{"id":1007,"date":"2015-07-27T08:55:43","date_gmt":"2015-07-27T08:55:43","guid":{"rendered":"https:\/\/triptown.de\/?p=1007"},"modified":"2017-09-26T06:30:58","modified_gmt":"2017-09-26T06:30:58","slug":"man-wird-das-doch-wohl-noch-sagen-duerfen-ein-resumee","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/triptown.de\/?p=1007","title":{"rendered":"Man wird das doch wohl noch sagen d\u00fcrfen? &#8211; ein R\u00e9sum\u00e9e"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">Ja ich habe euch gesehen, wie ihr euch die Freiheit genommen habt, jeden Montag. Ihr habt euch die Freiheit genommen, eure M\u00e4uler aufzurei\u00dfen, soweit es nur ging. Ihr wart die w\u00f6chentlich regelm\u00e4\u00dfig zelebrierte kollektive deutsche Massenunzufriedenheit. Ihr wart die verk\u00f6rperte Angst vor dem Krieg, vor Monsanto, vor den Politikern, vor Europa, vor dem Geld, und diese hat euch auf die Stra\u00dfe getrieben. Und ihr habt euch eure L\u00e4use von den Lebern geredet. Einige von euch haben eine grundlegende Erfahrung gemacht: sie haben sich selbst erkundet, sie haben sich selbst sprechen h\u00f6ren und festgestellt, dass sie ja tats\u00e4chlich in der Lage sind, eine Meinung zu \u00e4u\u00dfern, einen Gedanken zu formulieren! Sie haben gemerkt, dass sie ja gar nicht so klein und nichtssagend sind, wie sie sich immer empfunden haben.<\/span><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id=\"attachment_1010\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/rechtsextreme-demonstration-e1437987732883.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1010\" class=\"size-medium wp-image-1010\" src=\"https:\/\/triptown.de\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/rechtsextreme-demonstration-300x213.jpg\" alt=\"Stinknormale B\u00fcrger\" width=\"300\" height=\"213\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1010\" class=\"wp-caption-text\">Stinknormale B\u00fcrger<\/p><\/div>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><br \/>\n<\/span><\/span>Da war sie wieder: die Volksseele, die den dunklen L\u00f6chern des kleinb\u00fcrgerlichen Daseins f\u00fcr einen Tag in der Woche entfloh. Jedes mal etwas lauter, etwas mutiger, etwas kraftvoller, so schien es. Es war gelebte Demokratie, nicht wahr? Ein Volk von b\u00fcrgerlichen Angestellten, mittelst\u00e4ndischen Unternehnmern, Arbeitern, Kommunisten, Sozialdemokraten, konservativen Eigenhaush\u00e4lftenbesitzern, Kleinmechanikern, Studenten, Alternativen, Punks, Aktivisten, aber auch selbsternannten Leitkulturvertretern und Faschos, Neonazis therapierten sich selbst, redeten sich in Ekstase. Ein Volk von kleinen Seelen wurde endlich ein einziges gro\u00dfes Ding und alle waren dabei. Der ganze Querschnitt. Pl\u00f6ttzlich wart ihr wieder wer, ihr wart frei, nicht wahr? Verschw\u00f6rungstheorien, Kriegs\u00e4ngste, Unzufriedenheit. Alles kulminierte feierlich am Montag und jeder durfte reden. Das war gelebte Freiheit! Das war doch so toll!<\/p>\n<p>Aber soll ich euch was verraten, ihr naiven Montagstrottel? Einige wenige Bauernschlaue unter euch haben brav mitprotokolliert. Ja, Woche f\u00fcr Woche, all den M\u00fcll, der geredet wurde, all die guten Argumente, all die popul\u00e4ren Worth\u00fclsen und Forderungen all eure so spontan und emotional ge\u00e4u\u00dferten \u00c4ngste. All dies haben sie archiviert und festgehalten und fanden es sehr inspirierend und \u00e4u\u00dferst aufschlussreich, was das Volk so von sich gab. Wir leben im Informationszeitalter. Wer was erreichen will, muss Infos sammeln, wo es nur geht. Was sie protokollierten, gab ihnen einen Querschnitt eurer Gem\u00fctslage, eurer Bef\u00fcrchtungen, eurer Sorgen, eurer Hoffnungen. Ja das war ein realpolitischer Goldschatz, den im Prinzip nun derjenige heben konnte, der genau zugeh\u00f6rt hatte.<\/p>\n<p>Und nur nebenbei: ich verzichte v\u00f6llig ungeniert auf das gendern meines Textes. Was kann ich daf\u00fcr, wenn die deutsche Sprache so bescheuert aufgebaut ist, dass jedes verfickte Substantiv weiblich, m\u00e4nnlich und sogar sachlich gekennzeichnet sein kann? Ausserdem: im Endeffekt sind es doch wieder nur zu 90 Prozent die M\u00e4nner, die all die Schei\u00dfe anstellen. Also kann man sich in diesem Falle die weibliche Endung erst recht sparen.<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\"><br \/>\nWie dem auch sei: Diese Protokoll-Listen mussten jetzt nur noch ausgewertet und geordnet werden und man hatte pures politisches Kapital in den H\u00e4nden, das im Grunde jeder f\u00fcr sich werten k\u00f6nnte, der es nur darauf anlegte. Man musste nur schnell genug handeln. Und so geschah es, dass ein Dresdener kleinkrimineller Rechtspopulist einer von denen war, die diese Montagsslogans wohl als erster effektiv einsetzte. Ich kann es mir bildhaft vorstellen, wie er und seine Kumpels sich jeden Montag sch\u00f6n eifrig trafen und die Massentauglichkeit einzelner Argumente testeten, die seit Jahren schon auf besagten Veranstaltungen ge\u00e4u\u00dfert wurden &#8211; von Linken, von Rechten, von Konservativen, Liberalen, Alten, Jungen, M\u00e4nnern, Frauen, etc.. Denn das war ja das Gute an den Montagsdemos. Sie waren offen f\u00fcr \u00a0alle Ideologien, alle\u00a0\u00dcberzeugungen, alle konnten kommen und ihr Maul aufrei\u00dfen. Somit konnte man sich aus den Beitr\u00e4gen eine sch\u00f6ne Schnittmenge von Positionen und Forderungen zusammenschustern, die einer breiten Masse der Bev\u00f6lkerung aus dem Munde sprachen.<\/span><\/span><\/p>\n<p>So \u2013 jetzt musste nur noch ein Titel her. In diesem zeigte sich nun glasklar, wer sich die Deutungshoheit \u00fcber diese uns\u00e4glichen Montagsversammlungen gesichert hatte: \u201ePatriotische Europ\u00e4er gegen die Islamisierung des Abendlandes\u201c. Kurz: \u201ePEGIDA\u201c. Das hatte sich Ken Jebsen wohl anders vorgestellt! Hollaaaaaaaaaa! Jetzt mal ganz ehrlich: nach was klingt denn das? Nach Rassismus, Faschismus, ja sogar Nationalsozialismus? Nach allem zusammen? Alleine das Wort \u201ePatrioten\u201c klingt in diesem Sinne so absurd militaristisch! Vor allem in Kombination mit dem Wort &#8222;Europ\u00e4er&#8220;. So als ob Europa (schon) eine milit\u00e4rische Gro\u00dfstreitmacht w\u00e4re mit einer einheitlichen gro\u00dfeurop\u00e4ischen Armee und wir alle w\u00e4ren treu dienende patriotische Soldaten.<\/p>\n<p>Wenn einem nun dieser Titel sauer aufstie\u00df, und man dies auch noch kund tat, dann wurde man auf ein \u201ePositionspapier\u201c verwiesen &#8211; so nennt man die zusammengeschusterte Liste, die so wirkt als w\u00e4re sie eine Synthese von den Argumenten und Forderungen, von denen ich weiter oben sprach: \u201egegen TTIP\u201c, gegen \u201e\u00dcberwachung\u201c, \u201egegen den Euro\u201c, \u201egegen den Bankenwahnsinn\u201c, \u201eF\u00fcr den Frieden\u201c etc. etc. etc. Diese im ersten Moment sehr legitim klingenden Forderungen wurden nun gemischt mit einigen diffus rassistischen, faschistoiden Argumenten und fertig war sie: die perfekte b\u00fcrgerliche Tarnkappe f\u00fcr Faschodemos Landesweit. Das war dann auch offen zu sehen, an den Leuten, die an ihnen teilnahmen: Vertreter von gestandenen Naziorganisationen, gerissene Rechtspopulisten und dumpfbackige, gewaltbereite Hooligans. Neben ihnen nat\u00fcrlich auch jede Menge Menschen, die sich als \u201estinknormale B\u00fcrger\u201c bezeichneten. Letztere Bev\u00f6lkerungsgruppe ist ja die gef\u00e4hrlichste, weil sie je nach Situation alles sein kann. Sie ist leicht zu manipulieren und auch populistisch sehr schnell umzudeuten. Ein leerer gesellschaftlicher Beh\u00e4lter, der auf Definition und Sinn wartet: \u201eSchauen sie mich doch an, ich bin doch kein Nazi, ich bin ein stinknormaler B\u00fcrger und ich habe eigentlich nichts gegen Moslems, aber&#8230;\u201c. Noch w\u00e4hrend er dies von sich gibt, ger\u00e4t der Skinhead neben ihm ins Bild der Fernsehkamera und fertig ist der Deutungsmix: \u201eDas sind keine Nazis. Das sind stinknormale B\u00fcrger. Der Glatzkopf mit der Reichsfahne ist auch stinknormal. Das konnte man sich lange Zeit in der \u00d6ffentlichkeit nicht erlauben, aber sp\u00e4testens seitdem wir Weltmeister sind, darf man das jetzt wieder. Das ist stinknormal\u201c. Dabei ist es meist irrelevant, was gesetzlich erlaubt ist. Eher von belang ist, was gesellschaftlich tragbar ist. Deswegen immer die Bekr\u00e4ftigung: \u201eDas werde ich jetzt doch wohl mal sagen d\u00fcrfen\u201c.<\/p>\n<p>Die fast schon anschuldigend ge\u00e4u\u00dferte Verteidigungsformel hie\u00df nun: \u201eBevor du voreilig urteilst, lies doch bitte unser POSITIONSPAPIER\u201c. Das wundert im allgemeinen weniger, als die Tatsache, dass es relativ wenige Menschen gab, die sagten: \u201eNein, ich lese kein Positionspapier von Menschen, die sich als &#8218;Patriotische Europ\u00e4er&#8216; bezeichnen\u201c. Die meisten \u201egewissenhaften\u201c Demokraten lasen sich stattdessen tats\u00e4chlich brav die besagten Positionen durch und diskutierten ernsthaft mit psychopathischen Demagogen ganze Tage und Wochen lang in der virtuellen und realen Welt.<\/p>\n<p>Genau diese Hornochsen waren dann so bem\u00fcht um die gleichberechtigte Gespr\u00e4chsplattform, dass sie sich auf absurde Wortspiele einlie\u00dfen: So bekam man zu h\u00f6ren, dass man in der heutigen Zeit nicht mehr \u201eNazi\u201c sagen darf, sondern, wenn, dann nur von \u201eNeonazis\u201c sprechen kann. Als ob Nazis eine ausgestorbene Spezies der Evolution w\u00e4ren, so wie die Dinosaurier. Einige waren felsenfest davon \u00fcberzeugt, dass es in Deutschland keine genealogische Abfolge von Nazis bis in die heutige Zeit gibt. Er meinte also, dass Neonazis eine vollkommen neue Entwicklung der Jetztzeit seien und nichts mit den Nazis von damals zu tun h\u00e4tten. So nach dem Motto: \u201eWir haben die Verbrechen von damals erfolgreich \u00fcberwunden und verarbeitet. Jetzt sind wir freie B\u00fcrger der Bundesrepublik Deutschland und in der BRD gibt es keine Nazis mehr\u201c. Eine Meinung, die man \u00fcbrigens auch besonders gerne und oft von gestandenen Sozialdemokraten zu h\u00f6ren bekommt. Ein sehr beunruhigender Schritt im Sinne der Wahrung des eigenen kulturellen Selbstverst\u00e4ndnisses!<\/p>\n<p>Liebes Volk! Wir reden hier von Freiheit. Also nehmt euch die Freiheit, zu akzeptieren, dass Deutschland den Faschismus nicht mit L\u00f6ffeln gefressen hat. Seid beruhigt! Faschos gibt es \u00fcberall. Die Mehrzahl der Weltbev\u00f6lkerung lebt in strukturell faschistischen und rassistischen Gesellschaften. Keine Angst, Deutschland ist nicht besonders schlimm, nur weil es den Krieg verloren hat. Aber akzeptiert eines: es gibt nach wie vor Nazis, gewaltbereite, straff organisierte Nazis und Nazis sind einfach Nazis. Und es gibt auch nach wie vor Nazipapas und -mammas und -omas und -opas in diesem Lande. Es gilt, das zu tun, was die Staatsmacht aus Befangenheitsgr\u00fcnden nicht in der Lage ist zu tun: den strategischen Druck aufrecht zu erhalten und ihre Handlungsspielr\u00e4ume zu reduzieren.<\/p>\n<p>Leider habe ich nicht die Freiheit, zu sagen: \u201eLieber Staat, wenn deine Institutionen nicht in der Lage und auch offensichtlich nicht Willens sind, unsere Freiheit, unsere Leben, unsere Gesellschaft vor gef\u00e4hrlichen Faschisten zu sch\u00fctzen, dann kriegst du meinen Steueranteil nicht\u201c. Nein, die Freiheit habe ich nicht. Aber ich habe die Freiheit (oder die Pflicht?) das Positionspapier der PEGIDA zu lesen und zu akzeptieren, dass das alles stinknormale B\u00fcrger sind, die nix gegen syrische Fl\u00fcchtlinge haben, solange sie sich bald wieder verziehen, aber gegen Langzeitmigranten, wie Zigeuner und Afrikaner schon, bla bla bla bla.<\/p>\n<p>Das ist schon so ne Sache mit der Freiheit!<\/p>\n<p>Ahoi.<\/p>\n<p>Ver\u00f6ffentl\u00edcht im Juni 2015 im Gaudiblatt Nr. 21<br \/>\n<strong><a title=\"Gaudiblatt Nr. 21\" href=\"http:\/\/issuu.com\/84ghz\/docs\/gaudiblatt-21\/1?e=1387353\/12808314\">http:\/\/issuu.com\/84ghz\/docs\/gaudiblatt-21\/1?e=1387353\/12808314<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ja ich habe euch gesehen, wie ihr euch die Freiheit genommen habt, jeden Montag. Ihr habt euch die Freiheit genommen, eure M\u00e4uler aufzurei\u00dfen, soweit es nur ging. Ihr wart die w\u00f6chentlich regelm\u00e4\u00dfig zelebrierte kollektive deutsche Massenunzufriedenheit. 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