{"id":1116,"date":"2015-12-15T19:27:59","date_gmt":"2015-12-15T19:27:59","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=1116"},"modified":"2016-01-03T14:45:40","modified_gmt":"2016-01-03T14:45:40","slug":"sultans-of-selfdestruction","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=1116","title":{"rendered":"The Sultans of Neoliberalism"},"content":{"rendered":"<p>Es ist schon ein Luxus, an der Strandpromenade von Pendik richtung Kadik\u00f6y auf der anatolischen Seite des Bosporus entlangfahrend alte Hits aus den 70ern im Autoradio zu h\u00f6ren. Vorrausgesetzt der Verkehr flie\u00dft, nat\u00fcrlich. Zwischendurch f\u00e4llt dir das Verkehrschaos immer wieder auf, doch der Blick in die untergehende Sonne gibt dir immer wieder das Gef\u00fchl des Menschseins zur\u00fcck. Doch! Diese Stadt hat immer noch eine Idylle bewahrt, die man zwar meist nur aus der Ferne genie\u00dfen kann, aber sie hat sie noch. Mindestens eine.<\/p>\n<p>M\u00e4nner und Frauen \u00fcberaus sinnlich in ihrer patriarchalen Unsinnlichkeit und in ihrem Unsinn, verstrickt in ihre Kreditkarten und im Verlust ihrer Wahrhaftigkeit, billig verkauft an stillose Stilverk\u00e4ufer, die ihnen die letzten Groschen von ihren digitalen Konten kehren.<\/p>\n<p>Allesamt vergessen sie sich und die Geschichte, die Steine, die Erde, auf der sie leben. In ihrer verzweifelten und unbewu\u00dften Sehnsucht huldigen sie den letzen \u00dcberbleibseln einer oberfl\u00e4chlich geliebten reichen Welt, die sie \u00fcber die Jahrzehnte eigenh\u00e4ndig zertr\u00fcmmert haben. Und diese letzten \u00dcberbleibsel h\u00e4ngen am Schnurbart eines verblassenden Nationalhelden, der heldenhaft und despotisch in die Ferne blickt mit seinen stechend blauen Augen.<\/p>\n<p>Die Frauen sind vezweifelt still, fleissig, immer auf den Beinen, ruhelos, schlaflos, sorgend. Die M\u00e4nner sitzen verhungernd in ihren Luxusanz\u00fcgen, Luxussuiten, Luxuslimusinen, die Augen weit aufgerissen, laut die Stimmen, immerzu die universelle Gerechtigkeit einfordernd, die unsichtbar und fiktiv an ihren aufgerichteten Schw\u00e4nzen h\u00e4ngt.<\/p>\n<p>In all dieser Verzweiflung gedeiht ein Humor, der seinesgleichen sucht. Es wird st\u00e4ndig gelacht und gelacht. Es gibt Geschichten, es gibt gute Musik, es gibt gutes Gem\u00fcse, es gibt G\u00fcte, es gibt einen haufen Emotionen, es gibt den Arabesk und es gibt eine hinter den Prinzeninseln untergehende kugelrunde glutrote Sonne und das Meer voller zappelnder Fische: Istavrit, Cinekop, L\u00fcfer, Palamut, Mezgit, Kalkan. Es gibt salziges Meerwasser, das einem an den Lippen klebt und nach Algen riecht, bei windigem Morgenwetter. Es gibt Menschen, die jeden Tag nach dir fragen, wenn sie dich ins Herz schlie\u00dfen. Es gibt, es gibt und es gibt.<\/p>\n<p>Ganz weit im Hintergrund lauern die totgeglaubten osmanischen Sultane. Die wollen auch wieder unter die Sonne der Gegenwart. Die wiederum tobt in der Grenzregion zu Syrien in St\u00e4dten wie Diyarbakir, Cizre, Silopi, Hakkari, um nur einige zu nennen. Die Sultane verh\u00e4ngen Ausgangssperren und bomben ihren Hass in diese St\u00e4dte, zertr\u00fcmmern historische Gem\u00e4uer, Wohnh\u00e4user, t\u00f6ten Kinder, Frauen, Greise und nennen sie Terroristen, schicken die Lehrer und Lehrerinnen in den Urlaub, um die Schulen zu Munitionslagern umzufunktionieren. Der Tod lauert nun dort, wo einst die fruchtbare Kultur aus dem Zweistromland nach Westen str\u00f6mte. Jetzt wird dort das menschliche Gewissen ermordet. Wieder einmal.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist schon ein Luxus, an der Strandpromenade von Pendik richtung Kadik\u00f6y auf der anatolischen Seite des Bosporus entlangfahrend alte Hits aus den 70ern im Autoradio zu h\u00f6ren. Vorrausgesetzt der Verkehr flie\u00dft, nat\u00fcrlich. 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