{"id":1216,"date":"2016-04-04T21:21:15","date_gmt":"2016-04-04T21:21:15","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=1216"},"modified":"2016-04-11T12:12:36","modified_gmt":"2016-04-11T12:12:36","slug":"der-beste-akrobat-von-panama","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=1216","title":{"rendered":"Der Meisterakrobat von Panama"},"content":{"rendered":"<p>Er stand inmitten seines ger\u00e4umigen B\u00fcros. Die Telefone surrten und bimmelten. Keiner war sonst da, er hatte alle Mitarbeiterinnen und Angestellten hinausgeschickt, und ihnen gesagt, sie sollen eine kleine ausserplanm\u00e4ssige Pause einlegen, sich f\u00fcr eine halbe Stunde in irgendeines dieser kleinen schicken Businesslounge-Caf\u00e9s setzen. Er konnte ihre Blicke nicht mehr ertragen, ihre besorgten Blicke, ihre kurzen Atemst\u00f6sse, ihr \u00c4chzen und Schnaufen.<\/p>\n<p>Nur kurz alleine sein. Ganz kurz nur. Das war alles, was er sich gew\u00fcnscht hatte. Er klammerte sich an diesen Moment im vollen Bewusstsein, dass eine solche Stille in den n\u00e4chsten Tagen und Wochen nur selten wiederkehren w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Da stand er nun in seinem gew\u00f6hnlich schicken Anzug und wunderte sich nur. Seit Jahren betrieb er jetzt schon dieses Gesch\u00e4ft. F\u00fcr ihn war es reine Routine. Aber seit ein paar Tagen war sein Leben v\u00f6llig auf den Kopf gestellt. Der Tag donnerte dahin wie ein Tsunami und schien alles mit sich zu reissen. Er sp\u00fcrte f\u00f6rmlich den Druck der Ereignisse auf seiner Haut. Der Stoff seines Hemdes zerknitterte darunter. Sein K\u00f6rper war schweissnass. Klebriger, kalter Schweiss rann an seinem Oberk\u00f6rper entlang. Sammelte sich in Falten und Ritzen seiner Haut, sammelte sich und vereinzelt schossen die eisigen Tropfen weiter. Sie f\u00fchlten sich an wie winzige Murmeln, die ihn f\u00fcr einen Bruchteil der Sekunde zusammenzucken liessen.<\/p>\n<p>Sein B\u00fcro ist zur H\u00f6lle geworden. Die Mittelsm\u00e4nner des FBI, die Sonderkommission, Staatanw\u00e4lte, Polizisten, Journalisten. St\u00e4ndig klingelte es. Er traute sich gar nicht mehr den Computer einzuschalten. Wie ein getriebenes wildes Tier im K\u00e4fig lief er hin und her, zwischen der get\u00f6nten Glasscheibe mit Ausblick auf die Panoramaterrasse und seinem ausladenden, gewundenen massiven B\u00fcrotisch aus edlem dunklen Tropenholz.<\/p>\n<p>Es f\u00fchlte sich komisch an. So als ob er zusammen mit dutzenden anderen Akrobaten auf dem Trapez zugange gewesen w\u00e4re und pl\u00f6tzlich gerade die Halterung riss, die sein Arbeitsger\u00e4t an der Decke des Zeltes verankert hielt.<\/p>\n<p>Die bittere Gewissheit tritt wohl Blitzschnell ein in einem solchen Moment? In Sekundenbruchteilen nahm er die erschreckenden starren Blicke seiner Kolleginnen und Kollegen wahr, Sie schienen alle etwas zu wissen, was er nicht wusste. Sie wohnten seinem Fall mit erstaunlich eisig kalten Blicken bei. Vorahnung, Wissen und Ensetzen spiegelten sich in ihnen wieder. Dumpf prallte er mit dem R\u00fccken auf den Zirkusboden. Etwas knackte an seinem Hinterkopf. Das Ger\u00e4usch weckte Ekel in ihm. Noch sp\u00fcrte er keinen Schmerz. Nur Entsetzen. Wie oft hatte ihm die Vorstellung an diesen Moment schon den Schlaf geraubt? Wie oft war er schon aus wirren Tr\u00e4umen aufgefahren? Jetzt wurde der Schrecken wahr.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen kleinen Moment stand die Stille im Raum wie Betonblock. Dann die Schreie und das Chaos. Der Zirkusdirektor warf seine Peitsche in hohem Bogen auf den Boden, liess einen laut hallenden Schrei von sich und sprang mit ausfallenden Schritten an die Unfallstelle. Seine Brust bebte auf und ab, w\u00e4hrend er sich mit herabfallenden Haarstr\u00e4hnen und wildem Blick \u00fcber den Akrobaten beugte. Staub wirbelte hoch. Kurz bevor das Bild in seinen Augen verschwamm, erkannte der Akrobat den abgebr\u00fchten Blick in diesem Gesicht, dass ihm bisher so vertraut gewesen war. Er kannte jede Pore und er sp\u00fcrte tiefe Verleumdung und Verrat in den letzten Momenten, an denen gleichzeitig sein ganzes Leben vor ihm vorbeit\u00e4nzelte, wie ein zu schnell abgespulter Stummfilm.<\/p>\n<p>Er sp\u00fcrte Meuchelei. Es war, als ob sein Leib in Schauder buchst\u00e4blich erfror. Sein Atem stockte. Es ging alles so schnell. Ein Kopf nach dem anderen streckte sich \u00fcber ihn und verdunkelte seine Umgebung. Einer nach dem anderem w\u00f6lbten sie sich \u00fcber ihn, die Lichter der grellen Scheinwerfer bedeckend, die ihn ein letztes mal noch blendeten, bevor endg\u00fcltig die Dunkelheit \u00fcber sein Bewusstsein einbrach.<\/p>\n<div id=\"attachment_1217\" style=\"width: 973px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/panama.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1217\" class=\"wp-image-1217 size-full\" src=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/panama.jpg\" alt=\"panama\" width=\"963\" height=\"479\" srcset=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/panama.jpg 963w, https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/panama-300x149.jpg 300w, https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/panama-500x249.jpg 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 963px) 100vw, 963px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1217\" class=\"wp-caption-text\">Der Kanal<\/p><\/div>\n<p>Alle haben es gewusst. Dieses Trapez hat seit Jahren gehalten und funktioniert und die Stabilit\u00e4t der H\u00e4ngekonstruktionen im Zelt war ihnen allen heilig! Sie wurden regelm\u00e4ssig kontrolliert. Eigentlich t\u00e4glich! Jeder wusste das genau: wenn ein Unfall passiert, dann ist es kein Ungl\u00fcck. Einer der Akrobaten wurde geopfert. In diesem Falle war er es.<\/p>\n<p>Er zuckte j\u00e4h auf aus seinem sekundenbruchteile w\u00e4hrenden Tagtraum. Es war ein Alptraum und die Zeit war wie eine dicke Schicht, die zwischen ihm und seinem Bewusstsein stand. All seine Kunden. Er konnte nicht einmal ansatzweise absehen, welche Daten schon in die H\u00e4nde dieser Aasgeier gefallen waren. Die Angaben von Terrabyte-Zahlen hallten in seinem Kopf wieder. Panik wechselte sich ab mit der Ruhe der verzweifelten Gewissheit vom unumg\u00e4nglichen Ende.<\/p>\n<p>Das Ende. Es war jetzt zum greifen nahe. &#8222;Jetzt nur die Nerven behalten. Nerven behalten, wof\u00fcr? Alles war nun verloren&#8220;! Alles, was er sich aufgebaut hatte in all den Jahren, seit der Krise der New Economy, damals zur Jahrtausendwende. Sein Kopf knickte nach vorne \u00fcber die Brust. Die Arme hingen an seinem K\u00f6rper herab wie Tauwerk an einem Frachtschiff im Verladebecken.<\/p>\n<p>&#8222;Dementieren, dementieren. Ich werde alles dementieren. Diese dreckigen Schweinehunde. Dieses Hurenpack!&#8220; zischte er und erschrak vor seiner eigenen Stimme, die klang wie von verblutendem Schlachtvieh. &#8222;Sie haben mich ausgenommen und abgeliefert! Aber wie kann das sein? Die wissen doch, dass ich auch alles weiss? Also muss das eine grosse, eine sehr grosse Nummer sein! Eine verdammt grosse Nummer. Verdammte Scheisse. Verflucht nochmal!&#8220; Er donnerte mit dem Handballen gegen die Wand. Presste die Stirn gegen sie und sp\u00fcrte, wie sein Leib schwerer wurde und ihm die Tr\u00e4nen kamen: &#8222;Sie lassen tats\u00e4chlich alle fallen. Alle werden fallen! Das ist unglaublich&#8230;.&#8220;<\/p>\n<p>Die Verzweiflung \u00fcberkam ihn und er trat an die Glasfront seines B\u00fcros, das sich im obersten Stockwerk eines geschwungen und elegant sich in die H\u00f6he windenden Wolkenkratzers befand, weit oben an der Anh\u00f6he mit einem Rundumblick \u00fcber die M\u00fcndung des Kanals, das Delta, das Meer und mit der gleissenden Sonne, die die Glassfassaden der monumentalen Businesstowers smaragdfarben zum glitzern brachte. Er trat hinaus auf die Terrasse, denn er konnte nicht einmal das ged\u00e4mpfte dunkelt\u00fcrkise Licht der get\u00f6nten Scheiben ertragen, dass er sonst so genossen hatte, besonders an den Abenden, an denen er dann mit gen\u00fcssliche eine edle Havanna rauchend in die Glut der Sonne starrte und ihm sein Tageserfolg durch den Kopf ging.<\/p>\n<p>Er brauchte Licht und vor allem Luft!\u00a0 Wie sch\u00f6n es doch wehte hier oben? Seitdem er hier eingezogen war, vor knapp 6 Jahren, war er vielleicht ein oder zweimal hier hinausgetreten. Eine Schande! Nun w\u00fcnschte er sich, er h\u00e4tte es \u00f6fter getan. Diesen Anblick w\u00fcrde er bald&#8230;sehr bald sehr vermissen.<\/p>\n<p>Er lockerte die Krawatte, w\u00e4hrend er an das Gel\u00e4nder trat. Weit unten h\u00f6rte er das Meeresrauschen, das in das sanfte Summen des Windes \u00fcberging. Er h\u00f6rte die Telefone l\u00e4uten und summen. Wie anders das doch jetzt klang, wie bedrohlich, wie unangenehm? Er war einer der besten seines Fachs gewesen und die allt\u00e4glichen B\u00fcroger\u00e4usche, die bisher wie eine fein komponierte Untermalung seines Erfolges klangen, h\u00e4mmerten nun grausam auf ihn ein, schlimmer als dieser entsetzliche Noiserock, den seine Kinder von fr\u00fch bis sp\u00e4t h\u00f6rten. Er musste vor ihnen fliehen, weit hinaus auf das Meer w\u00fcrde er jetzt gerne schwimmen. Wenn er nur frei w\u00e4re. Frei wie eine dieser M\u00f6wen, die ab und an kr\u00e4chzend um das Geb\u00e4ude schwebten. Er w\u00fcrde bis zum Horizont fliegen und mit den Walen um die Wette eifern. Er war ein Meisterakrobat gewesen. Er hatte an die Konstruktion geglaubt. Er war einst der Garant ihrer Stabilit\u00e4t. Er hatte mit Millarden jongliert und hunderte Konten gleichzeitig f\u00fcr all seine Kunden verwaltet. Er war der Star des Offhore-Gesch\u00e4fts und steuerte hunderte von Breifkastenfirmenbossen, die am Fliessband Deals unterschrieben. Er wusste genau, was das f\u00fcr Gesch\u00e4fte waren und er wusste genau, dass es sehr schwer war, die Wege der Transaktionen und die komplexen Zusammenh\u00e4nge der Gesch\u00e4ftsverh\u00e4ltnisse nachzuvollziehen. Hallo! Er wusste genau, wer ihm dieses Imperium erm\u00f6glicht hatte. Eigentlich war es ein bombensicheres Gesch\u00e4ft. Und jetzt sollte er fallen? Wenn er fiel, dann w\u00fcrden viele andere mitfallen und das sind nicht irgendwelche kleinen Banker an der Wallstreet und in London. Es sind grosse Namen. Das nimmt doch keiner in kauf? Es sei denn: irgendwelche Bastarde, denen er es nie und nimmer zugetraut hatte, nahmen sich vor, die Welt neu zu ordnen.<\/p>\n<p>&#8222;Diese verdammten schmierigen Schurken! Sie haben mich das System mit aufbauen lassen und mit mir meinen Erfolg gefeiert. Sie haben mich angeheizt, mir Preise verliehen und mich hochdekoriert. Nun ziehen sie mir an einem Tag pl\u00f6tzlich den Boden unter den F\u00fcssen weg, oder noch besser gesagt: reissen die Zeltdecke \u00fcber mir auf&#8220;, dachte er. Es war ja klar, dass die Zeiten sich \u00e4ndern w\u00fcrden, aber warum denn gerade er? Wie hatte er das denn nicht kommen sehen k\u00f6nnen? Er war doch der beste gewesen!<\/p>\n<p>Aber vielleicht war das ja der Grund? Der beste hatte am meisten vorzuweisen und am meisten zu bieten. So wie es scheint, wollen sie die Konstruktion komplett umkrempeln. Das bedeutet: es gibt eine neue Generation von Hy\u00e4nen, die zur \u00dcbernahme der Beute bereit stehen. Er starrte hinab in die Strassenschlucht, so als ob er sie suchen w\u00fcrde mit seinen Blicken. Als ob er ihnen noch einmal in die Augen blicken wollte. Denen, die ihm nun alles wegnehmen w\u00fcrden. Alles. Sein ein und alles w\u00fcrden sie ihm nun aus der Hand reissen.<\/p>\n<p>Es war klar: Um die Konstruktion komplett umzukrempeln, brauchten sie seinen stabilsten Tr\u00e4ger!<\/p>\n<p>&#8222;Diese Hundes\u00f6hne&#8220;, dachte er&#8230;.&#8220;diese undankbaren Hundes\u00f6hne&#8220;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er stand inmitten seines ger\u00e4umigen B\u00fcros. Die Telefone surrten und bimmelten. 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