{"id":1187,"date":"2016-03-15T15:17:31","date_gmt":"2016-03-15T15:17:31","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=1187"},"modified":"2016-03-16T00:50:02","modified_gmt":"2016-03-16T00:50:02","slug":"euer-zauberwort-intergration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=1187","title":{"rendered":"Euer Zauberwort: Intergration"},"content":{"rendered":"<p>Integration ist das Traumgebilde einer sturen Mehrheitsgesellschaft.<br \/>\nEin Mittelfinger f\u00fcr die Integration!<br \/>\nEine Gesellschaft, die die Integration von vermeintlich aussenstehenden in seine eigene Strukturen erwartet, muss schon sehr hochm\u00fctig von ihrer perfekten Infrastruktur und stabilit\u00e4t \u00fcberzeugt sein. Dass diese v\u00f6llig unzureichend ist, sehen wir gerade. Deswegen: lasst uns mal an neuen gemeinsamen Strukturen bauen, statt sich auf einseitig definierte zu verlassen!<\/p>\n<p>V\u00f6lker h\u00e4tten theoritisch Anspr\u00fcche auf Nationen, aber da es weder V\u00f6lker, noch Volkskulturen, noch Nationen gibt, er\u00fcbrigt sich ein solch gearteter Anspruch komplett.<br \/>\nAuf national-v\u00f6lkischer Basis sich legitimierende Mehrheitskulturen sind k\u00fcnstliche Konstrukte, die sich so lange von ihrem Staatsmythos tragen lassen, bis sie der n\u00e4chsten Revolution erliegen. Danach sind sie meist Geschichte. Insofern wirkt die Romantisierung solcher kulturellen Anspruchsr\u00e4ume immer recht albern. Zu viel von dieser Albernheit kann jedoch schnell zu existentiellem intellektuellen Unterdruck f\u00fchren, wie man gerade am Beispiel von Pegida, NPD und AFD sehen kann. Aber sogar Vertreterinnen und Vertreter der alten Garde der Sozialdemokraten und der gem\u00e4ssigten Konservativen warten durchaus mal mit realsatirischen Selbstmordattentaten auf. Beispiele will ich der\/dem geneigten Leserin\/Leser ersparen. Dem Hirnfick ist man eh st\u00e4ndig ausgesetzt.<\/p>\n<p>Ich habe mich Zeit meines Lebens jeglichen Formen der Integration in eine irgendwie geartete mehrheitsgesellschaftliche kulturelle Ordnung verweigert. Nicht nur in Deutschland!<\/p>\n<p>Ich glaube nicht an Integration. Vielmehr glaube ich, dass dieser Begriff eine sehr einseitige Laufrichtung in sich birgt und deswegen eigentlich schon immer obsolet war. Es gibt keine stabile kulturelle Einheit und auch keine in diese zu integrierende einheiltich fremde Gesinnungsform.<\/p>\n<p>Deswegen ersch\u00f6pfen sich die Handlungsmuster der voneinander s\u00e4uberlich durch Status und kulturelle Selbstsuggestion gefangenen Gesellschaftsgruppen in stereotypen Haltungen. Die einen helfen und integrieren aus einer \u00fcberlegenen Sondstellung heraus. Ihre Institutionen, Genossenschaften und Vereine werden vorwiegend dominiert von Vertretern der &#8222;weissen&#8220; Mehrheitsgesellschaft. Sie laden grossm\u00fctig ein und ziehen somit den Groll der rechtsextremen und rechtskonservativen Gesellschaftsgruppen auf sich. Diese hingegen wollen die Grenzen gleich ganz dicht machen und auf jeden schiessen lassen, der sich ihr &#8222;illegalerweise&#8220; n\u00e4hert.<\/p>\n<p>Dabei ist seit Darwin eigentlich klar, dass die flexibelsten Strukturen am l\u00e4ngsten \u00fcberleben, aber auch in kauf nehmen m\u00fcssen, nie allzulange gleich zu bleiben. Im Grunde ist jede Gesellschaftsstruktur flexibel, stets im Wandel und plural aufgebaut. Oder sieht irgendjemand auf dieser Welt eine Gesellschaft, die sich nie ver\u00e4ndert und in ihrer Konsistenz immer gleich bleibt?<\/p>\n<p>Das, was vielen immer noch sehr schwer f\u00e4llt, ist es anscheinend, dies zu akzeptieren. Stattdessen st\u00fctzt sich unser Unterbewusstsein stets auf die subtilen Statussicherheiten der Mehrheitskultur. Auch bei denen, die ihre liberale Haltung stets beteuern, ist das so. Die Diskrepanz zwischen Bewusstem und Unterbewusstem wird da oft untersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Es gab Zeiten, da haben in diesem Land migrantische Institutionen fast t\u00e4glich lauthals Integration, Wahlrecht, Mitsprache eingefordert. Das war in den 70ern und ging bis in die Mitte der 80&#8217;er. Damals w\u00e4re die &#8222;Integration&#8220; als Zwischenstufe durchaus m\u00f6glich gewesen und auch nur in dieser Form legitim einforderbar.<\/p>\n<p>Nach der endg\u00fcltigen Durchsetzung der neoliberalen Ordnung unter Reagan, Kohl, Thatcher und Co. jedoch waren diese Forderungen (die im \u00fcbrigen vom Etablissement der Mehrheitsgesellschaft nie wirklich ernst genommen wurden) ersteinmal vergessen. Europa war erstmal damit besch\u00e4ftigt, kapitalistische Strukturen zu schaffen und Kohle zu sch\u00e4ffeln.<\/p>\n<p>Die sozialen und gesellschaftlichen Probleme, die Entfremdung, die aus diesem Kommunikationsbruch erwuchsen g\u00e4rten lange vor sich hin, bis die Spannung kaum zu ertragen war.<\/p>\n<p>Das ist der soziale Brennstoff, den man sich seit Ende der 80&#8217;er teilweise bewusst, aber auch oft unbewusst hergez\u00fcchtet hat. Daraus resultiert nun das gefundene Material f\u00fcr politische Agitation! Das heisst, soziale Spannungen dienten bis vor kurzem als Steinbruch f\u00fcr die politische Propaganda von den Konservativen Kr\u00e4ften in den etablierten Parteien, die sich f\u00fcr sehr klug und geschickt hielten und sie genau zu diesem Zwecke sch\u00f6n auf Halde liegen liessen. Nun erzeugen diese jedoch Abfallsubstanzen, die sich am Grund ansammeln &#8211; so \u00e4hnlich wie gef\u00e4hrliche Gasblasen in grossen M\u00fcllhalden.<\/p>\n<p>Dies bedeutet: das politische Kapital der konservativen Schichten innerhalb der etablierten Volksparteien wandelt sich nun zu gef\u00e4hrlichem Sprengstoff, der in seiner Durchschlagskraft extremeren politischen Gruppierungen als Brandbeschleuniger dient. Ich will damit sagen, dass diese konservativen Schichten in der Mitte der Gesellschaft schon seit langem den N\u00e4hrboden gez\u00fcchtet haben, auf dem sich nun die Afd austobt.<\/p>\n<p>Die Integration hat nicht versagt, sondern ist nur als Forderung der benachteiligten Minderheitenschichten tempor\u00e4r n\u00fctzlich gewesen, war aber als langfristige Pseudol\u00f6sung, wie sie durch eine neokonserative Elite im imperativ eingefordert wurde und wird, nie der richtige Ansatz.<\/p>\n<p>Die Laufrichtung darf nicht st\u00e4ndig von Ost nach West f\u00fchren. Die Menschheit muss eher zusammenkommen in der Mitte gesellschaft. Die rechten Kr\u00e4fte m\u00fcssen wieder dahin gedr\u00e4ngt werden, wo sie hingeh\u00f6ren: an den Rand. Stattdessen muss die b\u00fcrgerliche Mitte durch die Vielfalt besiedelt und erweitert werden.<\/p>\n<p>Welchen Begriff man f\u00fcr diesen Prozess dann w\u00e4hlt, ist mir eigentlich ziemlich schnuppe.<\/p>\n<p>Triptonious Coltrane<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Integration ist das Traumgebilde einer sturen Mehrheitsgesellschaft. Ein Mittelfinger f\u00fcr die Integration! Eine Gesellschaft, die die Integration von vermeintlich aussenstehenden in seine eigene Strukturen erwartet, muss schon sehr hochm\u00fctig von ihrer perfekten Infrastruktur und stabilit\u00e4t \u00fcberzeugt sein. 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