{"id":1567,"date":"2018-05-23T14:53:33","date_gmt":"2018-05-23T14:53:33","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=1567"},"modified":"2018-07-07T08:31:10","modified_gmt":"2018-07-07T08:31:10","slug":"abanibi-%d7%90-%d7%91-%d7%a0%d7%99-%d7%91%d7%99","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=1567","title":{"rendered":"Abanibi &#8211; \u05d0-\u05d1-\u05e0\u05d9-\u05d1\u05d9"},"content":{"rendered":"<p>1978 war ich noch frische 10 Jahre jung und lebte in einem\u00a0damals neu gebauten brutalistischen Betonwohnhauskomplex in M\u00fcnchen\/Milbertshofen, genau gegen\u00fcber vom riesigen BMW-Firmenareal an der Riesenfeldstrasse. Dort arbeiteten alle unsere Eltern, die in Dienstschichten eingeteilt von fr\u00fch bis sp\u00e4t zwischen Betonwohnsiedlung und BMW-Gel\u00e4nde hin- und herpendelten. Sie gingen meist, wenn wir noch schliefen und wenn sie matt und fahl heimkamen rochen sie nach Schwei\u00df und Motoren\u00f6l.<br \/>\nWir waren die Kinder dieser Arbeitssklaven und waren meist in den Kulturen der Heimaten unserer Eltern sozialisiert.\u00a0Allesamt waren wir vorwiegend Arbeiterklassekids aus Deutschland, Griechenland, Jugoslawien und der T\u00fcrkei. Lediglich eine Familie mit franz\u00f6sisch-haitianischen Wurzeln tanzte aus der Reihe. Die Reagan-\u00c4ra stand vor der T\u00fcr und ich ahnte noch nichts von all den Pop-Ph\u00e4nomenen, die bald \u00fcber mich einbrechen w\u00fcrden: Michael Jackson, Hip Hop, Breakdance, Eisi Gulp, etc..<br \/>\nWir waren begeisterte Elvis-, Boney M.- und Abbafans. Die Beatles waren auch allgegenw\u00e4rtig. Ansonsten h\u00f6rten wir die popul\u00e4re Musik, die uns die Kasetten-, Platten- und Radiobeschallungen aus den Hifi-Kombiger\u00e4ten unserer Eltern boten. Ich bin mit dem Sound aufgewachsen, den man jetzt mit dem hippen Namen &#8222;Anatolian Psychodelic Funk&#8220; tituliert.<br \/>\nDen gabs damals nat\u00fcrlich noch nicht. F\u00fcr uns war das popul\u00e4re Volksmusik und rangierte immer schon abseits von Elvis und Abba. Es war eine andere Welt, eine andere Liga, die in unserer Wahrnehmung nichts mit dem Pop des Westens zu tun hatte. Aber uns war damals schon klar: Je mehr die Musik aus den Kassettenrecordern unserer Eltern stilistisch der von Elvis und Abba \u00e4hnelte, desto &#8222;besser&#8220; war sie. Wir wollten alle auch Mitglieder einer &#8222;modernen&#8220; Gesellschaft sein. Vorbild war nat\u00fcrlich die, in der wir lebten. Sie wurde nie in Frage gestellt. Sie war die Norm, auf deren Niveau auch &#8222;unsere Heimatkultur&#8220; irgendwann kommen musste.<br \/>\nSo waren wir als Vertreter*innen\u00a0der migrantischen Kulturen im st\u00e4ndigen Wettstreit miteinander begriffen. Griech*innen und T\u00fcrk*innen vor allem mussten sich gegenseitig st\u00e4ndig etwas beweisen. Die Eltern am Arbeitsplatz, wir Kinder unten im Hof.<br \/>\nDieser Wettstreit kulminierte allj\u00e4hrlich im\u00a0Eurovision Song Contest, auf den wir alle geeicht waren. Wer gab wem wieviele Punkte? Wie pr\u00e4sentierte sich das eigene Heimatland? Aus jetziger Perspektive ist es sehr interessant f\u00fcr mich zu sehen, wie wichtig uns dieses gesellschaftliche Ereignis damals war.<br \/>\nIm besagten Jahr 1978 wurde die T\u00fcrkei wieder einmal fast Letzter und die Griechen rangierten wieder \u00fcber dem 10. Platz. Diese Form der Entt\u00e4uschung waren wir t\u00fcrkischen Kinder schon gewohnt und zankten uns Wacker mit unseren griechischen Nachbarn*innen, mit denen wir uns gegenseitig aufzogen.<br \/>\nWas uns aber tats\u00e4chlich \u00fcber diesen Misserfolg hinweg zu tr\u00f6sten vermochte, war die Tatsache, das wir alle v\u00f6llig begeistert waren vom Sieger-Song: &#8222;Abanibi&#8220;\u00a0von\u00a0&#8222;Izhar Cohen &amp; Alpha Beta&#8220; aus Israel. Der Song war funky, klang fast wie Boney M. und der\u00a0Chorus hatte\u00a0eine unglaublich\u00a0einpr\u00e4gsame Melodie. Wir hatten keine Ahnung wor\u00fcber da gesungen wurde, aber es wurde zum Ohrwurm\u00a0der n\u00e4chsten Jahre. Bis zum heutigen Tag hatte und habe ich ihn immer wieder im Kopf und tats\u00e4chlich habe ich mich auch nicht selten gefragt, was die Lyrics wohl bedeuten w\u00fcrden? Wir sangen immer &#8211; dem Wortklang folgend: &#8222;Abanibi abanebe, abanibi abanebe obataba&#8220;, was nat\u00fcrlich nicht stimmte, aber wen juckte das schon?<br \/>\n<iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/DzGnWSIuJvo\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><br \/>\nDen letzten Eurovision Song Contest 2018\u00a0hat tats\u00e4chlich nach 40 Jahren wieder\u00a0eine israelitische K\u00fcnstlerin, n\u00e4mlich &#8222;Netta Barzilai&#8220; mit dem Song &#8222;Toy&#8220; gewonnen. Meiner Meinung nach hat sich Netta zwar mit der &#8222;me too Debatte&#8220; einen politisch sehr wichtigen Inhalt ausgesucht, der Song kann aber von der Groovequalit\u00e4t und vom Kultcharakter her, dem Hit von 1978 kaum das Wasser reichen.<br \/>\nGenau dar\u00fcber unterhielten wir uns in einer Runde von Freundinnen und Freunden letztens. Unter uns befand sich auch ein junger T\u00e4nzer aus Israel und mir viel mein Lieblingseurovisionsgewinner von damals wieder ein. Ich dachte mir, ich nutze die Gelegenheit und frage mal nach der Bedeutung des Textes.<br \/>\nMein israelischer Freund sagte mir, dass der Titel &#8222;Ich liebe dich&#8220; &#8211; also auf Hebr\u00e4isch &#8220; Ani obew ochta&#8220; bedeuten w\u00fcrde, aber der ungew\u00f6hnliche Duktus daraus resultiere, dass\u00a0eine unter Kindern im ganzen nahen Osten sehr beliebte sprachliche Umformung angewandt w\u00fcrde. Ich kannte das noch aus meiner Kindheit: es handelt sich um die sogenannte &#8222;Bi-Sprache&#8220; und sie funktioniert folgenderma\u00dfen: Nach jeder Silbe wird eine in der Vokalharmonie angepasste Zusatzsilbe eingef\u00fcgt. Das ist ein unter Kindern sehr beliebtes Wortspiel und kann auch dazu dienen, die eigenen Pl\u00e4ne in Gegenwart der Erwachsenen kryptisch zu kodieren. So war also der\u00a0Titel meines Lieblingsliedes aus meiner Kindheit entstanden: &#8222;Abanibi obo ebew obachtaba&#8220;.<br \/>\nNun verstand ich auch, warum der Song gerade bei uns Kids so sehr eingeschlagen hatte. Ein geschickter Schachzug, denn die Wortmelodie bleibt auch lautsprachlich leicht h\u00e4ngen. Ideal f\u00fcr einen Popsong! Ich war nun nach fast 40 Jahren nur noch mehr begeistert\u00a0und wir wollten alle den alten Eurovisionshit anh\u00f6ren. Dazu z\u00fcckte einer von uns sein Handy und wir suchten danach im Netz.<br \/>\nW\u00e4hrend\u00a0unserer Suche\u00a0wurde unsere Freude aber schlagartig auf null reduziert und blieb uns in unseren trockenen Kehlen stecken: die israelische Staatsmacht hatte just an diesem Tag mit scharfer Munition auf pal\u00e4stinensische Demonstrant*innen an der Grenzregion zu Gaza reagiert, die gegen die Einrichtung der amerikanischen Botschaft in Jerusalem auf die Stra\u00dfe gegangen waren: 51 Tote und fast 1700 verletzte. Die zahlen wurden st\u00fcndlich nach oben korrigiert.<br \/>\nWir h\u00f6rten uns den Song trotzdem an und hatten die n\u00e4chsten Tagen alle den Ohrwurm. Es ist schlie\u00dflich ein Lied \u00fcber die Liebe und die ist alles, was uns auch im gr\u00f6\u00dften Wahnsinn unseres schizofrenen Daseins bleibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1978 war ich noch frische 10 Jahre jung und lebte in einem\u00a0damals neu gebauten brutalistischen Betonwohnhauskomplex in M\u00fcnchen\/Milbertshofen, genau gegen\u00fcber vom riesigen BMW-Firmenareal an der Riesenfeldstrasse. Dort arbeiteten alle unsere Eltern, die in Dienstschichten eingeteilt von fr\u00fch bis sp\u00e4t zwischen &hellip; <a href=\"https:\/\/triptown.de\/?p=1567\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[47],"tags":[],"class_list":["post-1567","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-stories"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1567","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1567"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1567\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1626,"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1567\/revisions\/1626"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1567"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1567"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/triptown.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1567"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}