{"id":1379,"date":"2016-11-24T14:42:19","date_gmt":"2016-11-24T14:42:19","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=1379"},"modified":"2016-11-26T10:21:47","modified_gmt":"2016-11-26T10:21:47","slug":"theater-love-it-or-leave-it-im-maxim-gorki-theater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=1379","title":{"rendered":"Theater: &#8222;Love it or leave it&#8220; im Maxim Gorki zu Berlin"},"content":{"rendered":"<p>Ich war ja letztens wieder mal\u00a0in Berlin. Diesmal habe ich mit <a href=\"http:\/\/elektrohafiz.de\/\">Elektro Hafiz<\/a> im <a href=\"http:\/\/www.urbanspree.com\/\">Urban Spree<\/a> ein <a href=\"http:\/\/www.renk-magazin.de\/elektro-hafiz-mit-petra-nachtmanova-bei-achtunghafla\/\">wundersch\u00f6nes Konzert<\/a> gespielt und nebenbei wieder einmal eine Menge Inspiration getankt. Zu <a href=\"http:\/\/www.schlingensief.com\/start.php\">Schlingensiefzeiten<\/a> pilgerte ich dazu oft genug in die Volksb\u00fchne. Momentan zieht es mich eher ins <a href=\"http:\/\/www.gorki.de\/de\/node\/88\">Maxim Gorki Theater<\/a>.<\/p>\n<p>Folgendes St\u00fcck habe ich mir bei der Gelegenheit angesehen:<\/p>\n<p><strong>&#8222;Love it or leave it&#8220;\u00a0von Nurkan Erpulat und Tun\u00e7ay Kulao\u011flu im Maxim Gorki Theater<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/love_it_or_leave_it.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1380 size-full\" src=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/love_it_or_leave_it.jpg\" alt=\"love_it_or_leave_it\" width=\"708\" height=\"398\" srcset=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/love_it_or_leave_it.jpg 708w, https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/love_it_or_leave_it-300x169.jpg 300w, https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/love_it_or_leave_it-500x281.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 708px) 100vw, 708px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/antonia-maerzhaeuser\/ganz-schoen-am-arsch\">https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/antonia-maerzhaeuser\/ganz-schoen-am-arsch<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.nachtkritik.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=13216:love-it-or-leave-it-am-maxim-gorki-theater-berlin-beschaeftigt-nurkan-erpulat-sich-mit-dem-zustand-der-tuerkei&amp;catid=38:die-nachtkritik-k&amp;Itemid=40\">http:\/\/www.nachtkritik.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=13216:love-it-or-leave-it-am-maxim-gorki-theater-berlin-beschaeftigt-nurkan-erpulat-sich-mit-dem-zustand-der-tuerkei&amp;catid=38:die-nachtkritik-k&amp;Itemid=40<\/a><\/p>\n<p>Regie f\u00fchrte Nurkan Erpulat, die Dramaturgie \u00fcbernahm mein Freund Tun\u00e7ay Kulao\u011flu und den Text schrieb der junge M\u00fcnchner Theatermacher und ebenfalls sehr gute Freund Emre Akal.<\/p>\n<p>Die Kritiken, von denen ich oben zwei ausgesucht habe, sind durch die Bank schlecht. Das h\u00e4tte ich mir eigentlich denken k\u00f6nnen, denn mir hat das St\u00fcck sehr gut gefallen. Ich habe auch die komplexen Aussagen, Referenzen, Randnotizen und Themenpunkte verstanden, die in diesem St\u00fcck tats\u00e4chlich wie in einem Unwetter auf einen herabprasseln. Mir hat es auch sehr gefallen, dass es keine klaren Rollenverteilungen auf die Darsteller gab, dass es Mehrfachbelegungen ein und des\/r selben Darstellers\/in gab. Besonders gut hat es mir gefallen, dass keine politische Abrechnung im rationalen Sinne stattfand, sondern man schon auch selber suchen mu\u00dfte nach den Ansatzpunkten und den vielen Hinweisen.<\/p>\n<p>Dieses St\u00fcck bedient keine Meinungsfraktionen! Es bedient weder die t\u00fcrkisch-kemalistischen Sozialdemokraten, die linke Aktivistenfront mit ihrer Forderung nach politischer Korrektheit, noch die hiesigen Elitisten, aber\u00a0am allerwenigsten nat\u00fcrlich die deutsche Mehrheitsgesellschaft und die Erdogankonoformen schon gar nicht. Das St\u00fcck erkl\u00e4rt auch nichts. F\u00fcr diejenigen, die immer eine Anleitung brauchen, gibt es daf\u00fcr einen Glossar, den man sich vor dem St\u00fcck durchlesen kann.<\/p>\n<p>Aber ich will hier gar keine Theaterkritik loswerden. Das haben andere schon gemacht und ich mu\u00df mich dagegen nicht aufb\u00e4umen. Kann sein, dass das St\u00fcck viele ZuschauerInnen nicht so zufriedengestellt hat, wie mich. Das passiert mir st\u00e4ndig und nicht nur in diesem Genre. Ich bin antizyklisch sozialisiert und befinde mich deswegen oft ausserhalb des allgemeinen Konsens&#8216;. Daran bin ich gew\u00f6hnt.<\/p>\n<p>Was ich aber als allgemeinen Mehrwert aus diesem Theaterabend mitgenommen habe, ist die erstaunenswerte Tatsache, dass zwar die meisten Zuschauer\/Innen etwas zu kritisieren fanden, aber aus sehr, sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Das, was die einen zu verschl\u00fcsselt und unverst\u00e4ndlich fanden, war f\u00fcr die anderen wiederum viel zu plakativ und fast wie mit dem Vorschlaghammer pr\u00e4sentiert.<\/p>\n<p>Die Figuren, die f\u00fcr die einen v\u00f6llig klar (fast schon zu klar) umrissen waren, waren den anderen nicht aufgefallen. Jede Fraktion suchte nach ihren spezifischen Anhaltspunkten und forderte nach sehr spezifischer Aufkl\u00e4rung. Die ZschauerInnen kamen nach der Vorstellung auf den Dramaturgen zu und wollten sich unbedingt mit ihm unterhalten, ja sie hatten das dringliche Bed\u00fcrfnis, sich mit ihrer Kritik direkt an ihn zu wenden. So h\u00fcpfte dieser unerm\u00fcdlich von Tisch zu Tisch und stellte sich beharrlich den Fragen. Dabei musste er zumindest einer Kritikerin antworten: &#8222;Eigentlich schreit deine Kritik nach einem eigenen St\u00fcck!&#8220;. Und diese Emfindung hatte ich auch. Love it or leave it ist meiner Meinung nach der erste Ansatz f\u00fcr eine ganze Reihe von St\u00fccken,\u00a0es ist ein Bruchteil, der nie den Anspruch der Vollst\u00e4ndigkeit erf\u00fcllen kann und sollte, denn es ist ein Mosaikstein in einem ganzen k\u00fcnstlerischen Konvolut, dass sich hier auftut. Das erkl\u00e4rt auch die unverst\u00e4ndlich wirkende Erz\u00e4hlsprache und die vermeintlich willk\u00fcrliche Ansammlung von Einzelstr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Dadurch entstanden eine Reihe von sehr angeregten\u00a0Auseinandersetzungen,\u00a0die mir sehr viel \u00fcber die einzelnen Perspektiven und Anspr\u00fcche erz\u00e4hlten, die das vielf\u00e4ltige Publikum des Maxim Gorki Theaters bez\u00fcglich\u00a0genau dieses Themas anscheinend besitzt. Und ich denke, dass genau diese sich wiederum in unserer vielf\u00e4ltigen Gesellschaft wiederspiegeln.<\/p>\n<p>Insofern hat dieses St\u00fcck meiner Meinung nach zumindest einen\u00a0Sinn und Zweck vollkommen erf\u00fcllt. Das tragische f\u00fcr die Macher ist nat\u00fcrlich die Tatsache, dass man sich mit einer solchen Produktion keine dicken Props holt, denn man erf\u00fcllt keinen Einzelanspruch einer Meinungsfraktion. Man bedient nicht, sondern man verweigert sich dem komplett. Man verlangt dem\/r ZuschauerIn viel ab, indem man ihn\/sie mit seineir\/ihrer tagespolitisch motivierten Erkl\u00e4rungsnot alleine l\u00e4sst. Und genau das ist der Punkt!<\/p>\n<p>Denn dies\u00a0bedeutet noch lange nicht, dass hier ein unverst\u00e4ndliches Chaos vorherrscht &#8211; ganz im Gegenteil. Ich empfand dieses St\u00fcck als \u00e4usserst klar formuliert. Es ist nicht reichhaltig recherchiert, sondern n\u00e4hrt sich aus direkten Lebenserfahrungen und Empfindungen. Die zugrunde liegende Struktur ist einfach nur zu Gro\u00df und reicht aus dem Rahmen des St\u00fcckes an sich weit hinaus. Auch das w\u00e4re &#8211; meiner Meinung nach &#8211; legitim.<\/p>\n<p>Aber anscheinend kann man es sich in dieser Gesellschaft als migrantisch-st\u00e4mmiger Theatermacher noch nicht leisten, Bilder zu erzeugen und diese sprechen zu lassen, ohne st\u00e4ndige verbale Wutausbr\u00fcche\u00a0und stringenter Holzhammerdialektik, ohne r\u00fccksichstvolle Schlichtheit und doppeltem-dreifachem Definitionsraum\u00fcbersetzung? Anscheinend wird einem der hohe\u00a0Anspruch, sich in die\u00a0distanzierte Position des K\u00fcnstlers zur\u00fcckzuziehen und von dort seine komplexe Bildsprache zu entwickeln noch nicht geg\u00f6nnt?<\/p>\n<p>Nun komme ich jedoch\u00a0schon wieder in eine Erkl\u00e4rungsposition, die ich dem\u00a0Mehrheitspublikum\u00a0einfach nicht mehr g\u00f6nne. Vom kulturellen Touristenf\u00fchrerdasein\u00a0habe ich mich ja eigentlich schon lang verabschiedet.<\/p>\n<p>Jetzt wird nix mehr erkl\u00e4rt &#8211; stattdessen werdet Ihr zum Diskutieren angeregt. Was wollt ihr mehr? Das ist doch auch viel spannender? Ausserdem:\u00a0so rege wie die Diskussionen nach diesem St\u00fcck waren, kann es ja nicht sooo unbewegend\u00a0gewesen sein?<\/p>\n<p>Und das bringt mich auch schon zum n\u00e4chsten, eher lokal m\u00fcnchenspezifischen Thema: Wann werden wir so eine aufgeregte\u00a0Athmosph\u00e4re endlich hier im Stadttheater erleben? Stattdessen m\u00fcssen wir uns immer noch mit einem Sack Reis begn\u00fcgen, der gerade in den Kammerspielen umgefallen ist und werden dazu angefeuert uns dar\u00fcber unsinnlich das Maul zu zerreisen und das\u00a0nur, um dem Intendanten eine B\u00fchne f\u00fcr seine Shabby Shabby Selbstinszenierung zu bieten.<\/p>\n<p>Langweilig!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich war ja letztens wieder mal\u00a0in Berlin. Diesmal habe ich mit Elektro Hafiz im Urban Spree ein wundersch\u00f6nes Konzert gespielt und nebenbei wieder einmal eine Menge Inspiration getankt. 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