{"id":1354,"date":"2016-09-07T18:40:39","date_gmt":"2016-09-07T18:40:39","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=1354"},"modified":"2016-09-07T18:40:39","modified_gmt":"2016-09-07T18:40:39","slug":"die-tuerkischen-gaudiblaetter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=1354","title":{"rendered":"Die t\u00fcrkischen Gaudibl\u00e4tter"},"content":{"rendered":"<p>Satirezeitschriften haben in der T\u00fcrkei eine lange Tradition. Man kann es sich unter Anbetracht der jetzigen Lage im Lande kaum vorstellen, aber: auch die politische Opposition hat eine lange und ruhmreiche Tradition. Wenn man hier in Europa nicht so sehr auf seinen eigenen Humanistenpimmel fixiert w\u00e4re, dann h\u00e4tte man vielleicht auch mal die Offenheit, sich mit solchen Ph\u00e4nomenen zu besch\u00e4ftigen, aber so begn\u00fcgt man sich einfach mit T\u00fcrken- und Moslembashing.<\/p>\n<div id=\"attachment_1355\" style=\"width: 247px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/alte_girgir_karikatur.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1355\" class=\"wp-image-1355 size-medium\" src=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/alte_girgir_karikatur-237x300.jpg\" alt=\"Ein G\u0131rG\u0131r-Titel aus den 70'ern\" width=\"237\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/alte_girgir_karikatur-237x300.jpg 237w, https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/alte_girgir_karikatur.jpg 633w\" sizes=\"auto, (max-width: 237px) 100vw, 237px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1355\" class=\"wp-caption-text\">Ein G\u0131rG\u0131r-Titel aus den 70&#8217;ern<br \/> (zeigt den damaligen Premier Demirel). <br \/> \u00dcberschrift: Die gest\u00fctzte Regierung <br \/> Demirel: \u201eOhne die St\u00fctze, w\u00fcrde ich fallen, aber so wird das Ding auch irgendwann knallen\u201c<\/p><\/div>\n<p>Ich habe t\u00fcrkische Satirezeitschriften (aufgrund meines sehr jungen Alters) nat\u00fcrlich erst ab den Ende 70ern mitbekommen. Das progressivste Medium war seiner Zeit die G\u0131rG\u0131r (was tats\u00e4chlich soviel bedeutet wie \u201eGaudi\u201c), die wir w\u00f6chentlich immer verschlangen. Obwohl ich mit meinen knapp 10 Jahren und noch relativ rudiment\u00e4ren T\u00fcrkischkenntnissen nur einen Bruchteil der Witze und vor allem der subtilen Anspielungen wirklich begriff, sogen die virtuosen Zeichnungen und der f\u00fcr mich noch sehr neue und aufregende Strassenslang mich f\u00f6rmlich hinein in die schwarz auf gelb bedruckten Seiten. Sie katapultierten mich in eine ganz neue aufregende Welt, die ich nicht ganz verstand, die aber irgendwie lustig zu sein schien. Vor allem konnt ich St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck mehr erfahren \u00fcber all diese Menschen und dieses Land, das so anders war, als die aus Beton gegossene graue Arbeitersiedlung in Milbertshofen, in der ich sozialisiert und aufgewachsen war. Ich gab mich im kurzen Urlaub dieser Welt hin, die viel lebendiger, viel bunter war, sie schmeckte anders, sie roch anders und verhies mir noch viele Geheimnisse, die ich noch erkunden w\u00fcrde.<\/p>\n<div id=\"attachment_1356\" style=\"width: 261px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/uykusuz-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1356\" class=\"wp-image-1356 size-medium\" src=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/uykusuz-1-251x300.jpg\" alt=\"Ein aktueller Uykusuztitel\" width=\"251\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/uykusuz-1-251x300.jpg 251w, https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/uykusuz-1.jpg 740w\" sizes=\"auto, (max-width: 251px) 100vw, 251px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1356\" class=\"wp-caption-text\">Ein aktueller Uykusuztitel:<br \/> &#8211; Wie nennt man das, wenn man um die Toten im Osten trauert?<br \/> &#8211; Volksverrat!<br \/> &#8211; Ah, ja!<br \/> &#8211; Und wenn man um die im Westen trauert, dann nennt man das Laizismus. Aber wenns um Tote in der \u00e4g\u00e4ischen Region geht, dann eher Kemalismus.<br \/> &#8211; Hmm<br \/> &#8211; Und wenn ein verwandter stirbt, dann bekundet man einfach Beileid.<br \/> &#8211; Und was bedeutet nochmal Liebe?<br \/> &#8211; Liebe bedeutet Arbeit<br \/> &#8211; Hmm<br \/> &#8211; Aber sag nichts mit Arbeit oder so, sonst meinen sie, du bist Linker.<\/p><\/div>\n<p>In den Achtzigern verstand ich schon mehr. Auch hatte ich die Gelegenheit, einige Jahre am St\u00fcck in Istanbul zu verbringen und es war grossartig. Die Stadt war damals nicht so hip und voll. Man hatte Platz und Zeit und die Satirezeitschriften kommentierten im Grunde unseren damaligen Alltag dort. Sie begleiteten das Tagesgeschehen fast in Echtzeit. Sie kannten die Wortspiele und die tragikomischen Seiten des Lebens in dieser Stadt, die Absurdit\u00e4ten, die sich bis jetzt immer noch Tag um Tag \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p>Der G\u0131rG\u0131r folgte die Limon. Dann kamen Magazine wie D\u0131g\u0131l, H\u0131b\u0131r, \u00c7arsaf, Leman und irgendwann dann die Penguen. Eine der neueren Namen auf dem Markt ist z.B. die Uykusuz. Und das sind nur wenige Namen. Es sind alles Medien, die in ihren Auflagen fast die Tageszeitungen \u00fcberboten und -bieten. Die T\u00fcrken waren nie gro\u00dfe Zeitungsleser, aber sie fr\u00f6nten schon immer einem Humor, der dicht an der Volksseele dran ist, der flink und wendig ist, der die Sprache der \u201eAmigos\u201c kennt, der Anfeuerer im Fussballstadion. Es ist nat\u00fcrlich auch schon immer eine machistische Welt gewesen, eine m\u00e4nnerdominierte, eine wild fluchende. Der Humor \u2013 so absurd er auch sein mag und so dadaistisch er auch manchmal r\u00fcberkommt &#8211; ist gepr\u00e4gt vom melancholischen Blick der trauernden M\u00e4nnerseele. Es ist die Welt der einsamen Jungs und Patriarchen, die in ihrer sexuellen Unbefriedigung und dem m\u00e4nnlichen Behauptungswahn, sich rastlos in der Stadt bewegen, streckenweise sehr kritisch im Untergrund agieren, aufgrund des gesellschaftlichen Drucks auch immer in Chiffren kommunizieren und vor allem: immer mit dem Schicksal hadern, in dieser unperfekten Gesellschaft leben zu m\u00fcssen, sie sie aber auch leidenschaftliche lieben, zwischen den St\u00fchlen, zwischen Ost und West, zwischen Asien und Europa. So entstehen nat\u00fcrlich gewollt, oder ungewollt viele komische und tragikomische Alltagssituation, die man als Humorist in diesem Land nur auflesen braucht, wie reifes Obst.<\/p>\n<div id=\"attachment_1357\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/uykusuz_karikatur.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1357\" class=\"wp-image-1357 size-medium\" src=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/uykusuz_karikatur-300x226.jpg\" alt=\"Uykusuz Karikatur\" width=\"300\" height=\"226\" srcset=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/uykusuz_karikatur-300x226.jpg 300w, https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/uykusuz_karikatur-398x300.jpg 398w, https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/uykusuz_karikatur.jpg 480w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1357\" class=\"wp-caption-text\">Uykusuz Karikatur:<br \/> Frische Luft&#8230;Vogelgezwitscher&#8230;eine sanfte Brise&#8230;das Rascheln der Bl\u00e4tter&#8230;.<br \/> Hierher komme ich nie wieder!<\/p><\/div>\n<p>Die Zeitschriften brachten und bringen gro\u00dfe Humoristen und Comedians hervor und sind aus dem kulturellen Leben der T\u00fcrkei kaum wegzudenken. Deswegen gibt es dort wohl auch wesentlich mehr von ihnen, als in Deutschland. Es werden mehr Karikaturen gezeichnet, nicht nur in Zeitungen. Manche Autoren und Zeichner musste man wochenlang verfolgen, bevor man ihren \u201ehumoristischen Codex\u201c entschl\u00fcsselt hatte. Es war schon immer raffiniert gemacht und sehr liebevoll gezeichnet, Woche f\u00fcr Woche.<\/p>\n<p>Als Satiriker hatte man es in der T\u00fcrkei nie einfach und mu\u00dfte deswegen immer sehr einfallsreich sein. In der jetzigen Phase der Unterdr\u00fcckung jeglicher Kritik an der despotischen Regierung Erdogans lastet ein enormer Druck auf diesem Genre. Die erste Zeitschrift wurde schon auf Grund eines kritischen Titelbildes aus dem Verkehr gezogen und verboten: die Leman. Die aktuellen Entwicklungen lassen nichts gutes hoffen&#8230;.leider.<\/p>\n<div id=\"attachment_1358\" style=\"width: 261px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/leman_cover.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1358\" class=\"wp-image-1358 size-medium\" src=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/leman_cover-251x300.jpg\" alt=\"leman_cover\" width=\"251\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/leman_cover-251x300.jpg 251w, https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/leman_cover.jpg 750w\" sizes=\"auto, (max-width: 251px) 100vw, 251px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1358\" class=\"wp-caption-text\">Der besagte aktuelle Lemantitel: <br \/> Putsch-Spezialausgabe! <br \/> Ich biete die Mehmetleins (Verniedlichung f\u00fcr den t\u00fcrkischen Soldaten). <br \/> Gesehen \u2013 ich biete meine 50%.<\/p><\/div>\n<p>Triptonious Coltrane<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentlicht im <a href=\"http:\/\/gaudiblatt.de\/25-gaudicaze\/\" target=\"_blank\">Gaudiblatt 25, Camicaze, September 2016<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Satirezeitschriften haben in der T\u00fcrkei eine lange Tradition. 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