#8217;s schon unversch\u00e4mt.<\/p>\n<p>Warum unversch\u00e4mt? Das will ich gerne erl\u00e4utern, aber dazu muss ich ein wenig ausholen: die Zeiten, als ich mir regelm\u00e4\u00dfig am Wochenende dem Schicksal eines Spielballes folgend die Kehle aus dem Leib schrie und bei Fu\u00dfballweltmeisterschaften und Klassikerduellen fast die Besinnung verlor, ist sehr lange her. Ich war jung und mir waren die komplexen Zusammenh\u00e4nge des Fu\u00dfballgesch\u00e4fts und auch die gesellschaftlichen, historischen und politischen auf der Welt nicht so ganz bewusst &#8211; Ich meiner selbst auch nicht so richtig. Die Welt schien nach vorgef\u00fcgten Regeln zu funktionieren, an die ich mich eben anpassen musste und Fu\u00dfball war einer dieser wichtigen Faktoren in meinem Leben. Wer fr\u00e4gt da schon nach dem warum? Alle waren hei\u00df darauf und ich eben auch. Hinzu kam, dass in den 80&#8217;ern in Istanbul, wo ich mich damals befand, Spieler noch nicht so mit Geld zu geschissen wurden wie heute. Es gab Spieler, die konnte man unter der Woche in ihren angestammten Vierteln antreffen und mit ihnen ratschen. Sie waren sehr bekannt, aber trotzdem irgendwie normale Menschen, keine G\u00f6tter. Sie hatten dieselben Probleme, wie alle anderen und konnten sich nur m\u00e4\u00dfig mehr leisten, versuchten sich im Kleingewerbe, versagten, verloren ihr Geld beim Spiel, oder versoffen es nach dem Ende ihrer Karriere.<\/p>\n<p>Man ging damals fr\u00fch ins Stadion, weil es keinen Vorverkauf f\u00fcr die billigen Pl\u00e4tze gab. So setzte man sich also unter die sengende Sonne im Ali Sami Yen oder im In\u00f6n\u00fc Stadion und wartete in der Kurve aufs Spiel, welches \u00fcbrigens im Sommer auch schon mal um 20.00 h Abends erst beginnen konnte. Solange vertrieb man sich die Zeit damit, die Fans des Rivalen mit Stehgreifreimen zu necken, auf die diese dann immer prompt im kollektiven Fangesang antworten mussten, sonst war gleich die Ehre des ganzen Vereins futsch. Die Creative Executors sa\u00dfen ganz am unteren Rand der Trib\u00fcnen. Das waren die Elitegymnasiasten und -studenten der renommierten Schulen und Universit\u00e4ten (Wir waren nat\u00fcrlich alle M\u00e4nner, by the way). Sie fungierten wie der Hypothalamus der gesamten Fankurve. Sobald der Reim stand, wurde er durch Fl\u00fcsterpost in windeseile nach oben weitergegeben, dann z\u00e4hlte der gut sichtbar positionierte, obligatorische Paukenspieler auch schon ein und los ging es. Was darauf folgte war eine Art &#8222;Freestylebattle zwischen zwei Fankurven&#8220;. Wer zu lange mit seiner gereimten Antwort im passenden Versma\u00df brauchte, hatte verloren. Das ging dann so lange, bis sich M\u00fcdigkeit, Hunger und Durst wieder einschalteten. Entweder hatte man sich genug Proviant mitgenommen, oder man wurde Opfer der K\u00f6fte- und Wasserh\u00e4ndler im Stadion, die sich das ganze Spektakel nat\u00fcrlich mit Wucherpreisen zu Nutze zu machen wussten.<\/p>\n<p>Es gab keinen Fernsehbeweis, was weitreichende M\u00f6glichkeiten f\u00fcr kleine Schiebereien bot, welche wiederum den Presserummel um das ganze befl\u00fcgelten. Nach dem gewonnenen Heimspiel zog man dann feiernd \u00fcber die Istiklal-Stra\u00dfe ins Vergn\u00fcgungsviertel Beyoglu, um sich ein Paar Bier und panierte Muscheln mit Knoblauchso\u00dfe zu g\u00f6nnen. Ein paar Jahre habe ich das so durchgezogen und es war tats\u00e4chlich herrlich, muss ich gestehen. Auch damals ging zwar die Welt ein St\u00fcck weit unter, aber ich war Gott sei dank zu jung, um das alles zu begreifen. Irgendwann nach 3-4 Jahren war ich dann im Alter von um die 20 rausgewachsen aus diesem Kreislauf. Seitdem gab es selten R\u00fcckf\u00e4lle.<\/p>\n<p>Jetzt sieht es im Fu\u00dfballgesch\u00e4ft anders aus. Irrsinnig hohe Gagen und Transfergeb\u00fchren, \u00dcbertragungslizenzen etc. machen das ganze Spektakel zum Absurden Megaschauspiel, in dem das Spiel an sich immer unwichtiger wird. V\u00f6llig \u00fcberladen und Barock mutet der Fu\u00dfballzirkus an. Stumpfsinnige Fu\u00dfballerzitate beherrschen die Medienagenda und sogar die politische ab und an. Es ist kaum auszuhalten.<\/p>\n<p>Auch auf politischer Ebene vollzieht sich eine \u00e4u\u00dferst dynamisierte Entwicklungskurve. Der ganze Irrsinn, der sich in der Zeit des kalten Krieges noch anbahnte, kommt jetzt gerade zum sieden. Der populistische Wahnsinn ist wieder einmal zum t\u00e4glich Brot geworden, Gefl\u00fcchtete ertrinken zu tausenden j\u00e4hrlich im Mittelmeer, In Gaza sind die Menschen eingekesselt, werden tagt\u00e4glich zerbombt und wer f\u00fcr sie Stellung bezieht gilt als &#8222;antiisraelisch&#8220; (was immer das auch hei\u00dfen mag?), w\u00e4hrend wir um die Rettung von ein paar thail\u00e4ndischen Sch\u00fclern aus einer Tropfsteinh\u00f6hle fiebern, jeden Tag uns selbst in den sozialen Medien feiern, Fu\u00dfball und Netflix gucken, Games ballern und so tun, als ob die ganze Schei\u00dfe auf dieser Welt noch genau so leicht zu ignorieren w\u00e4re, wie noch vor 10 Jahren. Das ganze wird garniert mit Politikerzitaten, deren Stumpfsinn dem von Fu\u00dfballproleten in nichts nachsteht. Rechtsnationalisten sitzen in &#8222;Deutschland&#8220; im Parlament und beim Nachbarn \u00d6sterreich schon in der Regierung! Ein deutscher Innenminister kann es sich erlauben, \u00fcber die lebensbedrohliche Notsituation von abertausenden Menschen Witze auf einem Niveau zu rei\u00dfen, das einem Mark und Bein erschaudern l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Im NSU-Prozess wird der T\u00e4terkreis trotz schwerer belastender Beweise und Fakten hartn\u00e4ckig auf ein &#8222;isoliertes Trio&#8220; beschr\u00e4nkt und jeder in diesem Land wei\u00df ganz genau, was eigentlich dahintersteckt: n\u00e4mlich ein abgebr\u00fchter Unwillen der Justiz, die ganze Nazikacke, in der Verfassungsschutz, Polizei und einige andere staatliche Institutionen bis zum Halse stecken, umfangreich aufzudecken. Schlie\u00dflich geht es hier um die tiefsten der unergr\u00fcndlichen Tiefen der Staates, die es um jeden Preis zu sch\u00fctzen gilt! Jetzt hat man Zeit gewonnen. Die M\u00fchlen des Gesetzes k\u00f6nnen bei Bedarf eben noch viel l\u00e4nger mahlen, als so schon \u00fcblich. Die Hoffnung ist wohl, dass das Thema somit in der \u00d6ffentlichkeit an Brisanz verliert und irgendwann dann nur noch in &#8222;was ist eigentlich aus &#8230;.. geworden&#8220;- Artikeln der gro\u00dfen politischen Zeitschriften und Magazine auftaucht.<\/p>\n<p>Einen solchen Umgang mit &#8222;unbequemen&#8220; Inhalten von Staats wegen, bem\u00e4ngeln wir Deutschen immer sehr gerne an sogenannten &#8222;diktatorisch gef\u00fchrten Staaten&#8220; wie der T\u00fcrkei, oder Ru\u00dfland: Ganz offensichtliche und ungehemmte Beseitigung von unliebsamen ZeugInnen, Schredderung und jahrhundertlange Abschottung von juristisch relevanten Akten und und und. Kein Zweifel, da wirkt wohl ein &#8222;ultratiefer Staat&#8220; und das schon seit langem. Man kann es sich scheinbar in diesem Land erlauben, schmutzige Machenschaften von staatlichen Beh\u00f6rden und Institutionen einfach unter den Tisch fallen zu lassen, M\u00f6rdernetzwerke, die zum gro\u00dfen Teil mit dem Verfassungsschutz zusammenarbeiten und von diesem finanziert werden, zu decken und eben auch Personen, die nachweislich bei einer Reihe von rassistisch motivierten Morden Mithilfe geleistet haben, Tatwaffen besorgt haben etc., mit l\u00e4ppischen Haftstrafen belohnen?<\/p>\n<p>Wenn ich in hitzigen Debatten meine Meinung \u00e4u\u00dfere und von &#8222;Nazi&#8220;-Strukturen spreche, dann kommt es oft vor, dass so mancher\/e pl\u00f6tzlich ein Schweppes-Gesicht kriegt: Nazis gebe es nicht mehr, hei\u00dft es dann oft. Mit unserer Nazigeschichte h\u00e4tten wir Deutschen abgeschlossen. Das w\u00e4re alles Vergangenheit und Geschichte. Wenn, dann solle man von &#8218;Neonazis&#8216; reden und bitte dringend von einem historischen Zusammenhang mit den Nazis von damals absehen!&#8220;<\/p>\n<p>Den Gefallen werde &#8222;Ich&#8220; ihnen jedenfalls nicht tun. Vor allem tue ich ihnen nicht den Gefallen, mit der besonderen Qualit\u00e4t ihres kulturell ma\u00dfgeschneiderten Faschismus sich auch noch eine Einzigartigkeit her zu inszenieren. Nein, der deutsche Faschismus ist nix besonderes! Er ist genauso Faschismus, wie jede andere Form des national und kulturell impregnierten Faschismus auch! Man kann sie Nazis, Neonazis, Faschisten, Rassisten oder sonst wie benennen. Die Deutschen sind da nichts Spezielles. Momentan nimmt diese Gesinnung wieder weltweit das Heft in die Hand und keiner von uns kann sich seiner Verantwortung entledigen. Keiner und Niemand! Es f\u00fchrt kein Weg daran vorbei, sich auch mit dem Faschisten, Rassisten, dem Unmenschen in sich selbst zu konfrontieren &#8211; in jedem Moment, in dem man das Leid anderer ignoriert, weil man doch nichts daf\u00fcr kann und sich in der wohlhabenden und sicheren westlichen Zivilisation ja eh auf der &#8222;richtigen Seite&#8220; w\u00e4hnt.<\/p>\n<p>Seien wir uns eines sicher: Wir sind mitnichten automatisch auf der richtigen Seite! Viele von uns sind leider ignorante Flachk\u00f6pfe. Vor nichts sind wir gefeit! Jeden Moment kann wieder alles passieren, was wir uns in unseren wildesten Alptr\u00e4umen nicht vorstellen wollen und es passiert schon. Keiner von uns hat das Recht, zu meinen, dass sein wei\u00dfer gep\u00e4mperter Europ\u00e4erInnenarsch einen besonderen EU-Schutzschild besitzt! In einer solchen Situation so zu tun, als w\u00e4re das Leben eine Sitcom und man selbst sein eigener Hauptdarsteller oder seine Hauptdarstellerin ist \u00e4u\u00dferst vermessen und dumm.<\/p>\n<p>Und die Moral von der Geschicht?<\/p>\n<p>Schei\u00df auf Fu\u00dfball!<br \/>\nVergi\u00df Weltmeister! Vizeweltmeister, 3. und 4. Pl\u00e4tze interessieren eh niemanden.<\/p>\n<p>Stattdessen sollte man dem Heimatministerium als Institution mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen. Und zwar so lange, bis es endlich abgeschafft ist.<\/p>\n<p>Und mit was man sich sonst besch\u00e4ftigen k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte sich um Mitmenschen in Not aufrichtig k\u00fcmmern! Man k\u00f6nnte auch in erhitzten politischen Diskursen trotzdem Mensch bleiben und nicht zu Abziehbildern davon zusammenschrumpfen! Man k\u00f6nnte sich ehrenamtlich organisieren! Man k\u00f6nnte mal was umsonst f\u00fcr nen guten Zweck tun, um Menschen zu entlasten, die das ihr halbes Leben lang schon machen! Man k\u00f6nnte Menschen in Not aufnehmen, ihnen helfen, sich zurechtzufinden in diesem Dschungel! Man k\u00f6nnte sich dabei ertappen, wie man dazu neigt, sie billig abzustempeln, schwammige Ausreden zu erfinden, um durch eine Gewisse Portion Ignoranz sein Gewissen zu entlasten! Man k\u00f6nnte sich mit genau diesem Gewissen und sich selbst konfrontieren, vor allem mit seinem Europ\u00e4ertum, den zu diesem geh\u00f6rigen sogenannten Werten. auf die man sich mit seiner popligen Identit\u00e4t beruft! Von den religi\u00f6sen wage ich \u00fcberhaupt nicht zu reden! So manche Parteien tragen ja das C der Christlichkeit sogar als Schmuckornament in ihrem Namen!<\/p>\n<p>Man sollte es nie und nimmer vergessen: Aus Opfern werden sehr schnell T\u00e4ter und umgekehrt! Die gr\u00f6sste Nahrung, ja sogar eine Grundvoraussetzung des Faschismus ist die kollektive Opferhaltung. Moslems, Juden, Christen, Frauen, M\u00e4nner, Schwarze, Wei\u00dfe, Schwule, Lesben, Konservative, LInke&#8230;niemand ist gefeit davor! Jeder kann Opfer und T\u00e4ter werden, ja sogar beides in einem sein.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte also versuchen ein &#8222;anst\u00e4ndiger&#8220; Mensch zu sein, bevor man meint, etwas anderes sein zu m\u00fcssen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Elfmeterkrimi, spannender Stellungskampf, die Stars, die Finten, Reaktionsst\u00e4rke, Durchhalteverm\u00f6gen, die Fanges\u00e4nge, die Strategien der Coaches, dumme und am\u00fcsante Spielerstatements, die Bemalungen und das Gefiebere der Fans. Alles sch\u00f6n und gut. Aber irgendwann wird&#8217;s schon unversch\u00e4mt. Warum unversch\u00e4mt? 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